Müller, Herta

Herztier


Wenn wir schweigen, werden wir unangenehm, sagte Edgar, wenn wir reden, werden wir lächerlich.
Wir saßen schon zu lange vor den Bildern auf dem Boden. Vom Sitzen waren meine Beine eingeschlafen.
Mit den Wörtern im Mund zertreten wir so viel wie mit den Füßen im Gras. Aber auch mit dem Schweigen.
Edgar schwieg.
Ich kann mir heute noch kein Grab vorstellen. Nur einen Gürtel, ein Fenster, eine Nuß und einen Strick. Jeder Tod ist für mich wie ein Sack.
Wenn das jemand hört, sagte Edgar, hält man dich für verrückt.
Und wenn ich mir das denke, dann ist mir, als ob jeder Tote einen Sack mit Wörtern hinter sich läßt. Mir fallen immer der Frisör und die Nagelschere ein, weil Tote sie nicht mehr brauchen. Und, daß Tote nie mehr einen Knopf verlieren.
Sie spürten vielleicht anders als wir, daß der Diktator ein Fehler ist, sagte Edgar.
Sie hatten den Beweis, weil auch wir für uns selber ein Fehler waren. Weil wir in diesem Land gehen, essen, schlafen und jemanden lieben mußten in Angst, bis wir wieder den Frisör und die Nagelschere brauchten.
Wenn einer, nur weil er geht, ißt, schläft und jemanden liebt, Friedhöfe macht, sagte Edgar, dann isterein größerer Fehler als wir. Ein Fehler für alle, ein beherrschender Fehler ist er.
Das Gras steht im Kopf. Wenn wir reden, wird es gemäht. Aber auch, wenn wir schweigen. Und das zweite, dritte Gras wächst nach, wie es will. Und dennoch haben wir Glück.



Lola kam aus dem Süden des Landes, und man sah ihr eine armgebliebene Gegend an. Ich weiß nicht wo, vielleicht an den Knochen der Wangen, oder um den Mund, oder mitten in den Augen. Sowas ist schwer zu sagen, von einer Gegend so schwer wie von einem Gesicht. Jede Gegend im Land war arm geblieben, auch in jedem Gesicht. Doch Lolas Gegend, und wie man sie an den Knochen der Wangen, oder um den Mund, oder mitten in den Augen sah, war vielleicht ärmer. Mehr Gegend als Landschaft.
Die Dürre frißt alles, schreibt Lola, außer den Schafen, Melonen und Maulbeerbäumen.
Aber nicht die dürre Gegend trieb Lola in die Stadt. Was ich lerne, ist der Dürre egal, schreibt Lola in ihr Heft. Die Dürre merkt nicht, wieviel ich weiß. Nur was ich bin, also wer. Etwas werden in der Stadt, schreibt Lola, und nach vier Jahren zurückkehren ins Dorf. Aber nicht unten auf dem staubigen Weg, sondern oben, durch die Äste der Maulbeerbäume.



Auch in der Stadt standen Maulbeerbäume. Aber nicht auf den Straßen draußen. Sie standen in den Innenhöfen. Und nicht in vielen. Nur in den Höfen alter Leute standen sie. Und unter den Bäumen stand ein Zimmerstuhl. Sein Sitz war gepolstert und aus Samt. Aber der Samt war flek-kig und zerrissen. Und das Loch war von unten zugestopft mit einem Bündel Heu. Das Heu war vom Sitzen zusammengepreßt. Unter dem Sitz hing es heraus wie ein Zopf.
Wenn man bis zu dem ausgemusterten Zimmerstuhl ging, sah man dem Zopf noch die einzelnen Halme an. Und daß sie einmal grün waren.
In den Höfen mit Maulbeerbäumen fiel der Schatten wie Ruhe auf ein altes Gesicht, das auf dem Stuhl saß. Wie Ruhe, weil ich für mich selber unerwartet in diese Höfe ging und nur selten wiederkam. In dieser Seltenheit zeigte ein Lichtfaden, der schnurgerade aus der Baumspitze in das alte Gesicht fiel, eine entfernte Gegend. Ich sah an diesem Faden hinunter und hinauf. Mich fröstelte am Rücken, weil diese Ruhe nicht aus den Maulbeerästen kam, sondern aus der Einsamkeit der Augen im Gesicht. Ich wollte nicht, daß mich in diesen Höfen jemand sieht. Daß mich jemand fragt, was ich hier tu. Ich tat nicht mehr als das, was ich sah. Ich sah die Maulbeerbäume lange an. Und dann, bevor ich wieder ging, noch einmal das Gesicht, das auf dem Stuhl saß. In dem Gesicht war eine Gegend. Ich sah einen jungen Mann oder eine junge Frau diese Gegend verlassen und einen Sack mit einem Maulbeerbaum hinaustragen. Ich sah die vielen mitgebrachten Maulbeerbäume in den Höfen der Stadt.
In Lolas Heft las ich später: Was man aus der Gegend hinausträgt, trägt man hinein in sein Gesicht.
Loi a wollte vier Jahre Russisch studieren. Die Aufnahme-prüfung war leicht gewesen, denn Plätze gab es genug, an der Hochschule so viele wie in den Schulen im Land. Und Russisch war für wenige ein Wunsch. Wünsche sind schwer, schreibt Lola, Ziele sind leichter. Ein Mann, der etwas studiert, schreibt Lola, hat saubere Fingernägel. In vier Jahren kommt er mit mir, denn so einer weiß, daß er im Dorf ein Herr ist. Daß der Frisör zu ihm nach Hause kommt und die Schuhe auszieht vor der Tür. Nie wieder Schafe, schreibt Lola, nie wieder Melonen, nur Maulbeerbäume, denn Blätter haben wir alle.


