Belletristik

Neue deutsche Autoren

Es gibt vielerlei Krisen in Deutschland, zu viele Überschwemmungen und seit je zu wenig Sonnenschein. Eine Schreibkrise allerdings gibt es mit Sicherheit nicht. Es wird eifrig geschrieben, es wird landauf, landab vorgelesen. Junge Talente steigen auf Bühnen und erproben sich hinter Mikrofonen als literarische Popstars. Bekannte Autoren finden große Beachtung, unbekannte Talente werden von Verlagen und Literaturkritik neugierig begrüßt. Schnelle Karrieren sind an der Tagesordnung, kurze allerdings auch. Die Vielfalt der literarischen Produktion ist immens. Im Herbst 2007 wurde sogar die Befürchtung laut, die vielen Neuerscheinungen namhafter Autoren könnten sich gegenseitig zu viel Konkurrenz machen.

Trotzdem herrscht in den Büchern der jüngeren Generationen zwischen zwanzig und vierzig keine Hochstimmung. »Und so erzählten wir uns nachts, wenn wir miteinander geschlafen hatten und wach lagen, gegenseitig die traurigsten Geschichten aus unserem Leben«, heißt es in dem Erzählband »Minibar«, mit dem Kolja Mensing, Jahrgang 1971, debütierte. Im Roman »Die Stunde zwischen Hund und Wolf« von Silke Scheuermann erscheint das »gute Leben« nur als unerreichbare Vision. »Die Buntheit des Lebens«, konstatiert eine pessimistische Protagonistin, ergibt zusammen so etwas wie »Dreck«. Das sind harsche Töne. Sie wirken umso überraschender und provokanter, als sie fast immer vor den Kulissen von Wohlstand und Überfluss erklingen.

Nach der Jahrtausendwende ist ein radikaler Stimmungswechsel eingetreten. Die Popliteratur, die ab Mitte der 90er-Jahre zum Schlüsselbegriff geworden war, ist aus der Mode. Sie ging mit dem Börsencrash und den Anschlägen auf das World Trade Center unter. Mit dem Schock kamen Verunsicherung und Desillusionierung. Seitdem dominiert in der jungen Literatur – zumindest latent – ein starkes Krisenbewusstsein. Katharina Hacker hat mit ihrem Roman »Die Habenichtse« dieses Krisengefühl einer Generation umrissen. 2006 hat sie damit den Deutschen Buchpreis gewonnen.

Gleichwohl geht es hoch her zwischen Hamburg und München, Berlin und Köln, Frankfurt und Leipzig. Turbulent und wechselhaft, wie es ist, lässt sich das literarische Leben in der Bundesrepublik heute am besten mit einer Mischung aus Stehempfang und Party vergleichen. In früheren Zeiten wäre das völlig unmöglich gewesen. In den 50er-, 60er- und 70er-Jahren hätte man eher von Arbeitsgruppen, Avantgardetruppen, Experimentallabors sprechen müssen, von Revolutionsclubs, Therapiezirkeln, von Linken und Rechten. Heute dagegen haben wir es mit einer Art der offenen, informellen Geselligkeit zu tun, mit lauter Spezialisten in eigener Sache, ohne gemeinsam definierte Ziele, ohne Programme oder stabile Fronten.

Und so sieht es denn auch aus bei unserem Stehempfang, bei der Literaturparty, zu der auch Österreicher und deutschsprachige Schweizer anreisen, ohne um ihre Eigenständigkeit zu fürchten. Unter vielen Kritikern tummeln sich einige große ältere Damen und Herren der deutschen Literatur, die jedoch untereinander meist vorsichtig Abstand halten: Günter Grass, Christa Wolf, Martin Walser, Hans Magnus Enzensberger, Jürgen Becker oder der von einem Comeback beschwingte Dieter Wellershoff. Trotz ihres Ruhmes sind manche von ihnen nicht unumstritten. Günter Grass zum Beispiel muss sich vermittels seines Gedichtbandes »Dummer August« gegen die Vorwürfe verteidigen, die ihm seine spät eingestandene kurze Mitgliedschaft in der Waffen-SS eingetragen hat. Martin Walser wird wegen seiner Verstöße gegen politisch korrekte Sprachregelungen seit Jahren attackiert.

