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„In eine neue Landschaft übersetzen“ – Curt Meyer-Clason

Curt Meyer-Clason; © Lorenz ViereckeCurt Meyer-Clason; © Lorenz ViereckeCurt Meyer-Clason, einer der wichtigsten Übersetzer lateinamerikanischer und portugiesischer Literatur, ist am 13. Januar 2012 in München verstorben. Eine Würdigung.

Als Übersetzer wollte Curt Meyer-Clason immer ein „Zwillingsbruder des Autors“ sein. „In seinem Namen und mit seinem Geist“ wollte er agieren, den Text „in eine neue Landschaft übersetzen, so, wie man über einen Fluss setzt“. Aber eigentlich sind es gleich mehrere Flüsse, über die Meyer-Clason mit seinen Tradierungen gezogen ist: der Rio de la Plata war ebenso dabei wie der Amazonas oder der Tejo in Lissabon. Insgesamt sind so weit über 150 übersetzte Bücher entstanden.

Cover des Buchs „Hundert Jahre Einsamkeit“; © Kiepenheuer und WitschDabei hat Curt Meyer-Clason mit seiner unvergleichlich rhythmischen, fein getönten und expressiven, am Mündlichen orientierten und im Satz stilsicher komponierten Sprache Lesern hierzulande im Fluss der Sprache ganze Kontinente erschlossen. Gabriel Garcia Marquez, Miguel Torga, Octavio Paz und Jorge Amado sind solche Kontinente, Jorge Luis Borges, Rubén Dario, Miguel Delibes, Pablo Neruda, Juan Carlos Onetti oder João Ubaldo Ribeiro andere.

Neu geboren im Gefängnis

Cover des Buchs „Portugiesische Tagebücher“; © A1 VerlagGeboren wurde Curt Meyer-Clason am 19. September 1910 in Ludwigsburg. Im autobiografischen Roman Äquator (1986) beschreibt er sein Elternhaus in der Rückschau als deutsch-national gesinnten Offiziershaushalt. Das Stuttgarter Gymnasium verlässt er früh und geht nach einer kaufmännischen Ausbildung im Auftrag einer amerikanischen Handelsfirma als „Cotton-Controller“ nach São Paulo – „von dort aus Brasiliens Häfen befahrend“. Aber auch Argentinien ist ein Ziel.

1942 wird Meyer-Clason in Porto Alegre festgenommen und von einem Militärgericht wegen Nazi-Spionage zu 20 Jahren Haft verurteilt – ob die Vorwürfe stimmen, ist bis heute ungeklärt. Fünf Jahre sitzt er auf der tropischen Gefängnisinsel Ilha Grande vor Rio de Janeiro ein, „auf der die Zeit still stand, während sich im Rest der Welt Millionen Gleichaltriger gegenseitig mordeten“, dann wird das Urteil aufgehoben. Im Nachhinein wird Meyer-Clason die Zeit der Internierung als zweite Geburt erscheinen, die dem Schürzenjäger im Alter von 32 Jahren die Literatur nahe bringt, in der er „lesen lernt“: nicht nur die lateinamerikanische Literatur, sondern auch Proust und Rilke, Montaigne und Dostojewski.

„Offene Tür zu Europa“

Cover des Buchs „Das kurze Leben“; © Süddeutsche VerlagWie ein Neugeborener sei er 1954 nach Deutschland zurückgekehrt, wird Meyer-Clason später schreiben – und geht, um dem Land seiner Sehnsucht zumindest lesend nahe zu sein, in München immer wieder ins brasilianische Konsulat. In München beginnt er mit seiner Übersetzertätigkeit. 1969 erhält er die Möglichkeit, das Goethe-Institut in Lissabon zu leiten. Wie er in seinen 1979 erschienenen Portugiesischen Tagebüchern schildert, kämpft der kritische Freigeist hier nicht nur mit den Beschränkungen einer skeptischen deutschen Bürokratie, sondern begleitet kulturell bis 1976 auch den Wandel des Landes vom Ausgang der Salazar-Diktatur hin zur Demokratie.

