Kunst und Architektur

Sonja Alhäuser: Wenn Kunst die Schokoladenseite zeigt

Die in Berlin lebende Künstlerin Sonja Alhäuser spricht im Interview darüber, warum gerade Süßigkeiten und andere Lebensmittel für sie ideale künstlerische Materialien sind.

Frau Alhäuser, ein großes Pferd aus Schokolade – war das der Anfang?

Ein Hengst, der auf den Hinterbeinen stand. Lebensgroß und üppig – aus 700 Kilogramm Schokolade. Das war meine Meisterschülerarbeit zum Studienabschluss an der Düsseldorfer Kunstakademie. Da brauchte es richtig Kraft. Das sah man dem Hengst an. Es war wirklich die Initialzündung, weiter mit Masse zu arbeiten. Schokolade ist überhaupt nicht so zart, wie man meint.

Nicht an der Kunstakademie lernbar

Wie kamen Sie denn auf die Idee, mit Essbarem zu arbeiten?

Das lässt sich autobiografisch begründen. Ich komme aus einer Familie, wo gern gegessen und viel gekocht wird. Gerade das Naschen erinnert mich immer an etwas Belohnendes und Tröstendes.

Schokolade war leicht verfügbar und gut bezahlbar während des Studiums. Ich probierte damals viel damit und hatte die Chance, mit einem Konditor zu arbeiten. Wie man Schokolade behandelt, das konnte man ja nicht an der Kunstakademie lernen. So bin ich zu einer Art Fachfrau für Schokolade geworden. Ich liebe dieses Material, weil es so vielfältig ist. Es gibt die „harten“ Skulpturen mit gegossenen oder geschnitzten Formen und flüssige Arbeiten. Ich habe Performances und Filme gemacht. Dazwischen ist noch alles möglich.

Schon fast wie im Schlaraffenland oder in der Hölle

Ursprünglich war Schokolade gar nicht süß. Den Zucker haben später Europäer hinzugefügt. In Ihrer Arbeit „Blinddate“ sitzt ein Paar aus Marzipan in einem Bad aus Zuckerguss auf einem Porzellanteller. Sind Ihre Skulpturen immer der reine Genuss?

Es gibt süße, genussvolle Arbeiten, die aber dann fast eklig werden können. Dieses Kippen passiert zum Beispiel beim Schokoladenbad zu. Der Anfang ist sehr verführerisch sinnlich, mit Wohlduft verbunden. Am Ende wird einem der Geruch zu viel. Schokolade kann einen verschlingen, im wahrsten Sinne des Wortes. Sie ist eine zähe Masse und sehr kalorienreich. Man muss sein Maß finden – auch beim Betrachten.

Sie arbeiten ja auch mit gewaltigen Mengen!

Für eine Installation mit großen Kugeln habe ich eine Tonne Schokolade verarbeitet. Da bewegt man sich schon fast wie im Schlaraffenland. Oder aber in der Hölle. Es ist anstrengend, 10-Kilogramm-Blöcke zu spalten.

Ich verstoße ja außerdem gegen das Verbot: Du sollst mit Essen nicht spielen. Natürlich werde ich dafür auch kritisiert. Doch meine Skulpturen sind nur ein Klecks im Vergleich zu dem, was täglich an Lebensmitteln vernichtet wird. Ich versuche, sie in einen energetischen Kreislauf zurückzuführen.

Foto: Dirk Dobke, Hamburg, VG Bild-Kunst, Bonn
Sonja Alhäuser, Blind Date, 2005, Porzellanteller, Eiweißzuckerguß, Marzipan, Lebensmittelfarbe, 22 x 14 x 6 cm (Foto: Dirk Dobke, Hamburg, VG Bild-Kunst, Bonn)

Angebote zur Verführung

Sie haben mehrere Schokoladenmaschinen bauen lassen. Die erste bereits 1997, am Ende Ihres Studiums. Was geht in diesen Installationen vor?

Die Schokoladenmaschinen I und II funktionieren gut als Paar. In ständiger Wiederholung bewegt sich jeweils eine kleine Figur aus der flüssigen Schokolade heraus. Einmal ist es ein Mann. Er durchfährt einen Weg, bis er den Zenit erreicht und wieder verschwindet.

In der Maschine mit weißer Schokolade taucht eine Frau hoch und runter. Ich würde es als melkende Bewegung bezeichnen. Mann und Frau sind selten gleichzeitig zu sehen, befinden sich in einem Anti-Rhythmus.

Die dritte Maschine ist eine Wanne voller wohltemperierter Schokolade. Mit einer Performance wird die Schokoladen-Badesaison eröffnet: Eine Person legt sich in das Braune Bad hinein. Auch Besucher könnten das tun.

Fotos: Achim Kukulies (I + II), Michael Lucero (Braunes Bad), VG Bild-Kunst, Bonn
Von links nach rechts: Schokoladenmaschine I, II und Braunes Bad (Fotos: Achim Kukulies (I + II), Michael Lucero (Braunes Bad), VG Bild-Kunst, Bonn)

Aufessen erlaubt?

Dürfte man eine Skulptur wie den „Klumpwuchter“, die ganz und gar aus Zartbitter-Kuvertüre ist, auch verspeisen?