Ein kleines Viereck als Zimmer, ein Fenster, sechs Mädchen, sechs Betten, unter jedem ein Koffer. Neben der Tür ein Schrank in die Wand gebaut, an der Decke über der Tür ein Lautsprecher. Die Arbeiterchöre sangen von der Decke zur Wand, von der Wand auf die Betten, bis die Nacht kam. Dann wurden sie still, wie die Straße vor dem Fenster und draußen der struppige Park, durch den niemand mehr ging. Das kleine Viereck gab es vierzigmal in jedem Heim.
Jemand sagte, die Lautsprecher sehen und hören alles, was wir tun.
Die Kleider der sechs Mädchen hingen dicht gedrängt im Schrank. Lola hatte die wenigsten Kleider. Sie zog die Kleider aller Mädchen an. Die Strümpfe der Mädchen lagen unter den Betten in den Koffern.
Jemand sang:
    Meine Mutter sagt
    sie gibt mir
    wenn ich einmal heirate
    zwanzig große Kissen
    alle voll mit Stechmücken
    zwanzig kleine Kissen
    alle voll mit Ameisen
    zwanzig weiche Kissen
    alle voll mit faulen Blättern
und Lola saß auf dem Fußboden neben dem Bett und öffnete ihren Koffer. Sie wühlte in den Strümpfen und hob einen Klumpen aus verworrenen Beinen und Zehen und Fersen vor ihr Gesicht. Sie ließ die Strümpfe auf den Boden fallen. Lolas Hände zitterten, und ihre Augen waren mehr als zwei im Gesicht. Ihre Hände waren leer und mehr als zwei in der Luft. Fast so viele Hände standen in der Luft, wie auf dem Boden Strümpfe lagen.
Augen, Hände und Strümpfe ertrugen sich nicht in einem Lied, das gesungen wurde, über zwei Betten hinweg. Gesungen im Stehen von einem kleinen Kopf, der sich wiegte mit einer Kummerfalte auf der Stirn. Ein Lied, aus dem die Falte gleich wieder verschwunden war.


