Modernes Leben

Der in den Bergen Hoffnung sät

Es ist ein sehr kalter Sonntagmorgen mitten im Winter, doch voller Tatendrang stehen wir in aller Frühe auf und folgen der Karte, die uns Herr LAI Shuei-he, der Firmeninhaber, im voraus zugefaxt hatte. Schließlich biegen wir in der Gemeinde Dongshih in einen kleinen Weg ein. Entlang des Weges bietet sich uns der Anblick der typischen Obstplantagen und Plantagen von Betelnusspalmen. Auf einmal erblicken wir auf den Berghängen vor uns wucherndes Grün, ein sattes Grün, dass es einem das Herz erfreut. Es sind regelmäßig gepflanzte, dicht stehende Zedern der Art „Libocedrus Formosana“ - man sieht, dass die Sorgfalt von echten Baumliebhabern dies geschaffen hat. Als wir weiter in die Forstanlage hineingehen, steht auch schon Herr Lai lächelnd in einem Pavillon und erwartet uns.

 

Herr Lai erklärt voller Begeisterung. Er kennt das Gelände wie seine Westentasche, jedes Gewächs und jeden Baum. Foto von YU Jian-syun

Vor mehr als zehn Jahren erwarb Herr Lai eine an einem Berghang gelegene Mandarinenplantage. Ursprünglich hatte er vor, sich sein Leben im Ruhestand einzurichten. Doch je mehr er sich mit der Umwelt auseinandersetzte, umso mehr erkannte er die Bedeutung der Berge und Wälder. Er tauschte sich darüber mit einem guten Freund aus seinem Heimatort, ebenfalls namens LAI, aus und entschloss sich, in großem Stil Setzlinge einheimischer Baumarten wie Zedern der Art „Libocedrus Formosana“, des Zimtbaums (Cinnamomum osmophloeum) oder des Kampferbaums (Cinnamomum kanehirae) zu pflanzen. Innerhalb einiger Jahre sind die Stämme der Zedern und Kampferbäume schon faustdick geworden und so hoch wie ein zweigeschossiges Gebäude.

Herr Lai hat ein Kärtchen vorbereitet, womit er gegenüber anderen Leuten die 7 Hauptvorteile des Kultivierens von Bäumen propagiert: 1. Begrünung, 2. Verschönerung der Umwelt, 3. Rückhalt des Wassers und Vorsorge gegen Erosion, 4. Produktion von Phytoncidere, 5. Regulierung des Klimas, 6. Wertschätzung der Umwelt, 7. Schutz des Planeten. Und aus Sicht der Betriebswirtschaft kann man weitere 7 große Vorzüge anführen: 1. keine Streiks, 2. keine Sozialversicherung, 3. keine Abfindungen, 4. keine Rente, 5. keine Diskussionen, 6. tägliche Wachstumsanzeige, 7. täglich bessere Aussichten. Auf der Rückseite seines Kärtchens hat er seine 7 Hauptlebensmottos aufgeschrieben: „Sich bei jedem Schritt absichern, so vorsichtig vorgehen, als ob man sich auf dünnem Eis bewegt, Schicht um Schicht vordringen, reiflich überlegen, umsichtig vorgehen, mutig aber sorgfältig handeln, bei allen Dingen viel zuhören und viel fragen, mehr nachdenken und Dinge in Zweifel ziehen, bei Problemen sofort reagieren!“ Und das kann er auch noch alles in einem Atemzug vortragen! Wie er seine Bonmots wie Perlen auf einer Kette vorträgt, ist schon beeindruckend. Während wir Herrn Lais Forst besichtigen, hören wir weiter seinem Redeschwall zu: wie man Setzlinge zieht, woher sie stammen, der Abstand zwischen den Setzlingen, wie man mit Krankheiten und Schädlingen umgeht usw. Was sich dieser umtriebige kleine Unternehmer an reicher forstwirtschaftlicher Erfahrung angeeignet hat, treibt mir als Absolventin der Forstwissenschaften die Schamröte ins Gesicht. Nicht nur, dass er sich standhaft weigert, die chemische Keule einzusetzen, Herr Lai hat auch noch einen Ökoteich angelegt. Humorvoll erzählt er, wie zu Beginn des Sommers solche Schwärme von Leuchtkäfern die Berghänge und Täler bevölkern, dass man dauernd mit ihnen zusammenstößt, bis man grün und blau im Gesicht wird.


die sattgrünen Mischwälder mit Zedern der Art Libocedrus Formosana und Kampferbäumen. Foto von YU Jian-syun

Herr LAI Beiyuan, der im Dasyuehshan-Gebirge Bäume pflanzt, ist ein enger Freund von ihm, sie lernten sich über ihr gemeinsames Interesse für das Kultivieren von Bäumen kennen. Herr Lai ist ein wahrer Experte, was das Kultivieren von Bäumen angeht. Vor 23 Jahren begann er, brachliegende Obstplantagen aufzukaufen. Bis heute hat er 1,5 Mrd. NT (ca. 36 Mio. EUR) investiert und mehr als 200.000 Bäume gepflanzt. So wurden aus 130 ha Obstplantagen Waldflächen, in denen ursprüngliche Baumarten dicht an dicht stehen. Herr Lai hat darüber hinaus seine eigenen „Drei-Nicht-Grundsätze“ formuliert: „Nicht fällen, nicht damit handeln und nicht den eigenen Nachkommen vererben“, so dass diese unverfälschten Waldflächen tatsächlich langfristig erhalten bleiben. Herr Lai sagt, wenn man einmal ein Vermögen von 1 „Yi“ NT (d.h. 100 Mio. NT, ca. 2,5 Mio. EUR) sein eigen nennt, dann ist alles, was über diese Summe hinausgeht, nur noch eine Zahl. Und nur wenn man diese weitergehenden Summen für gemeinnützige Zwecke einsetzt, dann erhalten diese Zahlen einen Sinn.

