Survival-Kit Studium „Ich habe mich meiner Prüfungsangst gestellt“

Lena, 25 Jahre alt, studiert Agrarwissenschaften im 9. Semester an der Universität Bonn. In unserem „Survival-Kit Studium“ erzählt sie, warum es an der Uni nicht nur um Wissen, sondern auch um Selbstvertrauen geht.
 

Lena, 25 Jahre alt, studiert Agrarwissenschaften an der Universität Bonn. Lena, 25 Jahre alt, studiert Agrarwissenschaften an der Universität Bonn. | Foto (Detail): Unsplash © Hitoshi Suzuki / Privat

Das größte Klischee über Deinen Studiengang – und was davon wahr ist:

„Alles dumme Bäuerinnen und Bauern“ – das ist, um es einmal überspitzt zu formulieren, das Klischee, das Leuten aus den Agrarwissenschaften oft begegnet. Wir gehören zu den Naturwissenschaften, aber die anderen Studiengänge in unserer Fakultät nehmen uns oft nicht als echte Vertreterinnen und Vertreter wahr.
 
Tatsächlich sind bei Agrarfragen neben naturwissenschaftlichen auch wirtschaftliche und soziologische Aspekte wichtig. Und ja, manche Studentinnen und Studenten streben die Nachfolge auf dem elterlichen Bauernhof an. Sie sind deshalb aber weder dumm noch weniger qualifiziert. Da sie vom Hof kommen, haben sie den anderen oft schon viel in praktischen Fächern wie Bodenkunde oder Tierhaltung voraus. Manche haben vorher auch eine Ausbildung abgeschlossen.

Wie sieht Dein normaler Tagesablauf aus?

Ich versuche, immer recht früh in die Uni zu kommen. Wenn ich eine Stunde vor der ersten Veranstaltung in der Bibliothek bin, kann ich noch etwas vorbereiten. Ab zehn Uhr sitze ich dann im Hörsaal. Oft ist es früher Abend, bis ich wieder zu Hause bin.
 
Nebenbei arbeite ich noch acht Stunden die Woche als SHK, sprich als studentische Hilfskraft, am Lehrstuhl für Technologie- und Innovationsmanagement im Agribusiness. Das Agribusiness bezeichnet die Landwirtschaft mit allen dazugehörigen wirtschaftlichen Aktivitäten. Ich muss zweimal die Woche vier Stunden in meinem Terminplan für meine Tätigkeit als SHK unterbringen. Aber ich lerne dort unglaublich viel, bekomme jede Menge von der aktuellen Forschung mit und darf Verantwortung übernehmen: Vor Kurzem habe ich zum Beispiel die Einleitung einer Doktorarbeit Korrektur gelesen. Ich arbeite an Lehrinhalten mit und erhalte so einen anderen Blickwinkel auf das Studium. Außerdem sind wir ein tolles Team: Da wir sehr viele Frauen sind, haben wir eine klasse Arbeitsatmosphäre.

Auf was hättest Du verzichten können?

Auf die Meinungen mancher Kommilitoninnen  und Kommilitonen dazu, wieviel man für bestimmte Kurse lernen sollte. Ich hätte mich öfter auf mich selbst verlassen können.

Welchen Tag an der Uni wirst Du nie vergessen?

Ich bin im 9. Semester – da kommen so viele unvergessliche Momente zusammen! Etwa, als ich den SHK-Job bekommen habe. Oder als wir in einem Kurs einen Businessplan für ein nachhaltiges Pflanzenschutzmittel vorgestellt haben. Das Ganze war Teil der Prüfungsleistung und wurde von einer Jury bewertet. Unsere Gruppe bekam tolles Feedback und viel Lob. Wir haben direkt danach vor dem Hörsaal mit Sekt angestoßen.

Wenn Du dein Studium noch einmal beginnen könntest: Was würdest Du anders machen?

Ich würde mir meine Prüfungsangst eingestehen. Die habe ich lange Zeit verkannt. Ich dachte, es handele sich um normale Nervosität. Aber ich habe mir dann so sehr Stress gemacht, dass ich in jeder Prüfungsphase krank geworden bin.

Aber ich habe mir dann so sehr Stress gemacht, dass ich in jeder Prüfungsphase krank geworden bin.

