Im Gespräch mit Gesche Ipsen Übersetzen kann Machtverhältnisse ausgleichen

In „Sprache und Sein“ geht Kübra Gümüşay der Frage nach, wie Sprache unser Denken prägt und Machtverhältnisse unserer Gesellschaft bestimmt. Nun erschien das Buch in englischer Übersetzung. Wir haben uns mit der Übersetzerin, Gesche Ipsen, über ihre Arbeit am Buch und die sprachliche Macht des Übersetzens unterhalten.
 

Von Stephanie Hesse

Kübra Gümüşay beginnt ihr Buch mit einem sehr persönlichen Einblick in ihre Beziehung zur Sprache. Sie selbst spricht drei und fühlt, wie sie sagt, vier Sprachen: Türkisch, Deutsch, Englisch und Arabisch. Zahlreiche Begriffe, Phänomene, Situationen oder Gefühle, die in einer Sprache existieren, lassen sich nicht exakt in eine andere übersetzen. Wie erging es Ihnen bei der englischen Übersetzung von „Sprache und Sein“?

Ich kann mich eigentlich an nichts erinnern, was mir allzu große Kopfschmerzen bereitet hätte. Deutsch und Englisch sind sich ziemlich ähnlich, was ihren kulturellen Hintergrund betrifft, daher ist es für mich persönlich wie auch als Übersetzerin nicht allzu schwierig, Ideen und Konzepte von der einen in die andere Sprache zu übertragen. Mehr Zeit braucht man jedoch für die Beseitigung der grammatikalischen und rhetorischen Unterschiede. Beispielsweise ist das Deutsche im Unterschied zum Englischen eine flektierte und geschlechtsspezifische Sprache und oft um Substantive zentriert, während das Englische sich mehr auf Verben und Partikel stützt.

Die Autorin veranschaulicht ihre Aussagen mit unglaublich vielen Geschichten von Begebenheiten, mit Beobachtungen oder Gesprächen. Gibt es eine Geschichte in dem Buch, die Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?

Gümüşays Schilderung der Anfeindungen, die sie als Dreizehnjährige (!) nach dem 11. September erfuhr, und des Drucks, den andere auf sie ausübten, um über komplexe Angelegenheiten mit der Expertise einer altgedienten Journalistin von Reuters zu sprechen, ist unglaublich bewegend. Wie sie gleichzeitig sagt: „Das Durchlaufen der Inspektion, dieser Fragerei, der Gesinnungstests bringt ihnen keine gesonderte Anerkennung. Ihr Wissen ist Wissen ohne Wert.“

Sie erinnert uns auch daran, dass es viele verschiedene Wege gibt, die Welt zu sehen: Zu Beginn des Buches beschreibt sie die Begegnung des Sprachwissenschaftlers und damals noch christlichen Missionars Daniel Everett mit den Pirahãs, einem Stamm aus dem Amazonasgebiet mit völlig anderen Auffassungen über Wissen und Religion. Nach dieser Begegnung wurde Everett Atheist; und dann gibt es die Thaayorre in Australien, bei denen die Himmelsrichtungen eine wichtigere Rolle spielen als bei uns und die beispielsweise auch die Zeit von Osten nach Westen verlaufend betrachten. Wenn wir alle Schulkinder der Welt diese verschiedenen Betrachtungsweisen lehren könnten, wäre es besser um die Menschheit bestellt. So fragt Gümüşay, warum die Lehrpläne von Schulen nur Bücher enthalten, die in der oder den offiziellen Landessprachen geschrieben sind. Vielleicht ist es noch ein Rest aus der Zeit, als Nationalstaaten entstanden oder sich das erste Mal bewusst wurden, dass sie Nationalstaaten waren und daher eine Geschichte ihrer Identität schreiben wollten. Aber haben manche Länder, wie Deutschland, das Vereinigte Königreich oder die Vereinigten Staaten, dieses Stadium nicht schon lange überwunden? Sollten wir nicht gleich von Anfang an, spätestens ab dem sechzehnten Lebensjahr, mehr übersetzte Literatur anbieten?

Kübra Gümüşay spricht sehr viele Referenzen aus der deutschen Gesellschaft und Zeitgeschichte an. Die englische Version von „Sprache und Sein“ weicht an einigen Stellen von diesen Referenzen ab und beschreibt alternative Phänomene aus dem englischen Sprachraum. Wie entstanden diese Abweichungen?

Ich habe diese Änderungen nicht selbst vorgenommen. Vielmehr hat Gümüşay mit Louise Dunnigan, der Redakteurin bei Profile und deren Team, zusammengearbeitet, um neues Material zu finden. Der Grund, weshalb Sprache und Sein auf Englisch veröffentlicht wurde, war, dass dieses Buch nicht nur sehr persönlich, sondern auch international ist. Gümüşay hat ihre ersten Erfahrungen in Deutschland gemacht, ja, die bleiben in der englischen Ausgabe unverändert, aber die Auswirkungen ihrer Erfahrung beschränken sich nicht auf Deutschland. Im Original bespricht sie mehrere internationale Ereignisse (die Christchurch-Morde 2019, Brexit usw.) und beruft sich auf verschiedene Quellen in englischer Sprache. Es handelt sich also mehr um eine Ergänzung des bereits Vorhandenen.

