7 Fragen an...

Augusto Paim

Geboren 1985 in Porto Alegre-Rio Grande do Sul, Brasilien

2007 Studienabschluss Sozialkommunikation, Habilitation für Journalismus an der UFSM (Universidade Federal de Santa Maria).

2013 Master in Germanistik, mit Schwerpunkt Kreatives Schreiben, an der PUCRS (Pontifícia Universidade Católica do Rio Grande do Sul).

[2017] Promotion an der Bauhaus-Universität Weimar, Deutschland.

augusto.paim@gmail.com


Stipendien und Auszeichnungen

2004-2005 Auszeichnung und Teilnahme am Programm Rumos de Jornalismo Cultural, des Itaú Cultural.

2004-2007 Stipendium von PET– Programa de Ensino Tutorial, MEC. (Betreutes Bildungsprogramm des Ministeriums für Bildung und Kultur).

2011-2013 Masterstipendium von CAPES/DAAD.

2013-2017 Vollstipendium von CAPES/DAAD für Promotion.


Wie sind Sie zum Übersetzen gekommen?
Viele Journalismusstudenten möchten in irgendeiner Weise mit Literatur arbeiten. Bei mir war es nicht anders. Als ich 2006, schon am Ende meines Studiums anfing, Deutsch zu lernen, hatte ich schon den Wunsch, in der Zukunft Übersetzer zu werden. Doch damals war das nur eine vage Ambition, eine Zielsetzung, deren Erreichung und Umsetzung für mich in weiter Ferne lag. Ich hätte nie gedacht, dass diese Zukunft so nahe liege.

2008 war ich schon ausgebildeter und praktizierender Journalist. Da entschied ich mich, ein Jahr als Aupair in Deutschland zu leben, um meine Sprachkenntnisse zu erweitern und zum ersten Mal einen Kulturaustausch zu erleben. Obwohl damals meine Hauptaufgabe die Kinderbetreuung war, habe ich auch viel Kontakt und Erfahrungen mit Berufskollegen gemacht, insbesondere im Comicbereich. Als ich 2009 nach Brasilien zurückkehrte war Robertson Fizero, ein Freund aus einem literarischen Workshop, in 2007, an der PUCRS, gerade Redaktionskoordinator bei der 8Inverso, eines neu gegründeten Verlags in Porto Alegre geworden. Er fragte mich welche deutschen Werke meiner Meinung nach, für das brasilianische Publikum interessant sein könnten. Ein entscheidender Aspekt für alles was sich ab diesem Moment ereignete war, dass Robertson, selbst begeisterter Comicleser, damals, als ich ihm das Buch Johnny Cash von Reinhard Kleist zeigte, die hohe Qualität dieses Werks erkannte und davon begeistert war. Folglich überzeugte Robertson selbst den Verleger Cássio Pantaleoni (heute ein Enthusiast von Graphic Novels) und schlug mich als Übersetzer vor. In diesem Moment erinnerte ich mich an meine Pläne von 2006 und erwägte ob ich dieser Herausforderung gewachsen sei. Ich dachte mir: warum eigentlich nicht?

Nach welchen Kriterien suchen Sie das Werk aus, das Sie übersetzen?
Meine Spezialisierung ergab sich spontan und folglich konzentriere ich mich heute auf die Übersetzung von deutschen Comics ins Portugiesische. Die Autorencomicszene in Deutschland ist sehr kreativ und findet zunehmende Anerkennung, inklusive außerhalb Europas. Es gibt mehrfach ausgezeichnete Autoren, die internationale Karriere machen. Da die meisten brasilianischen Verleger in Brasilien kein Deutsch verstehen und keine Autorencomics kennen, haben die brasilianische Leser leider kaum Zugang zu dieser Literatur. Meine Bemühung geht dahin, diese Bücher den brasilianischen Verlagen, die mit Comics arbeiten, vorzustellen und zu versuchen, sie zu ihrer Herausgabe zu gewinnen. Bei dieser Arbeit höre ich viel öfter ein "Nein" als ein "Ja". Allmählich, jedoch, werden die Namen dieser talentierten deutschen Künstler auch in Brasilien bekannter.

Wie wichtig ist Ihnen der Kontakt zum Autor? Begründen Sie!
Bis jetzt hatte ich bei der Übersetzung von Graphic Novels immer Kontakt zu den Autoren. Dieser Kontakt ist sehr wichtig, um Fragen schnell zu klären und den Kreationskontext des Werkes durch das nähere Kennenlernen des Universums des Autors besser zu verstehen. Ich frage gerne nach den kleinsten Details. Und bis jetzt habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Autoren dies mögen; sie freuen sich zu sehen, dass ihrem Werk die verdiente Aufmerksamkeit geschenkt wird. Im Moment mache ich gerade eine neue Erfahrung, Dank der Übersetzung von Das kalte Herz, von Wilhelm Hauff (1802 – 1827), mit der ich gerade beginne. Einerseits ist es meine erste wirklich literarische Übersetzung (d. h. ohne die Unterstützung von Zeichnungen), andererseits werde ich eine Ersatzlösung für den direkten Austausch mit dem Autor finden müssen.

