Artikel und Hintergründe zum Übersetzen

„Den Leser eines Landes zum Autor des anderen bringen.“ – Marcelo Backes im Gespräch

Marcelo Backes mit seinen Büchern; © Leopoldo PlentzMarcello Backes; © Archiv des AutorsÜbersetzer gelten als wichtige Mittler zwischen den Kulturen. Der brasilianische Schriftsteller und Übersetzer Marcelo Backes erklärt im Gespräch mit Goethe.de, was ihn am Übersetzen fasziniert – und manchmal verzweifeln lässt.

Herr Backes, was fasziniert Sie am Übersetzen?

Das, was mich am Schreiben fasziniert – nur, dass ich hier eine von einem anderen Mensch vorgegebene Welt vor mir habe. Das, was mich am Lesen fasziniert, nur dass ich hier viel detaillierter, viel tiefgehender lese. Also das, was mich zur Kunst bringt, das ich für wichtig halte, anderen zu sagen und für mich selbst zu elaborieren.

Marcelo Backes mit seinen Büchern; © Leopoldo PlentzWelche Rolle kommt dem Übersetzer als Vermittler zwischen den Kulturen zu?

Eine überaus wichtige Rolle. Er steht zwischen zwei Ländern, zwischen zwei Kulturen. Er muss den Leser eines Landes zum Autor des anderen bringen. Man könnte für die Übersetzung vom Deutschen ins Brasilianische sagen: Der Übersetzer jongliert mit zwei verschiedenen Codes, indem er eine Musik, die für die Geige geschrieben wurde, mit der Gitarre wiedergibt.

Historische Distanz als Hürde

Übersetzung von „Emilia Gallotti”; © Editora Mercado AbertoSie haben deutsche Klassiker wie Goethe und Schiller ebenso übersetzt wie moderne Erzähltexte von Ingo Schulze, Thomas Brussig und Juli Zeh. Macht die historische Distanz zu den Texten das Übersetzen schwerer?

Mit der historischen Distanz kommt sicherlich noch eine Schwierigkeit hinzu. Gerade in meinem Fall, da Brasilien, was das Schreiben und die Literatur betrifft, im Vergleich zu Deutschland ein so junges Land ist.

Bei welchem deutschen Text, den Sie übersetzt haben, war für Sie die kulturelle Distanz am deutlichsten spürbar?

Wahrscheinlich bei Emilia Galotti von Lessing. Im 18. Jahrhundert hatte Brasilien noch keine richtige Literatur – zumindest nicht als literarisches System. Brasilien hatte auch nie eine richtige Aufklärung. Zudem scheint das Theater in Brasilien exklusiv fürs Sehen und nicht fürs Lesen gemacht zu werden. Und das sind nur ein paar der vielen, vielen kulturellen Unterschiede.

Wenn die Wörter fehlen

Übersetzung von Marx und Engels; © Editora Civilização BrasileiraWelche Wörter oder Begriffe haben Sie beim Übersetzen schon einmal an den Rand der Verzweiflung gebracht?

Mehrere Wörter, als ich zum Beispiel Karl Marx übersetzt habe. Wörter wie „Aufhebung“, „Entäußerung“ und „Entfremdung“ sind spätestens seit Hegel ein Problem. Hier war eine Begriffserklärung in der brasilianischen Ausgabe der Deutschen Ideologie absolut notwendig. Schwierig war auch, dass es bei diesen Begriffen schon eine Tradition der anderen Übersetzungen gab; einige Begriffe hatten dadurch bereits teilweise eine falsche Kontur bekommen.

Es gibt sogar eine komische Geschichte über einen dieser Begriffe, nämlich die „Aufhebung“. Da wir in Brasilien keinen Begriff hatten, der auch nur annähernd das Original trifft, hat man einen erfunden: „suprassunção“. Das ist eine Ableitung von dem existierenden Wort „subsunção“. Das neue Wort war aber nach den damals geltenden Regeln der brasilianischen Orthographie falsch geschrieben. Es hätte „supra-sunção“ heißen müssen. Darüber machte ich mich im Vorwort meiner Übersetzung der Deutschen Ideologie lustig. Mittlerweile hat es in Brasilien eine Rechtschreibreform gegeben und „suprassunção“ ist nun korrekt.

Sie sind selbst auch Schriftsteller. Sind Schreiben und Übersetzen für Sie sehr verschiedene Tätigkeiten?

Nein, überhaupt nicht. Der Unterschied ist: Wenn ich übersetze, dann habe ich eine „fertige“, von einem anderen Menschen vorgegebene Welt vor mir. Das heißt, ich wühle in etwas, das viel vollendeter, viel dichter ist, das nicht so viele Ausweichmanöver und Spaziergänge in Nebenwälder erlaubt wie das Schreiben.

Das Gespräch mit dem Autor

Übersetzung von Goethes „Werther“; © Editora L&PMWas hilft Ihnen beim Übersetzen?

Es hilft mir, das gesamte Werk des Autors zu kennen – und nicht nur das zu übersetzende Buch. Auch die Lektüre von Sekundärliteratur ist hilfreich, noch mehr aber das eigene Schreiben über das Werk, das man übersetzt.

Welche Rolle spielt das Gespräch mit dem Autor?

Das kann sehr produktiv sein. Bei mir war das besonders bei Ingo Schulze der Fall. Das Gespräch mit ihm hatte einen großen Anteil daran, dass Neue Leben in Brasilien ein wirklich besonderes Werk geworden ist. Das Gespräch mit dem Autor ist immer das Beste, auch wenn ich eigentlich ein eher in mich gekehrter Arbeiter bin: ein Künstler, der viel mit seinen Knöpfen spricht, wie man in Brasilien sagen würde.

Wonach entscheiden Sie, was Sie übersetzen?

Sagen wir, zu 80 Prozent danach, was mir wirklich gefällt. Und zu 20 Prozent danach, was wirklich wichtig ist, was übersetzt werden muss. Richtig glücklich bin ich aber, wenn mein persönlicher Geschmack und die „objektive“ Wichtigkeit des Werkes zu 100 Prozent übereinstimmen. Und das passiert immer wieder.

Gibt es ein deutsches Buch, das Sie besonders gern noch übersetzen würden?

Ja, mehrere. Ich nenne aber nur zwei, die auch in jeder Hinsicht reichen: Der Mann ohne Eigenschaften von Robert Musil, und zwar komplett, und Doktor Faustus von Thomas Mann. Irgendwann kommt es sicher auch dazu.

Dagmar Giersberg
führte das Gespräch. Sie arbeitet als freie Publizistin in Bonn.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
März 2010

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