Artikel und Hintergründe zum Übersetzen

„Ohne uns läuft nichts“ – Literarische Übersetzer und ihre Bedeutung für die Weltliteratur

Porträt Claus Sprick (Copyright EÜK)Claus Sprick übersetzt englisch- und französischsprachige Literatur ins Deutsche. Allerdings nur nachts; tagsüber arbeitet der Präsident des Europäischen Übersetzer-Kollegiums in Straelen als Bundesrichter in Karlsruhe.

Herr Sprick, im Nachwort zu Ihrer Übersetzung von Jean-Luc Benoziglios Cabinet-Portrait schreiben Sie: „Wie die meisten Übersetzer übersetze ich, weil ich wahnsinnig gern schreibe, mir aber partout nichts einfällt.“ Stapeln Übersetzer gern tief?

Wir kokettieren bisweilen damit, dass unsere Arbeit unterschätzt oder gar nicht erst wahrgenommen wird. Was ich damals gesagt habe, meine ich aber durchaus ernst. Schlechte Romane gibt es genug; warum sollte ich noch einen schreiben? Da übersetze ich lieber einen Roman, der es wert ist, auch deutschsprachigen Lesern zugänglich gemacht zu werden.

Diese Bescheidenheit ist typisch und notwendig für unseren Beruf, denn dem zu übersetzenden Original können wir nur gerecht werden, wenn wir eigene stilistische Vorlieben zurückstellen und uns bemühen, das alter ego des Autors in der Zielsprache zu sein.

Welchen Anteil haben die Übersetzer Ihrer Meinung nach am Erfolg eines literarischen Textes im Ausland?

Europäisches Übersetzer-Kollegium in Straelen – Außenansicht (Copyright EÜK)Nur wenige können ein fremdsprachiges Werk im Original lesen, geschweige denn seine literarischen Qualitäten erfassen. Deshalb gäbe es ohne literarische Übersetzer auch keine Weltliteratur. Denn ohne eine gute Übersetzung hätte auch das bedeutendste Werk wenig Chancen, anderswo als solches wahrgenommen zu werden.

Welche Rolle kommt den Übersetzern als Vermittlern zwischen den Kulturen zu?

Darstellende Kunst, Musik und Tanz sind Kulturgattungen, denen keine Sprachbarrieren im Wege stehen. Denken aber setzt Sprache voraus und vollzieht sich in ihr; das gilt für die Literatur ebenso wie für die Wissenschaften. Ohne Übersetzer müsste der Kulturaustausch in diesem Bereich ebenso scheitern wie der Turmbau zu Babel. Da können wir trotz aller Bescheidenheit behaupten: Ohne uns läuft nichts.

Deshalb betrübt mich, nebenbei bemerkt, die Kulturförderung der EU. Deren Aufgabe sollte es sein, den Austausch dort zu fördern, wo ihm Sprachbarrieren entgegenstehen. Die Förderung der europäischen Übersetzerzentren wäre zudem besonders effektiv, weil sie sich auf Multiplikatoren beschränken würde. Stattdessen fördert die EU aber vorrangig Projekte, bei denen keine Sprachbarrieren zu überwinden sind.

Sie übersetzen aus dem Englischen und Französischen ins Deutsche. Kann man da überhaupt von kulturellen Differenzen sprechen?

Übersetzungen, die im Europäischen Übersetzer-Kollegium entstanden sind (Copyright EÜK)Aber ja! Zwischen britischem und kontinentalem Humor liegen Welten, dem Stellenwert kulinarischer oder auch erotischer Finessen in Frankreich stehen Deutsche und Engländer eher verständnislos gegenüber, und keine andere Nation hat den Wald poetisch so verklärt wie wir.

Hinzu kommt, dass wir 1945 als Zäsur empfinden, während Engländer und Franzosen sich eher der Kontinuität ihrer Geschichte bewusst sind. Natürlich sind die kulturellen Differenzen etwa zwischen Europa und Asien weit größer. Aber solange Hanseaten nicht jodeln und Bayern keinen Labskaus essen, bleiben selbst regionale Unterschiede für Übersetzer oft ein Problem.

Hauptberuflich sind Sie Bundesrichter in Karlsruhe und – so haben Sie es mal formuliert – bei Vollmond Übersetzer. Sind Sie mondsüchtig, oder anders: Was fasziniert Sie am Übersetzen?