Da erhebt sich aus den Kreisen der mittleren Generationen gelegentlich ein Murren gegen die Aufmerksamkeit, die den Älteren zuteil wird. Sollen denn Autoren wie Matthias Politycki, Helmut Krausser oder Ulrich Peltzer ewig im Schatten der literarischen Gründerväter stehen? Was unterscheidet eigentlich die älteren und jüngeren Generationen so sehr voneinander? Es ist die Dimension des Historischen. Die Biographie der Älteren ist noch aufs Engste mit den Dramen der deutschen Geschichte verbunden: Nationalsozialismus, Krieg, Kaltem Krieg, sozialistischen Hoffnungen und realsozialistischer Diktatur, aber auch der Politisierung nach 68. Literaturhistorisch ergänzt wird dieses historische Flair durch die Teilhabe an der Gruppe 47, dem Gründungsverein der bundesrepublikanischen Literatur. Wenn über Günter Grass gestritten wird oder über Martin Walser, der gerade seine Tagebücher veröffentlicht, dann geht es dabei zugleich um die Geistesgeschichte der Bundesrepublik. Ähnliches gilt hinsichtlich der DDR für Erich Loests Bericht »Prozesskosten«, in dem er deutlich macht, wie eng der »historische Prozess« mit den politischen Unterdrückungsprozessen verbunden war.

Die jüngeren Partygäste betrachten solche Erzählungen mit Respekt, zugleich aber mit dem Bewusstsein: Das ist Vergangenheit. Ganz anders verhält es sich mit dem, was der Österreicher Josef Haslinger zu erzählen hat. Er schildert in seinem Tatsachenbericht »Phi Phi Island«, wie er mit Frau und zwei Kindern im Dezember 2004 zum Opfer des Tsunami im Indischen Ozean wurde - und wie alle vier überlebten. Solche Ereignisse verändern das aktuelle Bewusstsein und Lebensgefühl, genauso wie 9/11 und ebenso wie einst das Erdbeben von Lissabon 1755, das Voltaire und die Aufklärer erschütterte. Mit einer alten deutschen Wendung ließe sich sagen: Der Ernst des Lebens ist damit zurückgekehrt. Es hat sich gezeigt: Die Welt ist kein postmodernes Spiel, keine mediale Simulation, sondern schwierige, oftmals tödliche Wirklichkeit. Entsprechend findet in vielen Büchern der jüngeren Schriftstellergenerationen eine Hinwendung zu den Grundtatsachen des menschlichen Lebens statt. Der Kritiker Ulrich Greiner hat beobachtet, dass sich die Enkel und Enkelinnen mit Enthusiasmus wieder der »Erzählung vom Schicksal des Menschen« widmen.

Besonders Krankheit und Alter spielen als Schlüsselerfahrungen eine Rolle wie nie zuvor. Sabine Gruber zeichnet in ihrem Roman »Über Nacht« eine krisenhaft zerfallene Erfahrungswelt, in der Krankheit und die Suche nach Liebe im Mittelpunkt stehen. In Katja Lange-Müllers Roman »Böse Schafe« überschneiden sich Krankheit, Sucht, Liebe und Scheitern. Mal wird das Alter aus eigener Erfahrung zum Thema, mal geht es um Krankheit und Tod der Eltern oder um die alternde Gesellschaft im Allgemeinen.

Vor allem jedoch wird wieder überraschend viel über Familien erzählt. Offenbar bietet die Familie in der deregulierten globalisierten Welt eine der wenigen noch konkret fassbaren sozialen Einheiten und damit einen roten Faden für das Erzählen. 2007 ging der Deutsche Buchpreis schon zum zweiten Mal an einen Familien- und Generationenroman. In »Die Mittagsfrau« verknüpft Julia Franck die unglückliche Familiengeschichte ihrer Heldin mit den beiden Weltkriegen, mit Verfolgung und Vertreibung.

Die Vergangenheit ist nach wie vor in Medien und Literatur das große deutsche Über-Thema. Manchmal verbindet es sich sogar mit formalen Wagnissen. So hat der junge Autor Kevin Vennemann in »Mara Kogoj« auf interessante Weise Muster der 70er-Jahre erneuert: literarisches Experiment, Antifaschismus und Politisierung. Michael Köhlmeier entfaltet in »Abendland« mit seinem Talent zum postmodernen Fabulieren ein großes Panorama des Zwanzigsten Jahrhunderts. Der Sprachspieler Michael Lentz wiederum erprobt in »Pazifik Exil« seinen Einfallsreichtum an den Porträts einiger berühmter Flüchtlinge vor der Nazidiktatur: an Heinrich und Thomas Mann, Franz Werfel, Arnold Schönberg, Bertolt Brecht. Das ist, trotz des schweren Themas, gelegentlich sehr komisch. Und tatsächlich: Es gibt einiges zu lachen in der neuesten deutschen Literatur, auf jeden Fall manch atemberaubende Komik. Die Büchner-Preisträger Wilhelm Genazino (»Mittelmäßiges Heimweh«) und Arnold Stadler (»Komm, gehen wir«) verfügen nicht nur über eine unverwechselbare erzählerische Phantasie, sie sind vor allem Existentialhumoristen ersten Ranges.

