Perspektive Peripherie

Zum ersten Mal seit seiner Gründung steht Europa vor einer systemischen Krise: Die Gefahr der Entstehung nationaler Egoismen. Deshalb ist es notwendig, die Grundsätze, Werte und Vorzüge der Europäischen Union dort zu suchen, wo die soziale Ungleichheit am größten ist.

Ihr wohnt am Stadtrand oder besucht eine Schule in einem peripheren Stadtteil? Dann sucht in eurem Lebensumfeld Motive, die symbolisch für eure Zukunft stehen könnten und erstellt eine europäische Collage mit Texten und Bildern. 
Urbilab - Neapel © Goethe-Institut

Projektbeschreibung und Ergebnisse

Die sozioökonomischen Folgen der Corona-Pandemie innerhalb der Europäischen Union sind noch nicht absehbar. Doch schon jetzt spüren wir ihre Auswirkungen, insbesondere an Orten, deren infrastrukturelle und wirtschaftliche Situation bereits zuvor angeschlagen war: in den urbanen Peripherien. Die Bewohner:innen der Stadtränder sind oft mit schwierigen Lebensverhältnissen konfrontiert: hohe Arbeitslosigkeit, wenig Freizeit- und Sportmöglichkeiten, wenig entwickelte Infrastruktur. Perspektive Peripherie setzt genau dort an.

Der Workshop, entwickelt und durchgeführt von Aste & Nodi, schafft einen kreativen Raum zum Nachdenken über die urbane Peripherie. Junge Menschen zwischen 12 und 19 Jahren diskutieren und entwickeln Ideen für eine nachhaltige Stadtentwicklung. Ziel des Workshops ist es, den Jugendlichen das Konzept des öffentlichen Raums nicht nur als physische, sondern vor allem als soziale Einheit näher zu bringen und sie bei der Wiederentdeckung ihrer Stadtviertel, ihrer Bezugsräume und deren Neukonzeption zu begleiten.

Die Hauptthemen des Projekts Perspektive Peripherie finden sich in der Agenda 2030 der Vereinten Nationen und in den wichtigsten Dokumenten der Europäischen Union zur städtischen Nachhaltigkeit: Klimawandel, Stadterneuerung und -sanierung, Chancengleichheit und soziale Gerechtigkeit.


PERSPEKTIVE PERIPHERIE

Zwischen September 2021 und April 2022 wurde #Urbilab: Perspektive Peripherie an vier unterschiedlichen Standorten in den italienischen Regionen Kampanien und Apulien mit großem Erfolg durchgeführt. Insgesamt 150 Schüler:innen zwischen 12 und 18 Jahren des Liceo „Piero Calamandrei“ in Ponticelli (Neapel), des Liceo “Marco Polo” in Bari, des Istituto Tecnico "Enrico Mattei" in Casamicciola Terme (Ischia) sowie des Istituto Comprensivo “Eugenio Montale” in Piscinola - Scampia (Neapel) haben an dem Projekt teilgenommen.

 

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DIE TECHNIK

Verbindung visueller Dokumentation und Refexion mit sozialem Handeln.
Der Workshop basiert auf der Photo-Voice-Technik, bei der ausgehend von der Fotografie versucht wird, die Teilnehmenden zu motivieren, sich über Konzepte und Empfindungen zu äußern, die mit den traditionellen Mitteln des Wortes und der Schrift kaum weitergegeben werden können.


DAS WERKZEUG

Für die Durchführung des Workshops wurde ein Werkzeugkasten entwickelt, der in physischer oder digitaler Form zur Verfügung steht. Zur Unterstützung der unterschiedlichen Workshopphasen enthält das Kit: einschlägige Begriffe und Konzepte der Agenda 2030, aussagekräftiges Bildmaterial, Foto-Rahmen und Aufkleber, die der Gestaltung und Erstellung von Collagen dienen.
 


DIE WORKSHOPPHASEN

Baustein 1: Im Rahmen des ersten Workshops beschäftigten sich die Schüler:innen mit Schlüsselbegriffen der nachhaltigen Stadtentwicklung. Die Begriffe wurden definiert und gewichtet. Mit Hilfe von Bildmaterial stellten sie anschließend visuelle Bezüge her. Dieses so entstandene Wort-Bild-Netz bildete die Grundlage für die weiteren Aktivitäten.

Baustein 2: Im Mittelpunkt des zweiten Workshops stand die Identifizierung von Orten in ihrem Bezugsumfeld, die für die Schüler:innen wichtig sind, die aber aus ihrer Sicht gleichzeitig auch einer Aufwertung bedürfen. Dieser Schritt erfolgte anhand von Fotografien, die die Schüler:innen selbst im Rahmen einer Exkursion in Gruppen anfertigten.

Baustein 3: Anschließend war die Kreativität der Jugendlichen gefragt: Die Aktivität bestand in der Bearbeitung der Fotografien. Mit Hilfe des Tool-Kits und in Anwendung der Collagetechnik konnten die Schüler:innen ihre Fotografie bzw. ihren Bezugsort verändern und neu gestalten. Die Vorschläge wurden schließlich verschriftlicht.

Fotocollagen

Baustein 4: Der abschließende Workshop gab den Jugendlichen die Möglichkeit ihre Foto-Text-Collagen zu präsentieren und gemeinsam mit ihren Lehrer*innen, Eltern und politischen Mandatsträger:innen zu diskutieren. Die Arbeit führte zu neuen Erkenntnissen und Perspektiven, die das Bewusstsein für verborgene oder vernachlässigte Themen und Aspekte der Gemeinschaft schärfen.
Gemeinsam formulierten die Schüler:innen ein abschließendes Videostatement sowie eine Handlungsempfehlung für (EU-)Politiker.

Video-Appell Istituto Tecnico Statale “Enrico Mattei” Casamicciola Terme
Video-Appell Liceo Linguistico “Piero Calamandrei” Napoli
Video-Appell Liceo Linguistico “Marco Polo” Bari


AKTIVE PARTIZIPATION AM KULTURELLEN UND SOZIALEN LEBEN

Das Projekt zeigte, dass sich die Teilnehmenden als aktive Bürger:innen ihrer Städte empfinden. Sie nehmen sie als reich an Ressourcen wahr, bemängeln jedoch viele infrastrukturelle Aspekte, wie die Verkehrssituation, die Müllentsorgung, den Mangel an Freizeitmöglichkeiten und die Sicherheit. So weist besonders das öffentliche Verkehrsnetz in der Peripherie Neapels große Probleme auf.

Die Verbindungen ins Zentrum der Stadt sind meist unzuverlässig, weswegen die Jugendlichen auf ihre Eltern angewiesen sind. Daraus resultieren Gefühle der Isolation, die die Partizipation am kulturellen und sozialen Leben der Stadt erschweren. Neben Themen, die alle betrachteten Orte gleichermaßen betreffen, brachte das Projekt auch ortsspezifische Aspekte ans Licht, wie zum Beispiel die Folgen des Erdbebens auf Ischia im August 2017, die nach wie vor spürbar sind. Selbst fünf Jahre nach der Katastrophe läuft der Wiederaufbau nur stockend. Ruinen, verwahrloste Plätze und baufällige Gebäude prägen in Teilen das Inselbild. Es bedarf neuer, nachhaltiger Konzepte, zu welchen die Jugendlichen eigene Ideen entwickelten.


Wenn ihr Interesse habt, Perspektive Peripherie an eurer Schule bzw. in eurer Klasse durchzuführen, dann informiert euch hier oder schreibt eine E-Mail an Johanna Wand (Kulturprogramm GI Neapel).