Ich bin nicht mondsüchtig, aber tagsüber hat mein Hauptberuf nun mal Vorrang. Meine Übersetzungen mögen damit zu tun haben, dass ich mich stets gesträubt habe, die Welt nur durch die juristische Brille zu sehen. Was mich daran fasziniert, ist aber vor allem die Herausforderung, dem Leser einen deutschen Text vorzulegen, der die Eigenarten des Originals durchschimmern lässt.

Sie sind Gründungsmitglied des Europäischen Übersetzer-Kollegiums (EÜK) in Straelen und seit 1990 auch dessen Präsident. Sie haben das EÜK in Straelen einmal als „eine offene Anstalt für die Freigänger der Sprache“ beschrieben. Können Sie uns das bitte erklären?

Wenn ich hier das Vokabular des Strafvollzuges benutzt habe, hat das seinen guten Grund. Der literarische Übersetzer ist in doppelter Hinsicht ein Gefangener: Er ist an den Originaltext gebunden, und sein Verlagsvertrag zwingt ihn, die Übersetzung innerhalb der vereinbarten Frist abzuliefern. Frei ist er nur in der sprachlichen Umsetzung des Originals, und um diese Freiheit im Rahmen der ihm vorgegebenen Beschränkungen nutzen zu können, soll ihm das EÜK optimale Arbeitsbedingungen bieten.

Was ist für Sie das Bemerkenswerteste am EÜK?

Dass nach rund 800 Jahren, nämlich seit der Übersetzerschule von Toledo, erstmals wieder die Notwendigkeit erkannt wurde, ein europäisches Kompetenzzentrum für den sprachgebundenen Wissens- und Kulturaustausch zu schaffen, das den Bedürfnissen derer entspricht, ohne die dieser Austausch nicht möglich wäre.

Welche Hilfsmittel stehen den Übersetzern hier – neben Wörterbüchern – zur Verfügung?

Arbeitssitzung beim 2. Straelener Atriumsgespräch mit Julia Franck (Copyright EÜK)Selbstverständlich sind von jedem Zimmer aus jederzeit Internetrecherchen möglich. Bei älteren Texten stoßen diese jedoch an ihre Grenzen. Deshalb halten wir auch ungewöhnliche Nachschlagewerke vor wie zum Beispiel Stadtpläne oder Kaufhaus- und Versandkataloge aus dem 19. Jahrhundert. Die braucht ein Übersetzer, der den Tatort eines älteren Krimis lokalisieren oder wissen will, wie man damals die Art Hemdhose nannte, die ein Kind in einer Flaubert-Erzählung beim Herumtollen sehen lässt.

Weit wichtiger noch sind aber unsere lebenden Enzyklopädien, nämlich die jeweils anwesenden ausländischen Übersetzer, die über sprachliche Nuancen und sonstige Besonderheiten ihrer Heimat besonders gut Auskunft geben können, zumal ihnen die damit verbundenen Übersetzungsprobleme vertraut sind.

Das Übersetzen gilt als recht einsamer Beruf. Welche Rolle spielt der Austausch mit anderen Übersetzern und mit Schriftstellern in Ihrer Arbeit?

Günter Grass im Juni 2004 mit Übersetzern im Europäischen Übersetzer-Kollegium (Copyright EÜK)Über 40 Jahre Zusammenarbeit im Verband haben das Selbstverständnis der Übersetzer verändert, die einander nun als Mitstreiter und nicht mehr als Konkurrenten ansehen. Der Erfahrungsaustausch dient vor allem Berufsanfängern, und die gemeinsame Arbeit von Schriftstellern mit ihren Übersetzern hat wesentlich zur Qualität der Übersetzungen beigetragen.

Das EÜK, nach dessen Muster inzwischen in ganz Europa Übersetzer-Kollegien entstanden sind, gibt es nun seit 30 Jahren. Was wünschen Sie dem EÜK für die nächsten 30 Jahre?

Dass wir weiterhin dazu beitragen können, die Qualität literarischer Übersetzungen und die Arbeitsbedingungen der Übersetzer zu fördern. Da wir selbst keine Gewinne erwirtschaften dürfen, setzt das eine öffentliche Förderung voraus, wie sie das Land Nordrhein-Westfalen und die Stadt Straelen uns bislang in dankenswerter Kontinuität gewährt haben. Mein Wunsch wäre es, dass auch die EU sich daran wieder beteiligt. Deren Ablehnung unseres letzten Förderungsantrages war damit begründet worden, unsere Tätigkeit lasse einen „europäischen Mehrwert“ nicht erkennen. Dazu enthalte ich mich jeden Kommentars.

Dagmar Giersberg
stellte die Fragen. Sie arbeitet als freie Publizistin in Bonn.

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Juli 2008

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