Überall wird lebhaft diskutiert, auf dem Stehempfang der Älteren und auf der Party der Jüngeren. Bei der Beurteilung von Literatur herrscht lebhafter Meinungsstreit. Wer da mit wem oder gegen wen verbündet ist - um das herauszufinden bedarf es fast eines detektivischen Spürsinns. Daran herrscht zumindest in den Büchern kein Mangel. Polizeikommissare und Detektive haben nach wie vor Hochkonjunktur. Längst ist es ein Gemeinplatz, dass der Krimi Kompensation bietet für den im deutschen Sprachraum schwach entwickelten realistischen Gesellschaftsroman. Überhaupt lassen sich die verschiedenen Sujets spannend in der Form des Kriminalgenres abhandeln. Dieter Kühn hat mit »Geheimagent Marlowe« einen historischen Literaturkrimi geschrieben. Andrea Maria Schenkel greift mit »Kalteis« einen Fall aus der Nazizeit auf. Veit Heinichen schreibt (ähnlich wie Donna Leon in Venedig) als großer Kenner und Liebhaber dieser Stadt gekonnte Triest-Krimis.

Auch bei den Hörbüchern gehört der Krimi zu den beliebtesten Genres. Der Hörbuchmarkt hat sich inzwischen mit immer noch steigenden Wachstumsraten etabliert. Zu vielen literarischen Novitäten erscheint zeitgleich eine Hörbuchfassung. Dadurch dürften sich in einem gewissen Grad die Rezeptionsgewohnheiten verändern. Auch bei aktuellen Autoren stellt sich nun die Frage: Lesen oder Hören? Außerdem treten neue Gestaltungs- und Wirkungsaspekte hinzu, wenn ein Text durch den mündlichen Vortrag akustisch inszeniert wird. Dadurch bietet die Literatur noch mehr Gesprächsstoff als ohnehin schon.

Da wird es plötzlich laut, dort hinten an der Bar. Man streitet über das Verbot von Maxim Billers Roman »Esra«. Die Ex-Freundin des Autors hat geklagt, weil sie sich durch das Buch bloßgestellt sieht. Doch abgesehen davon: Die Liebe ist natürlich immer ein Thema. In den Liebesverhältnissen spiegeln sich die Verhältnisse der Welt. Entsprechend kompliziert sehen die Liebesgeschichten der jüngeren Generationen aus. Thomas Langs Protagonisten im Roman »Unter Paaren« leben im Wohlstand, doch sie wissen nicht, mit welchem Ziel: undeutliche Gefühle in gepflegter Umgebung. Nur Hanns-Josef Ortheil, Jahrgang 1951, wagt mit dem Roman »Das Verlangen nach Liebe« noch die Behauptung, dass die ganz große Liebe möglich sei.

Die Globalisierung hat die deutsche Literatur längst erreicht. Viele Schriftsteller forschen dem Feingewebe der neuen Weltlage nach, den neuen Bewegungsmöglichkeiten, aber auch den damit einhergehenden Problemen. Andererseits ist die globalisierte Welt auch eine restlos entdeckte, bereiste und entzauberte Welt. Schon seit Langem benutzen Autoren daher das Mittel der Originalzeugnisse oder historischen Reiseberichte, um etwas vom abenteuerlichen Reiz aus dem Zeitalter der Entdeckungen zumindest in ihren Büchern zurückzugewinnen. Dasselbe gilt für Christoph Hamanns »Usambara« und Alex Capus’ »Eine Frage der Zeit«. Damit etablieren sich (nach Gerhard Seyfrieds »Herero«) die Afrika- und Kolonialromane offenbar als Trend. Und wie steht es um die Bürger der Welt, die in die deutsche Sprache eingewandert sind? Sie treten – gleich, welcher Herkunft sie sind – vor allem als unabhängige Schriftstellerpersönlichkeiten auf, mit eigenen Geschichten, Interessen und Begabungen. Natürlich bringen sie oft neue Stoffe, Themen und Tonlagen mit. Dennoch unterliegen Autoren mit dem sogenannten »Migrationshintergrund« ähnlichen Mechanismen wie alle anderen. Sie sind akzeptiert als Teilnehmer des literarisch-kulturellen Diskurses. Wie sie sich dabei behaupten, das hängt mehr von der Art ihrer Wortmeldungen ab als von ihrer Herkunft. Insofern lässt sich darüber streiten, ob es tatsächlich so etwas gibt wie ein kompaktes Korpus von Migrationsliteratur.