Da ich erst spät ernstgenommen habe, dass ich unter Prüfungsangst leide, fing ich auch erst spät an, gute Noten zu schreiben. Dann nahm ich ein Angebot der Uni zu Mentalstrategien wahr. Die leitende Psychologin des Kurses hat mir Werkzeuge an die Hand gegeben, mit meiner Angst umzugehen und ihr vorzubeugen. So visualisiere und simuliere ich den Stress einer Prüfungssituation und wende verschiedene Atemtechniken an. Das hat mir sehr dabei geholfen, Selbstvertrauen aufzubauen. Und nun habe ich richtig gute Noten. Ich empfehle allen, denen vor einer Prüfung auch nur übel wird, sich damit auseinanderzusetzen. Körperliche Symptome sind bereits ein Zeichen von ausgeprägter Angst.

Was hat Dich regelmäßig zur Verzweiflung gebracht?

Ich bringe gerne anderen Leuten etwas bei, aber wenn sie dann bessere Noten bekommen als ich selbst, zeigt das wieder, dass es nicht nur auf die Inhalte ankommt. Die Prüfungssituation ist ein wichtiger Faktor. Es wird an der Uni zu wenig vermittelt, dass die Inhalte und die Situation, in denen man sie abrufen will, zwei verschiedene Paar Schuhe sind. Auch erfordern verschiedene Prüfungsarten wiederum verschiedene Wege der Vorbereitung.

Was war oft Deine Rettung?

Mein tolles Wohnheim. Generell: tolle Freunde zu haben, die man anrufen und um Rat fragen kann, die Dich auffangen und Dir eine positive Perspektive geben.

Was hast Du am letzten Tag des Monats gegessen, wann war Sparen angesagt?

Ich bin in der privilegierten Lage, BAföG zu beziehen, also eine finanzielle Unterstützung vom Staat zu erhalten. Außerdem wohne ich sehr günstig in meinem Wohnheim und arbeite, wie gesagt, neben dem Studium. Ich lebe zwar generell sparsam, aber muss nicht auf viel verzichten. Ich konnte mir sogar einen Puffer an Ersparnissen zulegen.

Welche Frage hörst Du auf Familienfeiern jedes Mal?

„Und, wie läuft’s im Studium? Wann bist Du fertig?“ Mittlerweile kann ich sagen, dass es gut läuft und dass ich Ende des Semesters fertig sein werde. Dann warten im Sommersemester aber gleich Praktika und im Anschluss ein Master in AFECO (Agricultural and Food Economics) auf mich.

Wenn Du nicht gerade an der Uni bist: Wo kann man Dich finden?

Auf der Arbeit oder im Wohnheim, wo ich als Haustutorin Veranstaltungen organisiere. Oder man findet mich im Garten meiner Mutter: Dort töpfere ich, male oder baue Gemüse an.

Was war der teuerste Preis für eine gute Note?

Die Mathe Grundlagen-Klausur – ganz eindeutig. Für die habe ich wirklich viel Geld bezahlt. Ich habe Mathe-Nachhilfe von Freunden und einem privaten Lehrer bekommen und bestimmt sechshundert Euro in die drei Anläufe für diese Prüfung investiert. Wieder war der Stoff nicht das Schwierige. Beim ersten Versuch hatte ich Migräne, beim zweiten Mal Prüfungsangst – mir fehlte tatsächlich nur ein Punkt, um zu bestehen! Beim dritten Anlauf, kurz vor der Exmatrikulation, habe ich mich ganz auf die Klausur konzentriert und keine andere Prüfung in dem Semester abgelegt. Es hing alles daran: meine Finanzierung, mein Platz im Studentenwohnheim und das Studium selbst – mein ganzes Leben. Ich habe es geschafft – und zwar gut!

Uni heißt auch: Lernen fürs Leben. Was hat Dir dein Studienfach für Deinen weiteren Weg mitgegeben?

Oh, so vieles.

Ich habe mich meiner Prüfungsangst gestellt und gelernt, dass Selbstvertrauen das A und O ist, und zwar ohne, dass man gleich überheblich sein muss. 

Mir ist außerdem sehr bewusst geworden, dass regelmäßiges Arbeiten viel besser ist, als erst spät anzufangen und sich Stress zu machen.

Und das Studium hat mich gelehrt, kritisch zu denken. Gerade steht die Agrarwissenschaft in den Medien enorm auf dem Prüfstand. Da ich auch die Perspektive der Landwirtschaft kenne, kann ich beides – sowohl die Agrarwirtschaft mit ihren Einflüssen auf die Umwelt als auch die Aussagen der Medien – reflektiert betrachten.