Gesellschaft und Medien

Kollaborative Plattformen: digitale Kultur und Traditionen

Foto: Nuvem
Foto: Nuvem
Hackerspaces verdeutlichen, dass ein realer Ort wichtig ist, um konkrete virtuell diskutierte Ideen zu etablieren. Mehrere Initiativen in Lateinamerika entwickeln kollektive Projekte und zeigen, dass die Technologien dabei helfen können, den Gegensatz zwischen Zentrum und Peripherie zu überwinden.

Besonders in den ersten Jahren des Internets assoziierte man die digitale Welt mit Virtualität und der Abwesenheit eines konkreten Ortes zum Austausch von Informationen und kommunikativer Prozesse. Das Internet versprach eine Möglichkeit sich näherzukommen, was ausgehend von jedem Ort der Welt auch geschah (Die Beschränkungen des Zugangs zu einer Internetverbindung und deren direkten Zusammenhang mit der Ausübung von Zivilrechten und Redefreiheit sind eine andere Geschichte.). Jahre später kamen dann die mobilen Endgeräte, die auf paradoxe Weise zeigten, dass die Verbindung zum konkreten Ort relevant war, und zwar hauptsächlich durch die GPS-Funktion in Notebooks, Tablets und Handys, die zum Aufbau lokaler Netzwerke aller Art dienten.

Schnell wurde klar, dass es nicht mehr nötig war, in den Zentren zu sein, um an den Geschehnissen teilzuhaben. Gleichzeitig konnten sich Personen mit ähnlichen Interessen virtuell treffen und Aktionen organisieren, die dann lokal stattfanden. Dies zeigte sich in den politischen Aktionen, die zum Teil weiterhin in sozialen Netzwerken organisiert werden. Die Hackerspaces und die Verbreitung der Maker-Kultur, hauptsächlich in den Bereichen des Physical Computing, trugen viel zu der Vorstellung bei, dass der physische Raum wichtig ist, um virtuell diskutierte Ideen konkret umzusetzen.

Wenn es sich bei der Arbeit der Hackerspaces um Vorschläge zur Autonomie, die dem kollektiven Interesse dient, handelt, ist es unabdingbar über einen konkreten Raum zu verfügen, der auf unabhängige Art und Weise funktioniert. Obwohl es in den großen Städten schwierig ist, gute Räume zu einem erschwinglichen Preis zu finden, ist dies nicht der einzige Faktor, der zum Aufbau von ländlichen Hackerspaces außerhalb der Zentren geführt hat. Man spürte immer stärker eine Sättigung der Metropolen, deren Funktion und Organisation langfristig gesehen wenig nachhaltig für die Umwelt ist.

Deshalb kann die Suche nach autonomen Lösungen besser in kleineren Gemeinden erfolgen, die es erlauben, Ideen unter Laborbedingungen zu testen: „Wenn wir nach der Etymologie des Wortes Hacker suchen, kommen wir zur Tätigkeit des Holzschlagens (Engl.: to hack wood)“, sagt Ursula Gastfall, Klangkünstlerin und Mitglied des Hackerspace TMP/LAB in Frankreich. Diese Faktoren tragen zum Entstehen neuer Räume außerhalb der großen Zentren bei: Von solchen Räumen kommen Ideen zu Inhalten und Konzepten, die als Beispiel für größere Projekte dienen können.

Entgegen aller Vorurteile sind die Mitglieder der Hackerspaces nicht nur einfache Programmierer, sondern Fachleute mit unterschiedlichen Ausbildungen und Kenntnissen, die zusammen Probleme erörtern und Lösungen vorschlagen, die mehr oder weniger auf Prozesse setzen, die von digitalen Tools gestützt sind.

Nuvem, UbaLab und Minkalab

Foto: Minkalab

Ein Beispiel für solche Initiativen in Brasilien ist Nuvem, Estação rural de arte e tecnologia, die wegen ihrer Lage auf dem Land auch hackerspace rural oder hackroça [Hackfeld] genannt wird: Es handelt sich dabei um einen Raum in der Bergregion des Bundesstaates Rio de Janeiro, der Platz zum Wohnen bietet und eine Begegnungsstätte für Forscher, Künstler und Mitglieder der Community ist, die sich für die Beziehungen zwischen Kunst, Technologie und Natur interessieren. Nuvem wird von den Künstlern Bruno Vianna und Cinthia Mendonça geleitet und bietet Residenzprogramme, Begegnungen wie EncontrADA zur Diskussion von Ideen zum Feminismus, gemeinnützige Projekte mit möglichst geringen Auswirkungen auf die Umwelt und die Tagung der Bewegung der Sattelitenlosen (MSST). Als im Juni 2013 in Brasilien die Straßenproteste begannen, wurde auch das CONTRALAB gegründet, ein „praktisches Labor gegen die Unterdrückung“, in dem Taktiken des Aktivismus entwickelt wurden. Auch wenn die Mobilisierung der Bevölkerung in den Straßen der großen Metropolen am sichtbarsten ist, so kann die Erarbeitung und Diskussion von neuen Gesellschaftsentwürfen offen und frei weit entfernt von ihnen erfolgen.

