Müller, Herta

Heute wäre ich mir lieber nicht begegnet

(c) Diogenes Verlag

Pauls Kleider lagen auf dem Boden. Im Spiegel der Schranktür stand der heutige Tag, und an dem bin ich bestellt. Da stand ich auf, den rechten Fuß zuerst auf den Boden, wie immer, wenn ich bestellt bin. Weiß ich, ob ich daran glaube, aber verkehrt sein kann es nicht.
Ich wüßte gern, ob bei anderen Leuten das Hirn für den Verstand und für das Glück zuständig ist. Bei mir reicht das Hirn nur, um ein Glück zu machen. Um ein Leben zu machen, reicht es nicht. Jedenfalls nicht, um meines zu machen. Mit dem Glück habe ich mich abgefunden, auch wenn Paul sagt, dass es keines ist. Alle paar Tage sage ich:
Es geht mir gut.
Pauls Kopf, still und gerade vor mir, sieht mich verwundert an, als gelte es nicht, dass wir einer den anderen haben. Er sagt:
Dir geht es gut, weil du vergessen hast, was das heißt bei anderen Leuten.
Andere Leute meinen vielIeicht das Leben, wenn sie sagen: Es geht mir gut. Ich meine nur das Glück. Paul weiß, mit dem Leben habe ich mich nicht abgefunden, ich möchte auch nicht sagen, noch nicht.
Schau uns doch an, sagt Paul, und red nicht herum vom Glück.
Das Licht im Bad warf ein Gesicht in den Spiegel. Das ging so schnell, wie eine Hand voll Mehl an eine Scheibe fliegt. Dann wurde es ein Bild mit Froschfalten, da wo die Augen stehen, und glich mir. Das Wasser lief mir warm über die Hände, im Gesicht war es kalt. Es ist mir nicht neu beim Zähneputzen, die Zahnpasta schäumt aus den Augen. Es wird mir schlecht, ich spucke aus und hör auf. Seitdem ich bestellt werde, trenne ich das Leben vom Glück. Wenn ich zum Verhör gehe, muss ich das Glück von vornherein zu Hause lassen. Ich laß es in Pauls Gesicht, um seine Augen, um seinen Mund, an seinen Bartstoppeln. Wenn man es sehen würde, wäre Pauls Gesicht mit etwas Durchsichtigem überzogen. Immer, wenn ich gehen muss, möcht ich in der Wohnung bleiben, wie die Angst bleibt, die ich Paul nicht nehmen kann. Wie mein dagelassenes Glück, wenn ich weg bin. Er weiß es nicht, er könnte es nicht ertragen, daß sich mein Glück auf seine Angst verlässt. Aber er weiss, was man sieht, daß ich immer die grüne Bluse anziehe und eine Nuss esse, wenn ich bestellt bin. Die Bluse ist ein Erbstück von Lilli, aber ihr Name von mir: Die Bluse, die noch wächst. Wenn ich das Glück mitnehme, habe ich zu schwache Nerven. Albu sagt:
Wozu die Nerven verlieren, wir fangen erst an.
Ich verlier die Nerven ja nicht, sie werden ja nicht weniger, sondern zu viele. Und alle summen wie die fahrende Straßenbahn.
Auf leeren Magen sollen Nüsse gut sein für die Nerven und für den Verstand. Das weiss jedes Kind, aber ich hatte es vergessen. Nicht weil ich so oft bestellt werde ist es mir wieder eingefallen, sondem nur durch Zufall. Wie heute sollte ich Punkt zehn bei Albu sein und war um halb acht schon fertig zum Gehen. Für den Weg braucht man höchstens anderthalb Stunden. Ich nehme mir zwei Stunden und streife, wenn ich zu früh dort bin, lieber noch in der Nähe herum. Ich bin noch nie zu spät gekommen, ich kann mir nicht vorstellen, dass Laxheit geduldet wird.
Zum Essen der Nuss kam ich, weil ich um halb acht fertig war. Das war auch vorher so, wenn ich bestellt war, aber an dem Morgen lag eine Nuss auf dem Küchentisch. Paul hatte sie am Tag davor im Lift gefunden und eingesteckt, weil man eine Nuss nicht liegen läßt. Sie war die erste in dem Jahr, feuchte Fäden von der grünen Schale klebten noch an ihr. Ich wog sie in der Hand, für eine neue Nuss war sie zu leicht, als ob sie innen taub wäre. Ich fand keinen Hammer und klopfte sie mit dem Stein auf, der damals im Flur, aber seither in der Küchenecke liegt. Sie hatte ein lockeres Hirn. Es schmeckte nach saurem Rahm. An diesem Tag fiel das Verhör kürzer aus als sonst, ich behlielt meine Nerven uind dachte mir, als ich wieder auf der Straße war:
Das verdanke ich der Nuss.

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