Zeh, Juli

Spieltrieb

Die Eisfee beim Nachtbad

Nichts wies auf einen Donnerstag hin. Fern von den geregelten Abläufen der Städte, fern von Schulalltag, Morgenzeitung und Abendnachrichten verloren die Namen der Wochentage mit solcher Geschwindigkeit an Bedeutung, dass man sich fragte, ob sie ihre Bezeichnungen jemals zu Recht getragen hätten. Die Zeit sprang aus ihrem Korsett, dehnte und streckte sich nach Belieben und ließ die Annahme, man sei erst anderthalb Tage zuvor in Dahlem angereist, als dummdreisten Trick des Erinnerungsvermögens erscheinen. An gefühlter Zeit waren seit der Ankunft zwei Wochen vergangen, und Ada fing bereits an, ihr gewöhnliches Leben für unglaubwürdig zu halten. Mit etwas mehr Erfahrung hätte sie im prompten Plausibilitätsverlust der eigenen Herkunft ein zeitgemäßes Talent zum Vagabundieren erkannt. So aber hielt sie den Effekt für eine Folge des ungewohnten Alleinseins unter Menschen, das sich gegenüber dem üblichen Alleinsein ohne Menschen durch spürbar höheren Kräfteverbrauch auszeichnete. Gegen zehn am Abend beendete Smutek die Vorbereitungen zu einer fiktiven Stadtführung durch Wien. In den verschiedenen Räumen des Hauses bereiteten Schülergruppen die Darstellung von Sehenswürdigkeiten und, Oxymoron hin oder her, von wichtigen historischen Ereignissen vor, bemalten Tapeten, probten dramatische Szenen, klebten Photos und Postkarten an die Wände. Ada hatte darum gebeten, wegen mangelnder Teamfähigkeit ein Stück Musil auswendig lernen und vortragen zu dürfen. Als Smutek die Schüler mit fröhlicher Stimme und geräumigen Handbewegungen entließ, drehte sich in ihr noch immer ein Geschwader nicht zu Ende gedachter Gedanken, so dass die Aussicht, den restlichen Abend zwischen menschlichen Kapseln unbekannten Inhalts zu verbringen, unerträglich erschien. Ungesehen gelangte sie in die Eingangshalle, schnürte die Laufschuhe zu und floh ins Freie.
Die Nachtluft war frisch und klar wie Wasser. Um sich nicht zu verirren, schlug Ada den Weg ein, den sie tagsüber auf der Wanderung genommen hatten. Tief atmete sie durch die Nase ein und durch den Mund aus, und der ganze Wald mit seinen pelzigen oder gepanzerten Bewohnern, mit harsch gefrorenem Schnee, geduckten Pflanzen, schwammig voll gesogenem Moos und aufgeweichter Baumrinde blieb ihr als ein Geschmack auf der Zunge zurück. Der Mond schickte ihr den eigenen Schatten als Späher voraus. Nach wenigen Minuten wurde ihr von innen warm, eine Dampfwolke hüllte sie ein, die Erde federte, die Bäume am Wegrand verschmolzen zu schwarzen Massen, rückten näher zusammen und fassten sich hoch oben an den Händen, bis sie den Mond verdunkelten. Hinter Ada schloss sich die Finsternis zu blickdichten Wänden.
Als sich rechter Hand eine Lichtung öffnete, verlangsamte sie das Tempo und hielt schließlich an. Während des Spaziergangs am Tag hatte sie diese Stelle vom Weg aus gesehen und sich vorgestellt, wie es sein müsste, bei Nacht hierher zu kommen. Der Schauplatz war wie gemacht für Szenen aus einem Märchenfilm, ein Treffpunkt für Wolf und Hase zur Beratung über das Wesen der Dinge, ein Festanger für Elfenkinder außerhalb elterlicher Reichweite, Kulisse für den Auftritt sprechender Quellen und denkender Pilze mit großen, braunen Hüten. Das Gras stand niedrig, als würde es regelmäßig gemäht. In der Mitte befand sich ein Tümpel von Länge und Breite eines Hockeyfelds, von Bäumen umgeben, die in Grüppchen beisammenstanden wie Mannschaften beim Aushecken ihrer Strategie für die nächsten Spielminuten. Die Oberfläche des Weihers war bleich gefroren und schneebedeckt.