Im Umfeld der „Nelkenrevolution“ gibt Meyer-Clason Dissidenten ein Forum. Und er holt Autoren wie Hans Magnus Enzensberger, Peter Weiss, Günter Grass oder Franz Xaver Kroetz nach Lissabon. „Grenzüberschreitung, Austausch und Zwiesprache über politische und diplomatische Schranken hinweg“ will er leisten, was ihm nach Ansicht von Zeitzeugen wie António Lobo Antunes auch gelingt. Meyer-Clason macht das Goethe-Institut zum „konsequenten und lebendigen Kulturzentrum der Stadt“ – ein hoch gelobter „Schutzraum und offene Tür zu Europa.“

Cover des Buchs „Paradiso“; © Suhrkamp VerlagVon den hierzu nötigen Anstrengungen erzählt Meyer-Clason in seinen Portugiesischen Tagebüchern. „Wie aus einem Schelmenroman“ würden sich die Passagen teilweise lesen lassen, schreibt Walter Jens in seinem Nachwort: einem Schelmenroman, „in der der Held witzig, listig, sprachmächtig, ironisch und selbstbewusst die großen Leute mit den ordensgeschmückten Brüsten, dem dazugehörigen Amtsbewusstsein und der Beherrschung des Protokolls in sein klitzekleines Messer laufen lässt.“

Sich in der Übersetzung selbst verstehen

Zurück in München, widmet sich Meyer-Clason ebenso unermüdlich wie leidenschaftlich als Freiberufler wieder der Übersetzertätigkeit. Herausragend sind bis heute seine Übertragungen von Gabriel Garcia Marquez’ Hundert Jahre Einsamkeit oder Juan Carlos Onettis Das kurze Leben, von Borges-Gedichten oder von Pablo Nerudas Autobiografie Ich bekenne, ich habe gelebt. Sein größtes Verdienst ist aber vielleicht, dem deutschsprachigen Publikum auch die eher unbekannten Regionen der lateinamerikanischen und portugiesischen Literatur erschlossen zu haben.

Cover des Buchs „Der Unbekannte“; © A1 VerlagDass Meyer-Clason dabei nicht immer wie ein eineiiger „Zwillingsbruder des Autors“ vorgegangen ist, sondern durchaus frei zu übertragen verstand – und bisweilen wohl auch blumiger als im Original –, haben Kritiker oft gerügt. An der großen, teils euphorischen Bewunderung der von ihm übersetzten Autoren hat dies nichts geändert.

So soll der brasilianische Schriftsteller João Guimarães Rosa Meyer-Clason versichert haben, ihm zahlreiche Passagen des eigenen polyphonen Romans Grande Sertão: Veredas erst durch die deutsche Übersetzung klar gemacht zu haben. So jedenfalls schildert es der Dichter Age de Carvalho, der Meyer-Clason zum 90. Geburtstag das Gedicht As árvores de Heine gewidmet hatte: „So verstand er endlich, was er selbst geschrieben hatte.“


Bücher Curt Meyer-Clasons:
Portugiesische Tagebücher. A1 Verlag, München 1997, 374 Seiten, ISBN 3927743321, 22,50 Euro
Der Unbekannte. Erzählungen. A1 Verlag, München 1999, 144 Seiten, ISBN 3927743410, 16,40 Euro
Bin gleich wieder da. Kurzgeschichten. Bibliothek der Provinz Verlag, Weitra 2000, 114 Seiten. ISBN 3852523435, 14,83 Euro
Thomas Köster
ist einer von zwei Leitern eines Redaktionsbüros und arbeitet als Kultur- und Wissenschaftsjournalist (Frankfurter Allgemeine Zeitung, Süddeutsche Zeitung, NZZ am Sonntag, Westdeutscher Rundfunk) in Köln.

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2010/2012

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