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Der ferne, verkannte Bruder des Schriftstellers – Warum Übersetzer Idealisten sein müssen

Foto: Colourbox.de
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Er selbst überträgt Literatur ins Deutsche. Zum Internationalen Übersetzertag widmet sich der Schriftsteller Michael Kleeberg der sehr intimen Beziehung zwischen Originalautor und dem, der sein Werk in einer anderen Sprache schreibt.

Von allen menschlichen Beziehungen, die ein Schriftsteller unterhält, ist − abgesehen vielleicht, aber nicht immer, von der zu seinem Lebensgefährten − die zu seinem Übersetzer die intimste und die vertrauensvollste. Und das selbst, wenn die beiden einander nie im Leben persönlich kennenlernen. Denn wer die Literatur durchdringt, erkennt den Menschen dahinter.

Ein Schriftsteller, dessen Bücher in eine fremde Sprache übersetzt werden, hat, abgesehen von dem Glücksgefühl beim Gedanken, dass ganz unbekannte Menschen eines anderen Landes oder gar Kulturkreises seine Bücher werden lesen können, den einen oder anderen Grund, sich Sorgen zu machen: Taugt der ausländische Verlag etwas, der die Rechte gekauft hat? Wird man jemals Geld aus dem Vertrag sehen? Über eines aber macht man sich im Allgemeinen keine Sorgen. Nämlich darüber, dass der Übersetzer nicht alles in seinen Kräften stehende versuchen wird, den Text so gut und so genau wie möglich zu übertragen.

Schlecht bezahlt – wie die Hebammen

Denn Übersetzer sind Idealisten. Und das müssen sie auch sein, denn ähnlich wie andere Berufsgruppen mit verantwortungsvoller Aufgabe − wie zum Beispiel Hebammen − werden sie überall auf der Welt gottserbärmlich schlecht bezahlt. Dass beispielsweise Amazon an jedem verkauften Buch 20 mal so viel verdient wie der Übersetzer, der es uns zugänglich gemacht hat, ist ein Skandal, über den wir alle mit einem Klick hinweggehen.

Man wird nicht reich als Übersetzer, jedenfalls nicht reich an Geld, wohl aber reich auf eine andere Weise: Der Übersetzer ist ein Krösus an wunderbaren und abenteuerlichen Begegnungen. Mit Texten, und oft auch mit Menschen.

Ich habe sowohl als übersetzter Schriftsteller als auch in meiner Eigenschaft als Übersetzer nur positive Erfahrungen gemacht. Sogar Freundschaften sind daraus erwachsen. Viele Übersetzer machen denn auch viel mehr, als nur einen Auftrag von einem Verlag entgegenzunehmen: Sie arbeiten als Scouts, entdecken in dem Land, aus dessen Sprache sie übersetzen, Autoren, die sie in ihrer Heimat verlegt und gelesen sehen wollen, machen kostenlose Probeübersetzungen, werben bei Verlegern, schreiben − so wie es mir jetzt gerade ergangen ist, als eins meiner Bücher ins Persische übersetzt wurde, nach dem Erscheinen Zeitungsartikel, um den neuen Autor bekannt zu machen, und manchmal, auch das habe ich schon erlebt, empfangen sie den übersetzten Schriftsteller, wenn es ihnen gelungen ist, ihn ins Land holen zu lassen, am Flughafen, laden ihn zu sich nach Hause ein, zeigen ihm Land und Leute.

Der Übersetzer bestimmt Sprachmelodie und Rhythmus

Der Übersetzer ist der ferne Bruder des Schriftstellers. Ganz gleich, ob er sein Zeitgenosse ist oder die Bücher eines langverstorbenen Autors neu übersetzt. Beides ist gleichermaßen nötig, denn es gibt ein merkwürdiges, unerklärbares Phänomen: Übersetzungen altern schneller als die Originale in ihrer Ursprungssprache. Was wir uns oft gar nicht klarmachen: Der Text des englischen, chinesischen oder brasilianischen Romanciers oder Dichters, den wir lesen, ist das Werk des deutschen Übersetzers. Der Rhythmus, die Sprachmelodie, die Metaphern – jedes einzelne Wort ist die Schöpfung des Übersetzers.

Übersetzer sind keine Dolmetscher, Übersetzer sind Schriftsteller. Natürlich arbeiten sie auf der Folie eines Originals. Aber wenn wir mit einem ausländischen Text lachen, weinen oder ihn genießen, dann hat der Übersetzer daran ebenso viel Anteil wie der ursprüngliche Autor.

Vielleicht kann man es so verständlich machen, das Verhältnis der Schriftsteller und ihrer Übersetzer: Stellen Sie sich vor, Sie müssten Ihr Kind ein Jahr lang weggeben zum Schüleraustausch in die USA. Aber Sie wissen: Dort drüben wohnt Ihr Bruder, der sich drum kümmern wird, als wäre es sein eigenes.

Michael Kleeberg
wurde 1959 in Stuttgart geboren und wuchs in Süddeutschland und Hamburg auf. Er studierte Politische Wissenschaften und Geschichte an der Universität Hamburg. Nach Aufenthalten in Rom und Amsterdam lebte er von 1986 bis 1999 in Paris. Heute arbeitet er als Schriftsteller und Übersetzer aus dem Französischen (Marcel Proust) und Englischen (John Dos Passos) in Berlin. Michael Kleeberg veröffentlichte zahlreiche Erzählungen, Novellen, Reisetagebücher und Romane, zuletzt "Vaterjahre" (DVA 2014). Sein Werk ist in zahlreiche Sprachen übersetzt.

Dieser Beitrag aus der Website www.deutschlandradiokultur.de wird mit freundlicher Genehmigung des Autors vom Goethe-Institut Brasilien veröffentlicht.


Oktober 2014

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