Ein treffendes Beispiel ist die Geschichte der Rechtsanwältin Alexandra Wilson, die Gümüşay im Kapitel Frei Sprechen erzählt. In der Originalausgabe beschreibt Gümüşay, wie Gloria Boateng, Deutschlehrerin und Bildungsaktivistin, von einer Kollegin an der Universität, an der Gloria Boateng arbeitete, als Putzfrau angesehen wurde. Ich bin mir sicher, jeder im Vereinigten Königreich hat gelesen, was Wilson eines morgens im Jahr 2020 widerfuhr, als sie am Gericht ankam und auf dem Weg zum Gerichtssaal nicht weniger als viermal für eine Angeklagte gehalten wurde. Sofort erinnerte ich mich an ihre Geschichte, als ich die von Boateng las, und Gümüşay stimmte zu, dass wir sie anstelle von Boatengs Geschichte einfügten. Mit Boetangs Geschichte wollte sie nicht sagen, „Seht einmal, wie schlecht es in Deutschland ist“, sondern genau das Gegenteil, wie Gümüşay schreibt, „weil die Entmenschlichung systematisch ist“. Daher stammt das hinzugefügte Material in der englischen Ausgabe aus den Vereinigten Staaten, Australien und Neuseeland wie auch aus dem Vereinigten Königreich.

Das Buch hinterfragt, welche Macht Sprache im politischen und gesellschaftlichen Kontext hat. Dabei betont Kübra Gümüşay immer wieder die Dichotomie der Sprache. Der Untertitel der englischen Übersetzung lautet sehr passend: „How language binds and frees us“. Wie würden Sie diese Frage aus Sicht einer Übersetzerin beantworten?

Wenn man einen Text übersetzt, ist man buchstäblich an die Originalsprache gebunden. Die ist das Werkzeug, mit dem die Autorin oder der Autor mit uns kommuniziert, und wenn man übersetzt, kann man nur mit dem, was man bekommen hat, arbeiten. Aber hat man einmal die fraglichen Worte gelesen, beginnt man sie zu hören. Was möchten sie genau ausdrücken, und wie drücken sie es aus? Es ist wie ein Fechtturnier mit Worten. Parade und Riposte wirbeln durcheinander, und schließlich landet man einen Treffer, und was für die vermutliche Leserschaft unverständlich war, ist nun verständlich. Dennoch kann die Übersetzung eines Buches von einer Sprache in die andere einen Beitrag zum allgemeinen Ausgleich der Machtverhältnisse leisten. Es wird die Stimme einer Person außerhalb der mehr oder weniger willkürlichen Grenzen des Gebietes, in dem sie zufällig lebt, hörbar. Aber noch mehr: Durch die Übersetzung lernen die Leser*innen die Gedanken von Menschen aus einem anderen Land und/oder einer anderen Kultur kennen, die etwas Besonderes zu erzählen haben. Und so können die Leser*innen auch einen flüchtigen Blick auf die krümelige Wirklichkeit hinter nationalen und kulturellen Stereotypen erhaschen.

Wenn wir von der Macht der Sprache sprechen: Welche Rolle hat die Arbeit von Übersetzer*innen Ihrer Meinung nach in diesem Kontext?

Übersetzer*innen sind autokratisch und gleichzeitig untertänig. Wir verneigen uns vor den Worten, die wir übersetzen, und vor der vermutlichen Leserschaft, für die wir übersetzen, während wir uns völlig bewusst sind, dass nur wir (ausgenommen natürlich unsere Herausgeber) das letzte Wort haben. Dennoch sind wir nicht heuchlerisch, sondern uns der alten Weisheit schmerzlich bewusst, dass große Macht auch große Verantwortung mit sich bringt. Übersetzer*innen können große Autor*innen langweilig klingen lassen und umgekehrt, und es gibt verschiedene Faktoren, die bestimmen, ob man dem Original gerecht wird. Um die richtige Formulierung zu finden, braucht man nur die Form und den Inhalt des Textes in allen seinen Nuancen (oder anders) zu berücksichtigen, aber man muss auch das Register entdecken: Wer (und dieses „wer“ schließt auch die Erzähler*innen mit ein) sagt was zu wem und warum? Und wie viel Zeit und Energie ist man bereit, in all das zu investieren? Wie gut kannst du in der Sprache, in die du übersetzt, schreiben? Es ist Schwerarbeit, man muss diszipliniert, konzentriert, einfallsreich, kreativ und vor allem ehrlich sein, - nicht zuletzt zu sich selbst.