Artikel und Hintergründe zum Übersetzen

Kulturelle Brückenbauer. Literaturübersetzung in Deutschland

Titelgrafik der Broschüre „Wer die Welt lesen will, muss sie verstehen. Wir arbeiten daran“ des Verbands deutschsprachiger Übersetzer; © VdÜTitelgrafik der Broschüre „Wer die Welt lesen will, muss sie verstehen. Wir arbeiten daran“ des Verbands deutschsprachiger Übersetzer; © Angélica ChioLiterarisch ist Deutschland Einwanderungsland: Rund drei Viertel aller Titel seiner Bestsellerlisten stammen von fremdsprachigen Autoren. Dabei ist vielen Leserinnen und Lesern gar nicht klar, dass sie den Lektüregenuss zu einem Gutteil den Übersetzern verdanken: oft glückliche, teils engagierte, fast immer aber schlecht bezahlte Brückenbauer zwischen den Kulturen.

Wer übersetzt, vermittelt, überschreitet kulturell und manchmal auch politisch Grenzen. Deshalb war es konsequent, dass der Übersetzer Karl Dedecius ausgerechnet zum 20-jährigen Jubiläum der Wiedervereinigung im Juni 2010 den Deutschen Nationalpreis erhielt – einen Preis, den zuvor unter anderem schon der tschechische Präsident Václav Havel erhalten hatte.

Als „deutsch-polnischer Brückenbauer” wurde der 89-Jährige ausgezeichnet. Und tatsächlich wäre den Lesern hierzulande ohne den Gründer des deutsch-polnischen Instituts, ohne seine 50-bändige Polnische Bibliothek und seine Übersetzungen von Zbigniew Herbert, Wisława Szymborska oder Czesław Miłosz die polnische Kultur wohl wesentlich fremder geblieben.

„Beraten, bekehren und belehren”

Martin Pollack 2007 bei der Verleihung des Dedecius-Preises in Darmstadt; © Günter Jockel / Deutsches Polen-Institut DarmstadtAls Martin Pollack bei der Verleihung des Karl-Dedecius-Preises der Robert-Bosch-Stiftung 2007 das Idealbild seines Berufsstandes skizzierte, hatte er wohl auch diese Leistung des berühmten Namensgebers im Sinn. In deutschen Verlagen müsse der Übersetzer für unbekannte Autoren fremder Zunge stärker werben, forderte Pollack ein: “beraten, bekehren und belehren“ solle er und helfen, „an einer tragfähigen Brücke zwischen den Kulturen mitzubauen”. Umgekehrt gehört dazu für Pollack auch – wie bei einer Enthüllungsbiografie über den Schriftsteller Ryszard Kapuściński 2010 geschehen –, einen Auftrag abzulehnen.

Als Übersetzer aus dem Polnischen weiß Pollack dabei nur allzu gut, wie viel an Idealismus er seinen Kolleginnen und Kollegen mit seiner Forderung abverlangt. Denn gerade Literatur aus so genannten kleinen (oder kleineren) Sprachen hat bei den zumeist auf schnelle Bestsellererfolge ausgerichteten Großverlagen hierzulande kaum eine Lobby. Zwar gehört Deutschland laut dem Index Translationum der UNESCO zu den übersetzungsfreudigsten Nationen der Welt. Doch stammten im vergangenen Jahr fast 87 Prozent der rund 4.200 betroffenen Belletristiktitel aus dem englischsprachigen Raum, gefolgt von Französisch, Italienisch und Spanisch. Litauisch, Slowakisch oder Ukrainisch, aber auch Polnisch waren da weit abgeschlagen.

Unendlicher Spaß?

Cover von „Freiheit“; © Rowohlt VerlagDoch auch die Übersetzerinnen und Übersetzer aus „Weltsprachen” leiden unter dem ökonomischen Erfolgsdruck, der ihnen unter anderem abverlangt, ihre Fassungen möglichst synchron zum Erscheinungstermin des Originals fertigzustellen. Um den globalen Hype um den US-amerikanischen Autor Jonathan Franzen voll auszukosten, setzte der Rowohlt Verlag an dessen Roman Freiheit 2010 gar ein Übersetzerkollektiv. „Schlechte Laune” bekam da die Rezensentin der Süddeutschen Zeitung beim Lesen des von ihr monierten inkonsistenten Ergebnisses.

Cover von „Unendlicher Spaß“; © Kiepenheuer und WitschDass Verlage trotz der erwarteten Qualität wenig bezahlen, ärgert literarische Übersetzerinnen und Übersetzer. Als Freiberufler verdienen sie nach eigenen, im Zuge des so genannten „neuen Übersetzerstreits“ (2007) mit den Verlagen offengelegten Berechnungen oft nicht mehr als 1.000 Euro monatlich. Rund drei Euro brutto in der Stunde hat Ulrich Blumenbach demnach für seine hochgelobte Übersetzung des US-Kultromans Unendlicher Spaß (2010) von David Foster Wallace bekommen, an der er sechs Jahre lang gearbeitet hat. Zum Überleben übertrug er Börsennachrichten einer Bank ins Deutsche.