Unter jedem Bett stand ein Koffer mit verknäulten Baum-wollstrümpfen. Sie hießen Patentstrümpfe im ganzen Land. Patentstrümpfe für Mädchen, die Strumpfhosen wollten, so glatt und dünn wie ein Hauch. Und Haarlack wollten die Mädchen, Wimperntusche und Nagellack.
Unter den Kissen der Betten lagen sechs Schachteln mit Wimperntusche. Sechs Mädchen spuckten in die Schachteln und rührten den Ruß mit Zahnstochern um, bis der schwarze Teig daran klebte. Dann schlugen sie groß die Augen auf. Der Zahnstocher kratzte am Lid, die Wimpern wurden schwarz und dicht. Doch eine Stunde später brachen in die Wimpern graue Lücken ein. Die Spucke war trocken, und der Ruß fiel auf die Wangen.
Die Mädchen wollten Ruß auf den Wangen, Wimpernruß im Gesicht, aber nie mehr Ruß von Fabriken. Nur viele hauchdünne Strumpfhosen, weil doch so leicht die Maschen liefen, und die Mädchen sie am Knöchel und am Schenkel fangen mußten. Fangen und kleben mit Nagellack.
Es wird schwer sein, die Hemden eines Herren weiß zu halten. Es wird meine Liebe sein, wenn er nach vier Jahren mit mir kommt in die Dürre. Wenn es ihm gelingt, mit weißen Hemden im Dorf die Gehenden zu blenden, wird es meine Liebe sein. Und wenn er ein Herr ist, zu dem der Frisör nach Hause kommt und vor der Tür die Schuhe auszieht. Es wird schwer sein, die Hemden weiß zu halten bei all dem Dreck, in dem die Flöhe springen, schreibt Lola.
Lola sagte, Flöhe sogar auf den Rinden der Bäume. Jemand sagte, es sind keine Flöhe, Läuse sind das, Blattläuse. Lola schreibt in ihr Heft: Blattflöhe sind noch schlimmer. Jemand sagte, die gehen nicht an Menschen, weil Menschen keine Blätter haben. Lola schreibt, die gehen an alles, wenn die Sonne brennt, sogar an den Wind. Und Blätter haben wir alle. Blätter fallen ab, wenn man nicht mehr wächst, weil die Kindheit vorbei ist. Und Blätter kommen wieder, wenn man schrumpelt, weil die Liebe vorbei ist. Blätter wachsen, wie sie wollen, schreibt I oll, wie das tiefe Gras. Zwei, drei Kinder im Dorf haben keine Blätter, und sie haben eine große Kindheit. Es sind Einzelkinder, weil sie Vater und Mutter haben, die geschulte Leute sind. Die Blattflöhe machen aus älteren Kindern jüngere Kinder, aus einem vierjährigen ein dreijähriges, aus einem dreijährigen ein einjähriges. Und noch ein halbjähriges, schreibt Lola, und noch ein frischgeborenes. Und je mehr Geschwister die Blattflöhe machen, umso kleiner wird die Kindheit.