Ada durchquerte den Graben neben dem Weg und löste dabei die Stacheln vertrockneter Brombeerranken so behutsam aus der Kleidung, als handelte es sich um die Hände winzigster Wesen. Quer über die Lichtung folgte sie einer undeutlichen Spur, die sie zunächst für einen schlecht besuchten Wildwechsel hielt, und fand sich jäh einem Anblick gegenüber, der ihr in die Schaltzentrale des Nervensystems drang und es für mehrere Sekunden völlig lahm legte. Unmöglich, einen Gedanken zu fassen, geschweige denn, eine Bewegung auszuführen. Sie stand still auf der mondhellen Wiese und schaute. Sie war nicht allein. Die zweite Person befand sich im Teich, großzügig eingerahmt von den Rändern eines sternförmigen Lochs. Sie stützte die Unterarme auf den Rand der Eisdecke wie auf eine Fensterbank und ließ den Körper reglos im Wasser hängen. Ada sah das Wesen im Profil, bemerkte, dass es die Augen geöffnet und ins Leere gerichtet hielt, und glaubte ein Lächeln wahrzunehmen – die Mundwinkel waren eindeutig nach oben gebogen. Sie hatte eine Eisfee beim Nachtbad überrascht. Als die Zeitspanne abgelaufen war, die Verstand und Gefühle brauchen, um in Momenten des Schocks zu einer Einigung zu gelangen, erkannte sie die schnurgerade Linie von Fußspuren auf dem verschneiten Eis. Die gezackten Kanten des Lochs stammten von mehreren Versuchen, sich aufgestützt aus dem Wasser zu hieven, wobei die Eisdecke jedes Mal weiter eingebrochen war. Mit wenigen Schritten gelangte Ada ans Ufer und rief die Sylphe an. Nicht der kleinste Widerschein einer Regung zeigte sich auf Frau Smuteks weißem, dämonisch lächelndem Gesicht.
Während Ada Jacke und Pullover auszog und die Schnürsenkel der Laufschuhe löste, überlegte sie, ob Gott oder der Teufel sie zwangen, bei Minusgraden ins Eiswasser zu steigen. Außer Angst und Aufregung und einem Herzen, das sich hart gegen den Brustkorb meldete, verspürte Ada eine gewisse Begeisterung, die nur der Teufel hervorgebracht haben konnte. Die Lage kürte sie schnell und zweifelsfrei zum Despoten im Ich-Staat. Ihre Befehle gab sie scharf und unmissverständlich, Schuhe aus, Hose anlassen, langsam atmen, und stellte mit Befriedigung fest, dass der Körper gleich einem gedrillten Soldaten ohne Zögern der Gefahr entgegenlief. Gott hätte vorgeschlagen, ein flinkes Beinpaar zu nutzen, um zur Herberge zurückzulaufen und Hilfe zu holen, und Gott wäre wie immer zu spät gekommen. Ada warf sich auf den Boden, wälzte wie ein junger Hund den erhitzten Leib durch den Schnee, um das bevorstehende physische Entsetzen zu mildern, sprang auf die Füße, hüpfte einige Male auf der Stelle und rannte los, das abschüssige Ufer hinunter und auf das Eis.
Schon nach zwei Metern begann es unter den Füßen zu brechen. Frau Smutek hatte den Teich von der anderen Seite betreten, wog weniger und war viel weiter gekommen. Noch ein paar Schritte trug die Geschwindigkeit Ada über splitternden Untergrund hinweg, dann brach sie ein. Das Wasser empfing sie mit elektrischen Schlägen von allen Seiten, unmöglich zu entscheiden, ob es kochend heiß war oder kalt, und diese Ungewissheit war leichter zu ertragen als der Kälteschock, den sie erwartet hatte. Noch spürte sie Grund unter den Füßen, stieß sich ab und warf sich einige Male mit dem Oberkörper auf die krachende und singende Fläche, die sofort nachgab und in dünnen Schollen auseinander trieb. Als das Wasser zu tief wurde, begannen die Beine von selbst mit hektischen kleinen Schwimmbewegungen, während die Ellenbogen vorausstießen und einen schwarzen Streifen durch die helle Fläche bahnten. Das gezackte Loch durchquerte sie mit den schnellen Zuckungen eines Nichtschwimmers, begleitet vom empörten Schaukeln und Klirren der Eisstücke um sie herum.