Ja, durchaus. Das ist gerade der Reiz, dass nicht dran steht: Nicht berühren! Oder: Bitte aufessen! Da ist der Betrachter gefragt, wie er umgeht mit diesem Angebot der Verführung. Es bleibt ein Geheimnis. Das gehört mit zu den Arbeiten.

Wie gehen Sie mit der Vergänglichkeit des Materials um?

Der Zeitaspekt ist wichtig. Gerade meinen Skulpturen aus Butter kann man die Alterung ansehen. Das läuft für mich parallel zum eigenen Leben, zu dem Zeitraum, den wir alle haben.

Wie in der Arbeit Demonstration spiele ich oft mit Techniken, die falsch sind. Ich benutze auch angelaufene und nicht gut temperierte Schokolade. So prallen Confiserie-Handwerk und eine bewusst unkonventionelle Umgangsweise aufeinander.

Ein Revival barocken Lebensgefühls?

Sie haben fantastische, üppige Bankette entworfen und inszeniert. Kennen Sie keine Berührungsängste zwischen der „reinen“ Kunst und künstlerischen Dienstleistungen?

Es ist ja gerade die Aufgabe eines Künstlers, diese Grenzen zu sprengen. Das macht ja das Neue aus. Gerade die Barrieren sind spannend: Verschwenderisches auftauchen zu lassen, wo alle ein ganz normales Buffet erwarten. Was darf man und was macht man nicht? Für mich sind das lebendige Bilder, die einfach freigegeben werden zum Aufessen.

Ich fühle mich ein bisschen wie eine neobarocke Künstlerin. Das Überschwängliche und Opulente fasziniert mich. Dieses „Lebe im Jetzt! Der Tod kommt eh bald.“ Ich gebe immer eher noch etwas dazu, immer einen Tick zu viel. Fülle ist ein Thema für mich.

Sicherlich ist da auch ein erotisches Moment in meinen Arbeiten. Das ergibt sich fast von selbst aus dem Material.

Sehen Sie sich in der Tradition von Künstlern wie Dieter Roth oder Daniel Spoerri, der in den Sechzigerjahren die sogenannte „Eat Art“ begründeten?

Von mir aus darf man mich in diese Schublade tun, aber gerne wieder herausnehmen.

Ich zeichne viel. Das hat nicht nur mit Essen zu tun. Es geht vielmehr um das Vergängliche und Prozesse, die sich dabei abspielen. Um das Verführen zu Handlungen. Deshalb habe ich auch Seifenbilder gemacht, auf die man mit einer Spritzpistole zielen konnte. Oder eine Installation mit Stroh. Ich sehe mich da viel performativer.

Foto: Denis Bury, VG Bild-Kunst, Bonn
Sonja Alhäuser, Lammhachsen, 2008, Aquarell, Bleistift, Acryl auf Papier, 42 cm x 74 cm, Sammlung des Landes NRW (Foto: Denis Bury, VG Bild-Kunst, Bonn)

Zeichnungen als Fundus

„Lammbraten“, „Scharfer Kuss“, „ Leibspeise“ oder „Hartgesotten“ – so anspielungsreich betiteln Sie luftige, ausschweifende Zeichnungen. Entstehen diese lustvollen, manchmal brachialen Szenen des Lebens, das durch den Magen geht, spontan?

Ja. Es gibt Grundideen, aber nie eine Vorzeichnung. Ich fange immer erst mit Farbe an. So ergibt sich für mich ein Ideenteppich. Erst dann zeichne ich mit dem Bleistift hinein. Oft sind die Zeichnungen Rezepturen oder Dokumentationen zu meinen performativen Aktionen oder Skulpturen.

Was werden Sie in Brasilien zeigen?

Alle drei Schokoladenmaschinen. Außerdem die Performance zum Braunen Bad sowie Zeichnungen. Ich freue ich mich sehr auf die Ausstellung. Auch weil ich die Möglichkeit habe, wieder Informationen zum Herstellungsprozess von Schokolade zu erfahren. Mit der Zeit bin ich zur Forscherin geworden. So wie Maler früher nach Venedig gereist sind, fahre ich jetzt an einen Ort der Schokolade.

Zwischen Dezember 2011 und März 2012 stellt das Museu de Arte Moderna da Bahia Werke von Sonja Alhäuser aus, die sich um das Thema Schokolade drehen. Gleichzeitig zeigt das Goethe-Institut/ICBA Zeichnungen der Künstlerin.
Das Gespräch führte Sigrun Hellmich.
Sie ist Kunstwissenschaftlerin, Journalistin, Autorin und lebt in Leipzig.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
September 2011

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
internet-redaktion@goethe.de
Links zum Thema

Bildende Kunst in Deutschland

Artikel und Links zu ausgewählten Themen

Architektur in Deutschland

Artikel und Links zu ausgewählten Themen

Alexander Rave-Stiftung - Stipendien

für Kuratoren, Restauratoren, Museumstechniker und Kulturmanager

Fórum Permanente: Museus de arte entre o público e o privado

Veranstaltungs-
reihe sowie elektronisches Archiv, Magazin und Diskussionsforum

Weblog: Studio Visits

Zu Besuch bei der jungen Kunstszene: kuratorische und künstlerische Praktiken in Deutschland und Brasilien