Was allerdings die gegenwärtig heiß diskutierten Probleme wie Migration, Integration, Multikulturalismus oder Islam betrifft, sind Autoren mit transkulturellen Perspektiven den anderen meist weit voraus. Die Beziehung von Politik und Literatur ist für die Mehrzahl jüngerer Autoren derzeit noch eine ungelöste Frage. Doch die globalen und sozialen Probleme beginnen allmählich in den literarischen Raum einzusickern. Schon wird in einigen Romanen eine Re-Politisierung, eine Wiederkehr der Radikalität thematisiert: in Ulrich Peltzers »Teil der Lösung«, Thomas Weiss’ »Tod eines Trüffelschweins« und Raul Zeliks »Der bewaffnete Freund«.

Umso bemerkenswerter erscheint, was in den feudaleren Räumen vor sich geht. Dort wird unter Kronleuchtern Martin Mosebach gefeiert, der Büchner-Preisträger 2007. Er hat in seiner Dankesrede die unmenschliche und destruktive Grausamkeit revolutionärer Blutgerichte hervorgehoben. Als besseren Weg empfiehlt er die Tradition. In seinem neuen Roman »Der Mond und das Mädchen« lassen sich die Möglichkeiten und Grenzen seiner Kunst des gepflegten Traditionalismus auf unterhaltsame Weise studieren.

Wohlüberlegte Rückgriffe auf traditionelle Formen lassen sich seit Längerem in der Lyrik beobachten. Da hat die Botschaft des 2006 verstorbenen Robert Gernhardt Wirkung gezeigt. Ihm ging es um Witz und Sprachmusik. Der andere Klassizist, Durs Grünbein, hingegen zielt auf formale Strenge und historische Reflexion. Auch Jan Wagner und Ron Winkler arbeiten an der Erneuerung lyrischer Formen und Genres, die von der Moderne schon ad acta gelegt worden waren.

Formal ist überhaupt alles erlaubt, gleich, ob es sich um Lyrik oder Prosa handelt. Insofern ist die Stimmung auf der deutschen Literaturparty locker und entspannt. Wichtiger als die Formen sind Stoffe und Themen, sofern sie nur plausibel dargeboten werden. Doch diese Freiheit hat auch eine Kehrseite: Einige Autoren geben sich mit einer gekonnten aber uninspirierten Konventionalität zufrieden. Höchst inspirierten Unternehmungsgeist zeigen dagegen junge oder neue Verlagsgründer. Als vor einigen Jahren die letzten namhaften Verlage von Konzernen aufgekauft wurden, hatte wieder einmal die Stunde der unabhängigen Kleinverlage geschlagen. Je stärker der Mainstream, desto mutiger die Abweichler. Sie heißen Kookbooks, Verbrecher Verlag, Tisch 7, blumenbar, Luftschacht, Liebeskind, Mairisch Verlag oder SchirmerGraf. Und sie sind zweifellos eine Bereicherung weil sie ein anderes Sensorium ermöglichen und ökonomisch anders funktionieren.

Es herrscht ein reges Kommen und Gehen auf der Literaturparty, man springt von Thema zu Thema. Viele fragen sich: Wie kann die Literatur wieder größere Brisanz im öffentlichen Diskurs gewinnen? Doch trotz Party - es wird hart gearbeitet. Erstaunlich sind die Einfallskraft, die Virtuosität ebenso wie die Unbefangenheit und der Reichtum an Kunstgriffen, mit denen heute erzählt und gedichtet wird. Geographisch betrachtet kommt die deutschsprachige Literatur aus kleinen Räumen, sei es aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz. Doch der Reichtum an Stoffen und Themen, an Konflikten, die verhandelt werden, ist groß. Er muss groß sein, aus historischen Gründen, und er soll groß sein, weil man in allen drei Ländern mit großer Sehnsucht über die eigenen Grenzen schaut. Vielleicht sind das die wichtigsten Gründe dafür, dass diese Literatur auch in anderen Weltgegenden von Interesse sein kann.

Eberhard Falcke aus der Zeitschrift "Literarische Neuerscheinungen" (Frankfurter Buchmesse)

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