Plantagen von Betelnusspalmen, wie man sie häufig in den Bergen der niedrigeren Höhenlagen antrifft. Sie sind nachteilig für den Rückhalt des Wassers und fördern die Erosion. Foto von YU Jian-syun



Das Mitglied der Academia Sinica, der Akademie der Wissenschaften in Taiwan, LIAO I-chiu, sagte einmal: „Wenn man schon nicht das Niveau der alten Weisen wie Konfuzius oder Menzius erreichen kann, dann soll man sich mit dem Stand eines Trottels zufrieden geben.“ Allerdings sind es jetzt gerade solche „Trottel“, die Bäume kultivieren, die voller frischem Elan die Menschen um sich herum beeinflussen. Inzwischen gibt es eine ganze Reihe von taiwanesischen Unternehmern, die sich am Aufkauf von Land für eine Aufforstung beteiligen! Wenn wir nun den Blick auf das Internationale Forum zum Klimawandel richten, so hat die UNO schon durch ihren „Mechanismus für umweltverträgliche Entwicklung“ ihren Plan zur Reduzierung des CO2-Ausstoßes durch Baumkultivierung energisch vorangetrieben („A/R-CDM, Afforestation and Reforestation, Clean Development Mechanism“), d.h., dass mithilfe von Marktmechanismen die Kultivierung von Bäumen gefördert werden soll. Zum einen bringen ausgewachsene Bäume Ertrag in Form von Holz, zum anderen kann die akkumulierte CO2-Aufnahme in Emissionsgutschriften umgewandelt werden, die wie Aktien auf dem Markt für CO2-Emissionen gehandelt werden. Man hofft durch diesen doppelten Anreiz, Investitionen anzuziehen, um den Folgen des Klimawandels besser begegnen zu können. Es gibt zwar viele Interessenten, die mal vorfühlen, aber nur sehr wenige, die tatsächlich bereit sind, zu investieren. Vor drei Jahren, als der Preis für eine Tonne CO2 auf dem internationalen Markt für Emissionshandel bei 20 EUR lag, lag der CO2-Gegenwert in Form von Bewaldung bei lediglich 10 US-Dollar. Unter diesen Umständen war nur ein einziges Unternehmen bereit, zur Imageförderung einige Emissionszertifikate zu kaufen. Ansonsten hatte kaum jemand Interesse, sich auch nur danach zu erkundigen. Der Grund dafür ist, dass ein Wald eben nur langsam wächst. Es dauert mindestens zwanzig Jahre, bis ein Baum eine ansehnliche Größe erreicht hat. Es dauert also sehr lange, bis sich eine Investition amortisiert und diese ist auch noch mit recht hohen Risiken verbunden. Wenn während dieser Zeit der Wald von Erdrutschen, Feuersbrünsten oder anderen Katastrophen heimgesucht wird, dann lösen sich auch die für teures Geld gekauften Emissionsgutschriften in Nichts auf.

Wenn man alles nur unter ökonomischen Gesichtspunkten betrachtet, dann bringt der Boden am schnellsten ökonomischen Nutzen, wenn er erschlossen und bebaut wird. Wenn man Gemüse anbaut, kann man nach ein paar Monaten ernten, und wenn man Obstbäume pflanzt, kann man nach ein paar Jahren ernten. Wenn man jetzt aber Bäume kultiviert, dauert es mehrere Jahrzehnte, bis man einen Ertrag einfahren kann. Wenn es nun aber auf unserer wunderschönen Insel tatsächlich noch ein paar „Trottel“ gibt, die ihr Geld zur Baumkultivierung einsetzen und nicht nur auf den ökonomischen Ertrag schauen, sondern ihr Handeln auf ihre enge Verbindung und tief empfundene Sorge um die Mutter Erde gründen, dann kultivieren sie nicht nur einfach Bäume, sondern sie säen damit ein Stück Hoffnung für uns alle.

LIN, Szu-yin

Research Assistant, School of Forestry and Resource Conservation, National Taiwan University. She holds two master degrees of forestry, one in NTU, and one in Freiburg U. (MSc. Environmental Governance). She had actively participated in international climate change activities, such as COP13, COP14 of UNFCCC, Asian Young Leaders Climate Forum organized by British Council, and helped on-site auditing of A/R CDM project in China. “Is large-scale cooperation the best way to solve climate change problems? What could we do, on a personal level, to treat our mother nature in a better way?”, she asked herself. Recently, she is in love with Tai-chi chuan and is still finding a way towards a modest and balanced life.

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