In welchem der von Ihnen übersetzten Texte haben Sie am deutlichsten eine kulturelle Distanz verspürt?
Es war die Autobiographie von Mawil, mit nur 64 Seiten, die mir mehr Arbeit machte als irgend eins der anderen Werke von über 200 Seiten. Für den deutschen Leser ist es ein witziges Buch, weil viele Slangausdrücke aus der Jugendzeit des Autors verwendet werden, der 1976 geboren wurde. Außerdem stammt Mawil aus dem Osten Deutschlands, weshalb auch ständig Bräuche eines geteilten Deutschlands vorkommen. Zudem kommt die Tatsache, dass Mawil sehr witzig ist, voller Ironien, Anspielungen und eine Metasprache verwendet. Um dieses Werk zu übersetzen, musste ich eine allgemeine Vorgehensweise entwickeln und es vermeiden, zu sehr an spezifischen Textstellen zu kleben. Es war harte aber auch sehr, sehr befriedigende Arbeit, zumal ich mit der Unterstützung des Autors selbst rechnen konnte. Ich hatte viel Spaß bei der Übersetzung dieses Buches, das übrigens das erste Buch war, das ich auf deutsch gelesen hatte, als ich noch Deutsch lernte (und diese Tatsache verlieh dem ganzen natürlich eine besondere Bedeutung). Leider wurde die Revision auf der Basis der amerikanischen Ausgabe gemacht, die viel ärmer als das Original ist, weil es Standardenglisch und Gegenwartssprache verwendet. Die brasilianische Ausgabe hätte, trotz der Schwierigkeiten, der Wirkung des deutschen Originalwerks viel näher kommen können. Doch leider entfernte sie sich wie die amerikanische Übersetzung.

Welche sprachlichen Schwierigkeiten haben Sie beim Übersetzen schon einmal an den Rand der Verzweiflung gebracht?
Es gibt nichts Schlimmeres für einen Übersetzer als das Gefühl der Verzweiflung. Wenn sie einen überkommt, dann ist es das Beste, die Übersetzung eine Weile ruhen zu lassen und eine Runde an der frischen Luft zu drehen. Verzweiflung blockiert.

Ich kann mich gerade an keine spezifische sprachliche Schwierigkeit erinnern, die mich zur Verzweiflung gebracht hätte, aber ich gestehe, dass mich eine gewisse Beklemmung überkommt, wenn ich vor einem neuen Übersetzungsauftrag stehe. Dann ist es das Beste, tief durchzuatmen und gleich mit der Arbeit zu beginnen. Die Schwierigkeiten werden allmählich gelöst, der Übersetzer darf nicht vor dem Gesamteindruck zurückschrecken, den ein Werk bei der ersten Lektüre hinterlässt. Manchmal, jedoch, ist dieser erste Eindruck recht stark, insbesondere für einen Übersetzer der gerade in den Beruf einsteigt. Dieser braucht etwas länger, um sich von solch einem ersten Eindruck zu erholen.

Deutsche/r Lieblingsautor/in oder Lieblingsbuch:
Mir gefällt sehr was ich bisher von Heinrich Böll, Thomas Mann, Arthur Schnitzler, Siegfried Lenz u.a. gelesen habe. Ich könnte auch noch zahlreiche Comicautoren nennen, deren Werke ich bewundere. Doch da ich Journalist bin (und zwar vom romantischen Typ der Reportagekunst), muss ich hier Günter Wallraff nennen, der einer meiner ausgelesenen Inspirationsquellen im Journalismus ist.

Welches Werk würden Sie gerne übersetzen und warum?
Ich würde sehr gerne ein Buch von Siegfried Lenz übersetzen, dessen Werke ich sehr mag: “So zärtlich war Suleyken: Masurische Geschichten”. Diese ist eine Erzählungsreihe, die sich in einem Dorf von Masurien abspielt. Trotz der regionalen Einbettung der Geschichten, behandeln sie sehr menschliche Themen. Mir gefällt der mündliche und musikalische Stil von Siegfried Lenz. Es wäre mir eine Ehre und eine sehr angenehme Aufgabe, dieses Werk übersetzen zu dürften.

  Augusto Paim © Dida Moraes
Vom Deutschen ins brasilianische Portugiesisch übersetzte Werke:

Kleist, Reinhard
O Boxeador / Reinhard Kleist.
Porto Alegre: 8Inverso, 2013.
200 S.
ISBN 978-85-62696-25-1
Originalsacht.: Der Boxer.


Bellstorf, Arne
Baby’s in Black: o quinto Beatle / Arne Bellstorf. Augusto
Paim und Cássio Pantaleoni [Übers.]. Porto Alegre: 8Inverso,
2012. 208 S.
ISBN 978-85-62696-19-0
Originalsacht.: Baby’s in black:
The Story of Astrid Kirchherr &
Stuart Sutcliffe.


Witzel, Markus Mawil
Mas podemos continuar
amigos
/ Markus Mawil Witzel.
Campinas: Zarabatana, 2012.
64 S.
ISBN 978-85-60090-42-6
Originalsacht.: Wir können ja
Freunde bleiben.


Kleist, Reinhard
Johnny Cash: uma biografia /
Reinhard Kleist. Porto Alegre:
8Inverso, 2009. 244 S.
ISBN 978-85-62696-01-5
Originalsacht.: Johnny Cash:
I see a Darkness.

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