Ein Großvater sagt: Meine Rebenschere. Ich werde älter und täglich kürzer und dünner. Aber meine Nägel wachsen schneller und dicker. Er schnitt seine Nägel mit der Rebenschere.
Ein Kind läßt sich die Nägel nicht schneiden. Das tut weh, sagt das Kind. Die Mutter bindet das Kind mit den Gürteln ihrer Kleider an den Stuhl. Das Kind hat trübe Augen und schreit. Die Nagelschere fällt der Mutter oft aus der Hand. Für jeden Finger fällt die Schere auf den Boden, denkt sich das Kind.
Auf einen der Gürtel, auf den grasgrünen, tropft Blut. Das Kind weiß: Wenn man blutet, dann stirbt man. Die Augen des Kindes sind naß und sehen die Mutter verschwimmen. Die Mutter liebt das Kind. Sie liebt es wie eine Sucht und kann sich nicht halten, weil ihr Verstand genauso an die Liebe angebunden ist, wie das Kind an den Stuhl. Das Kind weiß: Die Mutter muß in ihrer angebundenen Liebe die Hände zerschneiden. Sie muß die abgeschnittenen Finger in die Tasche ihres Hauskleids stecken und in den Hof gehen, als wären die Finger zum Wegwerfen. Sie muß im Hof, wo sie keiner mehr sieht, die Finger des Kindes essen.
Das Kind ahnt, daß die Mutter abends lügen und nicken wird, wenn der Großvater sie fragt: Hast du die Finger weggeworfen.
Und was es selber am Abend tun wird, ahnt das Kind. Daß es, sie hat die Finger, sagen und alles beschreiben wird:
Sie ist mit den Fingern hinaus auf das Pflaster gegangen. Sie war auf dem Gras. Auch im Garten war sie, auf dem Weg und im Beet. Der Wand entlang ist sie gegangen und hinter der Wand. Sie war am Werkzeugschrank mit den Schrauben. Auch am Kleiderschrank. Sie hat in den Schrank geweint. Sie hat sich die Wangen gewischt mit einer Hand. Die andere Hand hat sie dabei aus der Tasche des Hauskleids in den Mund gesteckt. Immer wieder.
Der Großvater legt seine Hand auf den Mund. Vielleicht will er hier im Zimmer zeigen, wie man im Hof draußen Finger ißt, denkt sich das Kind. Aber die Hand des Großvaters rührt sich nicht.
Das Kind redet weiter. Beim Reden bleibt etwas auf der Zunge liegen. Das Kind denkt sich, es kann nur die Wahrheit sein, die sich auf die Zunge legt wie ein Kirschkern, der nicht in den Hals fallen will. Solange die Stimme beim Reden ins Ohr steigt, wartet sie auf die Wahrheit. Aber gleich nach dem Schweigen, denkt sich das Kind, ist alles gelogen, weil die Wahrheit in den Hals gefallen ist. Weil der Mund das Wort gegessen nicht gesagt hat.
Das Wort geht dem Kind nicht über die Lippen. Nur:
Sie war am Pflaumenbaum gewesen. Im Gartenweg die Raupe hat nicht sie zertreten, ihr Schuh ist ausgewichen.
Der Großvater schlägt die Augen nieder.
Die Mutter lenkt ab und nimmt jetzt Nadel und Zwirn aus dem Schrank. Sie setzt sich auf den Stuhl und streift das Hauskleid glatt, bis man die Tasche sieht. Sie macht einen Knoten in den Zwirn. Die Mutter schwindelt, denkt sich das Kind.
Die Mutter näht einen Knopf an. Der frischgenähte Zwirn bedeckt den alten Zwirn. Es ist etwas wahr an dem Schwindel der Mutter, weil der Knopf an ihrem Hauskleid locker ist. Der Knopf bekommt den dicksten Zwirn. Auch das Licht der Glühbirne hat Fäden wie Zwirn.
Dann drückt das Kind die Augen zu. Hinter seinen geschlossenen Augen hängen Mutter und Großvater an einem Strick aus Licht und Zwirn über dem Tisch.
Der Knopf mit dem dicksten Zwirn wird am längsten halten. Die Mutter wird ihn nie verlieren, denkt sich das Kind, eher wird er zerbrechen.
Die Mutter wirft die Schere in den Wäscheschrank. Am nächsten Tag und jeden Mittwoch seither kommt der Frisör des Großvaters ins Zimmer.
Der Großvater sagt: Mein Frisör.
Der Frisör sagt: Meine Schere.
Ich habe im Ersten Weltkrieg Haarausfall gehabt, sagt der Großvater. Als mein Kopf ganz kahl war, rieb der Kompaniefrisör mir die Kopfhaut mit Blättersaft ein. Meine Haare wuchsen wieder. Schöner als davor, sagte der Kompaniefrisör zu mir. Er spielte gerne Schach. Der Kompaniefrisör kam auf den Blättersaft, weil ich dickbelaubte Äste brachte, aus denen ich ein Schachspiel schnitzte. Es waren aschgraue und rote Blätter an den Ästen des gleichen Baums. Und so verschieden wie die Blätter war auch das Holz. Ich schnitzte eine dunkle und eine helle Hälfte der Schachfiguren. Die hellen Blätter wurden erst im Spätherbst dunkel. Die Bäume hatten diese beiden Farben, weil die aschgrauen Äste im Wachsen jedes Jahr diese große Verspätung hatten. Die beiden Farben waren gut für meine Schachfiguren, sagte der Großvater.
Zuerst schneidet der Frisör dem Großvater die Haare. Der Großvater sitzt auf dem Stuhl, ohne den Kopf zu rühren. Der Frisör sagt: Wenn man die Haare nicht schneidet, wird der Kopf ein Gestrüpp. Die Mutter bindet das Kind während dieser Zeit mit den Gürteln ihrer Kleider an den Stuhl. Der Frisör sagt: Wenn man die Nägel nicht schneidet, werden die Finger zu Schaufeln. Nur die Toten dürfen sie tragen.
Losbinden, losbinden.


Von den sechs Mädchen im Viereck hatte Lola die wenigsten hauchdünnen Strumpfhosen. Und die wenigen waren an den Knöcheln und Schenkeln geklebt mit Nagellack. Auch an den Waden. Die Maschen liefen auch, wenn Lola sie nicht fangen konnte, weil sie auf der Straße selber laufen mußte, auf einem Gehsteig oder durch den struppigen Park.
Nachlaufen und weglaufen mußte Lola mit ihrem Wunsch nach weißen Hemden. Der blieb noch im äußersten Glück so arm wie die Gegend in ihrem Gesicht.

© 2007 Carl Hanser Verlag. First published 1994 by Rowohlt Verlag
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