„Wer dem Übersetzen berufsmäßig nachgeht“, resümiert Jürgen Jakob Becker, Programmleiter des für seine Übersetzerwerkstätten berühmten Literarischen Colloquiums Berlin (LCB), müsse sich „auf ein Leben in den unteren Etagen des Literaturbetriebs einstellen“.

Arm, aber glücklich

Literarisches Colloquium Berlin; © LCB/Tobias BohmUm diesen Missstand zu beheben, schlug der Verband deutschsprachiger Übersetzer (VdÜ) unter anderem einen „Übersetzer-Euro“ pro verkauftem Buch eines fremdsprachigen Autors vor – bisher erfolglos. So helfen besonders guten Vertretern ihres Fachs neben Literaturpreisen momentan vor allem Stipendien über Durststrecken, darunter die des Deutschen Übersetzerfonds.

Cover von 2666; © Hanser VerlagsNichtdestotrotz muss man sich die meisten Literaturübersetzer hierzulande als glückliche, da leidenschaftliche, von ihrer Arbeit befriedigte Menschen vorstellen. „Eine Form zu atmen“ nennt Swetlana Geier ihre Tätigkeit im preisgekrönten Film Die Frau mit den fünf Elefanten (2010), der ihr als Übersetzerin der großen Romane Dostojewskis gewidmet ist. Und Christian Hansen, der mit seiner Fassung von 2666 (2009) maßgeblich am Sensationserfolg von Roberto Bolaños Roman im deutschsprachigen Raum beteiligt war, mag keinen Tag ohne seine Arbeit verbringen: „Es ist mir einfach ein inneres Bedürfnis.“

„Eine immer wichtigere Rolle“

In Deutschland wächst derweil die öffentliche Wertschätzung langsam, aber stetig an. „Seit 1986, als meine erste Übersetzung erschien, hat sich manches geändert“, erinnert sich die in Ungarn geborene Zsuzsanna Gahse, die 2010 den mit 15.000 Euro dotierten "Johann-Heinrich-Voß-Preis für Übersetzung" der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung erhielt. „Früher wurden die Namen der Übersetzer oft nur versteckt im Impressum genannt. Heute spielt das Übersetzen eine immer wichtigere Rolle.“

Preisverleihung des Internationalen Literaturpreises 2010 an Marie NDiaye (rechts) und ihre deutsche Übersetzerin Claudia Kalscheuer; © Marcus LieberenzInzwischen fungieren Übersetzerbiografien auf Klappentexten immer öfter als Verkaufsargument. Öffentlichkeitsstiftend wirken auch zahlreiche, teils junge Auszeichnungen: namentlich der 2010 zum zweiten Mal verliehene Internationale Literaturpreis des Hauses der Kulturen der Welt, der Preis der Leipziger Buchmesse oder der mit 25.000 Euro dotierte Übersetzerpreis der Kunststiftung NRW, der 2010 an Sabine Baumann – unter anderem für ihre Neuübersetzung von Puschkins Eugen Onegin – ging.

Aus Teutsch wird Deutsch

Überhaupt wurde im deutschsprachigen Feuilleton vor allem der aktuelle Trend zu Neuübersetzungen, etwa von Tolstoi (Rosemarie Tietze), Flaubert (Wolfgang Skwara), Melville (Friedhelm Rathjen) oder Tausendundeine Nacht (Claudia Ott), teils begeistert aufgenommen – ebenso wie Reinhard Kaisers Übertragung des Barockromans Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch (2009) in modernes Hochdeutsch. Das Ergebnis eines Symposiums für Kritiker, Übersetzer und Lektoren Mitte 2010 im Literaturhaus München, das sich über eine angeblich gänzlich fehlende Würdigung von Übersetzungen in Buchbesprechungen beschwerte, stimmt also nur bedingt.

Verleihung des Deutschen Nationalpreises 2010 an Karl Dedecius; © Deutsche NationalstiftungDass 2010 eine übersetzungsferne Auszeichnung wie der Deutsche Nationalpreis an Karl Dedecius ging, ist ein weiteres Symptom für diese wachsende gesellschaftliche Anerkennung. „Die Literatur ist ein Fenster, durch welches ein Volk einem anderen in die Augen schauen kann“, gab Dedecius einmal an. Auch in diesem Sinn werden deutsche Übersetzerinnen und Übersetzer in Zukunft immer wichtig sein.

Thomas Köster
lehrte Buchwissenschaft an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Heute leitet er ein Redaktionsbüro und arbeitet als Literaturkritiker, Kultur- und Wissenschaftsjournalist (Frankfurter Allgemeine Zeitung, Süddeutsche Zeitung, NZZ am Sonntag, Westdeutscher Rundfunk) in Köln.

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Oktober 2010

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