In der Sekunde, bevor sie Frau Smutek mit ausgestreckter Hand berühren konnte, fragte sie sich zum ersten Mal, wie sie einen solchen ausgeschalteten Leib an Land bringen sollte. Seitdem der erste Kontakt mit dem Wasser die Wut zum Aufwallen gebracht hatte, sog die Kälte unablässig Kraft aus Armen und Beinen, verwirrte die Sinne und fasste mit sanften Fingern direkt ins Hirn. Entspann dich doch, leg dich hin, ich trag dich, es könnte so schön sein. Einen Moment später hatte Ada die Eisfee erreicht, hob einen Arm aus dem Wasser, schlug ihr auf die Schulter und spürte den kleinen, schroffen Widerstand gefrorenen Stoffs und darunter ein Körperteil, das kalt und hart war wie Stein. Mit einer langsamen, gutmütigen Bewegung drehte Frau Smutek den Kopf, zeigte ein selig erstarrtes Gesicht und wandte die Augen unter halb geschlossenen Lidern blicklos nach rechts und links.
»Nie wiedzia?am, øe to tak ?atwo«, sagte sie, und ihre Stimme klang auf geradezu lächerliche Weise normal.
Ada verstand nicht, wusste im Voraus, dass die andere, im Halbschlaf sprechend, sich nie wieder an eins dieser Worte erinnern würde, und gab den Satz verloren. Sie packte den schmalen Oberkörper grob mit beiden Händen und zog ihn von der Eisdecke ins Wasser. Frau Smutek ging unter und kam sofort lächelnd wieder an die Luft, das schwarze Haar von Nässe glatt an den Schädel gekämmt. »Schwimm«, brüllte Ada ihr ins Ohr, »schwimm!«
Und auch Frau Smutek gehorchte wie ein guter Soldat. Sie schwamm folgsam, mit zackigen, automatischen Bewegungen, Kopf an Kopf mit Ada, als wären sie gemeinsam an dieselbe Nervenbahn angeschlossen. Ada redete weiter, um bei Verstand zu bleiben, sprach zu ihnen beiden wie zu einer Person, brav machst du das, gutes Mädchen, schwimm einfach, verdammt noch mal, schwimm. Aus Angst, den Faden zu zerreißen, der sie miteinander verband, wagte sie nicht, mit den Füßen nach Grund zu tasten, sondern schwamm weiter, bis der Bauch über Steine schrammte und die Hände den Schopf des Uferbewuchses zu fassen bekamen. Sie kam an Land, Frau Smutek blieb liegen, bleich im Wasser wie ein totes Reptil, und Ada bemerkte, dass sie in dünnem Hemd, Stoffhose und ohne Schuhe in den Wald gelaufen sein musste. Nirgendwo am Rand war ein Kleidungsstück zu sehen, das nicht Ada gehörte.
Mit einer Hand in den schwarzen, triefenden Haaren, die andere unter eine Achselhöhle gekrallt, zog Ada Frau Smutek an Land. Die Verbindung war unterbrochen; Schwimmen hatte funktioniert, Aufstehen funktionierte nicht. Ada ging in die Knie und lud sich die eiskalte Fee, die plötzlich schwer wie fünf Menschen war, auf den Rücken. Abgeknickt hing ihr der fremde Kopf über die Schulter, das lange Haar reichte bis zu den Oberschenkeln und klebte sich an die Haut wie Wasserpflanzen bei Ebbe an die Uferfelsen. Ein paar Schritte konnte Ada sie schleppen, stapfte starrsinnig in der eigenen Spur voran, und von der Anstrengung wurde ihr warm. Als es nicht mehr ging, standen sie in der Mitte der Lichtung, die eine halb nackt, den Brustkorb der anderen umklammernd, schwankend und flüsternd, Stirn an Stirn wie ein irrsinniges Liebespaar. Ada verlagerte das Gewicht, um den rechten Arm freizubekommen, holte aus und fing an, Frau Smutek zu schlagen, immer ins Gesicht, einmal, viele Male, abwechselnd mit Handfläche und -rücken, und mit jedem Schlag ging es besser, bis Frau Smutek ein Wimmern von sich gab und versuchte, sich wegzudrehen. »Lauf«, brüllte Ada, »lauf!«
Und sie lief. Auf Beinen, die sich kaum kontrollieren ließen, in stürzenden Schritten wie eine von den Seilen geschnittene Marionette, schwer mit dem Arm über Adas Schultern lastend, immer wieder einknickend und weitergeschleift. So kamen sie durch den Graben, so kamen sie auf den Weg, so kamen sie den Weg hinunter. Mal ging es besser, mal schlechter, dann brüllte Ada sie an, schlug und trat mit nackten Füßen und prügelte sie wie ein halb totes Tier die nächsten Meter voran. Die Herberge geriet in Sicht, warm leuchtete die gläserne Eingangstür. Mit einem letzten Aufraffen warf Ada sich selbst und die andere in Richtung des Lichts, die Tür schwang auf, Helligkeit versengte die Augen, eine Phalanx von Schülerschuhen geriet in den Weg. Frau Smutek rumpelte zu Boden. Gerüche nach Menschen. Jacken am Haken. Für einen Moment sehnte Ada sich zurück in den Wald. Dann spannte sie sich zu einer letzten Kraftanstrengung und schrie, und weil ihr kein Wort mehr einfiel, schrie sie wie vorhin: Lauf!, mit langem, heulendem Laut in der Mitte, lauf!, bis die Treppe am Ende der Eingangshalle zu dröhnen begann und Smutek von unten nach oben ins Blickfeld geriet, erst Beine, dann Hüften und Oberkörper. Hinter ihm Höfi, mit blanken Knopfaugen vor Grauen.
