Gesellschaft und Medien

Lilia Moritz Schwarcz – Brasilien, Afrika und Lateinamerika

Die Historikerin, Anthropologin und Mitautorin des in Brasilien seit Monaten diskutierten Buchs Brasil: uma biografia (Brasilien: eine Biografie) spricht im Interview über „Vermischung“ und Gewalt in der Herausbildung Brasiliens, die Präsenz afrikanischer Kultur im brasilianischen Entstehungsprozess und beschreibt das Verhältnis des Landes zu seinen lateinamerikanischen Nachbarn.

Die ersten Kapitel des von Ihnen und der Historikerin Heloisa Murgel Starling verfassten „Brasil: uma biografia“ (Companhia das Letras Verlag 2015) beschäftigen sich mit zwei Grundannahmen: der „Vermischung“, also der Begegnung unterschiedlicher Völker zum einen, und der Gewalt zum anderen. Inwiefern definiert diese Verbindung den Charakter des „Protagonisten“ Brasilien?

Heloisa Murgel Starling und ich gehen aus von dem Gedanken, dass Geschichte aus Veränderungen entsteht, aber auch aus Wiederholungen. In diesem Sinne sind Vermischung und Gewalt zwei der Strukturen, die sich, wenn auch mit Abwandlungen, über die Zeit in Brasilien gehalten haben. Erst kürzlich schrieb ich einen Artikel über den Genozid an jungen Schwarzen. Das heißt, man kann nicht das letzte Land in Lateinamerika sein, das die Sklaverei abgeschafft hat und wo 40 Prozent der Bevölkerung vom afrikanischen Kontinent verschleppt wurde, ohne dass dies von Gewalt geprägt wäre. Ein System, das vom Besitz eines Menschen durch einen anderen ausgeht, kann nur gewalttätig sein. Und Brasilien behält diese Charakteristik bei. Das Konzept der Vermischung beinhaltet auch den Gedanken der Trennung – ohne Abgrenzung gibt es keine Vermischung. Und diese zwei Pole bestehen in Brasilien auf perverse und sehr hartnäckige Weise fort.

Eine der in dem Buch diskutierten Tatsachen ist, dass Brasilien nach Nigeria das Land mit der zweitgrößten schwarzen Bevölkerung weltweit ist.

Ja, dieses Verhältnis zu Afrika war schon immer sehr stark, auch wenn wir diese Realität äußerst hartnäckig leugnen. Man muss sich nur anschauen, mit welchem Land die Regierung Dom Pedro (nach der Unabhängigkeit im 19. Jahrhundert, a.d.Ü.) als erstes Beziehungen aufnimmt: Angola, und zwar, um den Sklavenhandel aufrecht zu erhalten. Bereits im 17. Jahrhundert sprachen Reisende davon, dieses Brasilien sei „ein neues Guinea“. Im Hinterland von Bahia gibt es Momente zu Zeiten des Zuckerbooms, in denen 75 Prozent der Bevölkerung schwarz sind. Das heißt, die Beziehungen, die unser Land zu Afrika unterhielt, hatten als gemeinsame Währung den Sklavenhandel. Ich denke, in unserem Buch gelingt uns der Nachweis, dass es Momente in der Geschichte gab, in denen Sklavenhandel wirtschaftlich bedeutender war als das Zuckerrohr.

Und was macht in groben Zügen die kulturelle Präsenz Afrikas im Entstehungsprozess von Brasilien aus?

Ich habe Alberto da Costa e Silva gelesen, der eine Art Pate für meine Arbeit ist, und er zeigt, dass man in Brasilien an Afrika nicht vorbeikommt. Denn Brasilien ist in der Tat eine Mestizen-Kultur. Denken Sie nur an die Sprache, die Musik, die Farben, die Kunst, den Sport, unsere Formen des Umgangs. Unser Land ist zutiefst mestizenhaft und afrikanisch. Wer nach Salvador kommt, erlebt dort ein kleines Stück Afrika.

Foto: Renato Parada Auf der anderen Seite fällt das Fehlen einer historischen Beziehung zu Lateinamerika auf. Das erste Mal, dass sich Brasilien tatsächlich mit anderen lateinamerikanischen Ländern auseinandersetzt, ist der Eintritt in einen internationalen Krieg, den einzigen in seiner Geschichte, den Paraguay-Krieg.

Das hängt allerdings davon ab, wie Sie einen internationalen Krieg definieren. Denken wir an Quilombo dos Palmares, auch das war ein großer internationaler Krieg! Ich provoziere, denn auch dies ist einer der Mythen unseres Landes, das nur von einem einzigen internationalen Krieg ausgeht. Zweifellos war der Paraguay-Krieg höchst gewalttätig, um auch diesen Gedanken noch einmal aufzunehmen, denn er hat eine ganze Generation erwachsener Männer zerstört. Und er hat Brasilien große Nachteile gebracht, weshalb er zugleich als Höhepunkt und als Niedergang des Kaiserreiches gesehen wird. Was den ersten Teil Ihrer Frage angeht, so haben Sie recht. Brasilien hat in der Tat keine Beziehungen zu seinen spanischsprachigen Nachbarn gepflegt.