Das UbaLab ist ein von Felipe Fonseca in Ubatuba – einer Stadt an der nördlichen Küste des Bundesstaates São Paulo – geleitetes Projekt. Fonseca war über das Kollektiv Metareciclagem an Aktivistenbewegungen beteiligt, die sich seit Ende der 1990er Jahre durch Bildungsprojekte mit freier Software und dem Recyceln von Technologie für die digitale Inklusion einsetzen. In kollaborativen Projekten entwickelt er Konzepte von Experimenten im Bereich der digitalen Kultur, die an die Bedürfnisse der Städte angepasst werden. Es handelt sich um Projekte zur Überwachung der Wasserqualität, Bildung im Bereich der Technologie, Nutzung des öffentlichen Raumes bis hin zu Fragen, die gesellschaftliche Gruppen betreffen, die unter schwierigen sozialen und ökonomischen Bedingungen leben, wie etwa die Nachfahren flüchtiger Sklaven (Quilombolas), die unablässig unter den Spekulationen der Tourismusindustrie auf dem Gebiet, in dem sie leben, leiden. Gleichzeitig betreibt Fonseca die Plattform RedeLabs, auf der er zusammen mit Luciana Fleischmann und anderen Mitstreitern Praktiken der experimentellen digitalen Kultur in Brasilien erforscht.

Eine weitere Initiative, deren Erwähnung lohnt, ist das kolumbianische Minkalab, Intercâmbio intercultural de saberes. Minka bedeutet auf Quechua Gemeinschaftsarbeit. Das Projekt, das mit jährlichen Treffen, die über Crowdfunding finanziert wurden, begann, umfasst Initiativen, die traditionelles Wissen und neue Technologie miteinander vereint. Laut Gabriel Vánegas, einem der Organisatoren, ermöglicht das Minkalab einen permanent vorhandenen realen Raum zur Entwicklung von Projekten mit der lokalen Bevölkerung.

„Positiver Wandel“ trotz Vorurteile

Foto: Ubalab

All diese Initiativen stehen für einen „positiven Wandel“ der ländlichen Gebiete – ein Phänomen, das unter den jüngeren Generationen in einigen Ländern der Welt bereits stattfindet. Dennoch haben diese Projekte noch immer mit einer Unwissenheit oder Misstrauen derer zu kämpfen, die Technologie immer noch als ein Werkzeug der großen Zentren ansehen. Noch dazu kommen Vorurteile, die die indigene Bevölkerung, die Quilombolas oder die Bewohner ländlicher Gebiete stigmatisieren und auch verhindern, diese Gruppen als Wissensträger auf Augenhöhe mit städtischen Programmierern, Ingenieuren und Architekten anzusehen.

Bei solchen Vorurteilen assoziiert man stets die Sorge um die Umwelt mit angeblich mystischen Interessen der Hippie Generation. Oder man bezeichnet die Aktivisten abwertend als “ecochato” [öko-blöd]. Deswegen ist es kein Zufall, dass solche Projekte von Beginn an von Initiativen aus dem Ausland unterstützt werden. So nahm Nuvem das Projekt Interactivos? auf, das vom MediaLab Prado aus Madrid initiiert wurde. MinkaLab hingegen wird von einem internationalen Netzwerk aus Köln unterstützt, das für seine Konferenzen auch auf Crowdfunding gesetzt hatte. Und UbaLab empfängt mit Tropixel ein Festival aus dem finnischen Netzwerkknoten Pixelache.

So tragen die Technologien dazu bei, Gegensätze zwischen Zentrum und Peripherie sowie zwischen dem virtuellen und dem realen Raum zu überwinden. Es handelt sich insgesamt um Initiativen, die sich gegen die paternalistische Auffassung einsetzen, wonach den traditionellen Gesellschaften das Wissen gebracht werden müsse. Denn gerade von ihnen gehen Fragestellungen, Ideen und Möglichkeiten der gemeinschaftlichen Arbeit aus.

Raquel Rennó
(São Paulo, 1972) ist stellvertretende Professorin des Zentrums für Kultur, Sprachen und angewandte Technologien (CECULT) der Universität Recôncavo da Bahia. Sie ist Mitglied des International Center for Info Ethics (ICIE) und der Bioart Society (Helsinki) sowie der NGO Outras Tribos-Bailux, die auf dem Gebiet der digitalen Inklusion und dem Schutz der Kultur zusammen mit Aktivisten und Führern der indigenen Ethnie der Pataxó aus Aldeia Velha, Bahia, aktiv ist.

Copyright: Goethe-Institut Brasilien
September 2014

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