Frau Smutek verschwand, in die Luft gehoben, und Ada, längst in den Knien eingebrochen, rutschte gänzlich zu Boden und blieb minutenlang auf der nassen Fußmatte liegen. Befehlsverweigerung. In Armen und Beinen war nur noch Gelee ohne Knochen. Höfi, der sie nicht aufheben konnte, kauerte neben ihr, fuhr ihr mit fliegenden Fingern übers Gesicht, und als etwas Heißes ihr auf die Wange tropfte, begriff sie, dass er weinte, zusammengekrümmt wie über einem verstorbenen Kind, beweinte ein fernes Unglück oder seine eigene Schwäche, und haspelte Dinge, die sie nicht verstand. Als Smutek wieder auftauchte, war Höfi fort, verschwunden wie eine Erscheinung, und Ada schwebte hoch über dem Boden und blickte direkt auf Smuteks Kinn, auf diese fleischige, in der Mitte geteilte Zwillingspflaume. »Danke«, flüsterte er, während er sie auf den Armen durchs Haus trug, »ich danke dir.«
»Ich habe nicht Ihnen geholfen«, sagte Ada, »sondern Ihrer Frau.« Die Stimme klang ganz wie gewohnt, Ada erkannte sie ohne weiteres als die eigene, ohne zu wissen, wie und womit sie in ihrem Körper erzeugt wurde. Smutek blieb stehen und sah ihr aus nächster Nähe ins Gesicht. Abgesehen von der unnatürlichen Blässe sah sie nicht krank aus, sondern selbst in dieser Lage blasiert und arrogant. In Smutek erwachte der Widerstand des Deutschen gegen jede Art von Gefühlsseligkeit und kämpfte mit der Sehnsucht des Polen nach Höhen, zu denen man aufsteigen, und Tiefen, in die man stürzen konnte. Eine Weile stand er ratlos, hätte sie gern geküsst oder streng zurechtgewiesen, lief endlich weiter, Türen mit dem Fuß aufstoßend, und sprach erst wieder, als er vor der letzten stand.
»Okay, Ada«, sagte er. »Ich danke dir hiermit im Namen meiner Frau.« Sie nickte: Okay. Überall war dicker Wasserdampf, es gab gekachelte Wände, an denen Bäche von Kondensat herunterliefen, ein schwarzes, beschlagenes Fenster, draußen wohl Nacht. Sie befanden sich in einem der Bäder in der obersten Etage, wo das Aufsichtspersonal schlief.
Smutek setzte sie auf den Klodeckel und zog ihr die Strümpfe aus, sie waren steif gefroren und fielen wie kleine Bretter auf die Fliesen. Er befreite sie von der Unterhose, zerrte an ihrem BH, und Ada schlug schon um sich, bevor er sie erneut auf die Arme hob. Als eine Schulter in Reichweite geriet, biss sie hinein. Smutek gab ein unterdrücktes Stöhnen von sich und senkte Ada trotzdem langsam und vorsichtig in die Wanne. Das heiße Wasser schmerzte wie siedendes Öl, unerträglicher als alles, was bislang passiert war. Ada glaubte, noch immer zu schreien, und war längst still, vom Schmerz überwältigt, gerade dabei, das Bewusstsein zu verlieren, als sie doch noch etwas sagte: Hol meine Laufschuhe, bitte, die sind noch auf der Wiese... Und endlich war auch sie – fort.

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