In Ihrem Buch sprechen Sie auch über das Image des Bovarismus …

Ja, es geht genau um die Idee, dass sich Brasilianer als nordamerikanisch, englisch oder französisch empfinden, aber niemals als argentinisch oder chilenisch. Nur, dass nichts davon natürlich ist, sondern Ideen, die aus der Herausbildung der Nation stammen. Die Vorstellung eines geordneten Kaiserreichs beispielsweise, ohne das Durcheinander Lateinamerikas. Das wechselseitige Misstrauen des Kaiserreichs und den es umgebenden Republiken war in dieser Hinsicht entscheidend. Selbst zu Zeiten des Panamerikanismus, als Brasilien in das Konzert der Nationen eintritt, war das Bild, das es von sich selbst hatte, stets: Unser Bezugspunkt ist Europa, nicht das übrige Lateinamerika.

Ich würde gern noch mit Ihnen über die Einwanderungen in das moderne, republikanische Brasilien sprechen, die ja den Prozess der Herausbildung einer Nation durch Vermischung vervollständigt haben. Hatten diese Einwanderungsbewegungen damit zu tun, dass sich Brasilien gelegentlich als Wiege der Rassendemokratie verstand?

Nein, das hat gar nichts mit der Idee einer ethnischen Inklusion zu tun, sondern mit historischer Kontingenz. Im Süden des Landes zum Beispiel gab es ganz andere Prozesse als auf dem übrigen Territorium, hier diente die Einwanderung über die Besiedelung des Landes zur Grenzsicherung. Die Einwanderung zu Zeiten der ersten Republik und gegen Ende des Kaiserreiches wiederum geschah als Folge des sogenannten Arbeitskräftemangels in Brasilien. Die in Brasilien benötigte Arbeitskraft war nach der Eindämmung und Abschaffung der Sklaverei teuer geworden. Es war zudem eine Epoche der Industrialisierung, des Wachstums der Städte, also benötigte Brasilien Arbeitskräfte, die dieser neuen Realität entsprachen.

Und wie war dieses Zusammenleben?

Betrachtet man es genauer, waren die Gegensätzlichkeiten unter den eingewanderten Bevölkerungsgruppen selbst und zwischen diesen und den Brasilianern immens. Die Brasilianer wurden, obwohl ansässig und daher Informanten, dennoch als Barbaren betrachtet. Sie können sich vorstellen, wie das Verhältnis von Polen und Deutschen gewesen sein muss, oder wie Japaner auf örtliche Gepflogenheiten reagierten. Zu sagen, dass dies zu einer Rassendemokratie geführt habe, entspricht nicht der Wahrheit. Brasilien hat zwar nie eine formelle Apartheid besessen, eine definierte Rassentrennung. Doch wir haben andere Modelle der Trennung entwickelt, wie etwa unterschiedliche Zugänge zu Arbeit oder Gesundheit. Schwarze Frauen zum Beispiel haben den geringsten Zugang zu medizinischer Behandlung von Brustkrebs, ein Zeichen für den Mangel an Verfügbarkeit von höchst wichtigen Dienstleistungen, oder anders gesagt: für die Andersbehandlung.

Zum Schluss würde ich gern auf das Umschlagbild zu sprechen kommen: Wieso eigentlich Brasília?

Auf dem Höhepunkt des brasilianischen Modernismus, für den Brasília steht, eine Hauptstadt, die das Land von seinem Zentrum aus regiert und in einer Bauzeit von vier Jahren Realität wurde, mit all dieser Utopie hat diese Idee der „Biografie“, die da verfolgt wurde, zu tun. Eine Biografie ist nicht nur ein evolutiver Prozess, sondern trägt auch Widersprüche, Zweideutigkeiten, Probleme mit sich. Auf manches sind wir stolz, auf anderes überhaupt nicht. Also dachten wir, dieses Bild wäre ein gutes Symbol für den Protagonisten Brasilien. Wir haben die Biografie nicht nach der Logik des „oder“ aufgebaut, sondern nach der des „und“, also Modernität und Rückständigkeit, Inklusion und Exklusion, Stolz und die allergrößte Bestürzung.

Victor da Rosa
ist Schriftsteller und promovierter Literaturwissenschafter. Er lebt und arbeitet in Belo Horizonte.

Übersetzung: Michael Kegler

Copyright: Goethe-Institut Brasilien
Oktober 2015

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