Ivan Liška


1) Was ist für Sie „typisch deutsch“?
Die Einforderung der Bürgerrechte und die Gewissheit, sein Recht auch zu bekommen.2) Was ist für Sie „typisch tschechisch“?
Der Sinn für Humor, die Freundlichkeit der Menschen, Demut – die zum Großteil auf historische Notlagen zurückzuführen ist – sowie der bis heute nicht wiederhergestellte Moralverlust in der Politik.3) Welchen Einfluss übt Deutschland auf Ihr Schaffen oder Ihr Leben aus?
Bei mir führte das Leben und die Arbeit in Deutschland dazu, dass ich mich absolut zu seinem reichen Kulturleben bekenne, das vielseitig ist und trotz der Sparmaßnahmen, die ergriffen werden, erhalten bleibt.4) Mit wem in Deutschland würden Sie gerne einen Tag tauschen?
Mit der Geigerin Anne-Sophie Mutter!5) Was verbindet Ihrer Meinung nach Deutsche und Tschechen?
Der mitteleuropäische Kulturkreis, auch trotz der zwei Weltkriege im letzten Jahrhundert.6) Was war Ihr schönstes Erlebnis in Deutschland?
Da kann ich so einiges aufzählen: Ein schönes Erlebnis war zum Beispiel das absolute Vertrauen und die Hilfe der Beamten auf dem Polizeipräsidium Düsseldorf, als ich dort zum ersten Mal nach meiner Emigration im Jahre 1969 vorstellig wurde. Unvergesslich bleibt auch die Dankbarkeit des Hamburger Publikums bei meinem Abschied nach 20 Jahren als Solist an der Staatsoper. Natürlich darf auch die Geburt meiner Söhne in Hamburg nicht unerwähnt bleiben und die Verleihung des Ordens „pour le mérite“ durch den bayerischen Staat.7) Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in Deutschland?
Das war die Angst des deutschen Staates vor den Terroristen der Baader-Meinhof-Gruppe in den 1970er Jahren.8) Haben Sie einen Lieblingsort in Deutschland?
Meersburg am Bodensee und meine Wohnung mit ihrem Blick auf die Alpen.9) Auf was könnten Sie in Deutschland gerne verzichten?
Auf Die Linke, also die Linkspartei als unmittelbare Nachfolgerin der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands in der ehemaligen DDR.10) Welche Gewohnheit oder Idee aus Deutschland würden Sie gerne in Tschechien übernehmen?
Die hiesige parlamentarische Kultur.Ivan Liška im Porträt
Die Perfektion des bewegten Körpers als Ausdruck von Emotion. Seit über 40 Jahren setzt Ivan Liška diese Faszination für den Tanz in die Tat um. Der Erfolg gibt ihm recht. 20 Jahre tanzte und gestaltete er die Titelrollen des Hamburger Balletts. Paris, London und New York feierten ihn als Onegin neben Natalia Makrova und in der Verfilmung der Kameliendame tanzte er den Armand an der Seite von Marcia Haydée. Das bayerische Staatsballett führt er als Direktor bereits durch seine 14. Spielzeit.
Sein künstlerisches Talent bekam Ivan Liška in die Wiege gelegt. 1950 kam er in Prag zur Welt, der Vater war Maler, die Großmutter Sängerin, der Großvater Geiger. Mit 14 Jahren begann er seine Tanzausbildung in Prag. 1969, nach seinem Abschluss am Konservatorium und nach dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei emigrierte er als 18-jähriger mit seiner Familie nach Deutschland. In Düsseldorf fing Liška dann als junger Tänzer am Ballett der Deutschen Oper am Rhein an, es folgte eine Station als Solist in München bevor ihn John Neumaier als ersten Solisten nach Hamburg holte.
In der Spielzeit 1989/99 kehrte er zurück nach München, diesmal als Direktor des Staatsballetts, das unter seiner Leitung Tourneen nach St. Petersburg, Madrid, Budapest, Italien, Kanada, Prag, in die Türkei und nach Indien unternahm. Im Frühjahr 2007 wurde Liška vom Bayerischen Staat mit der Medaille für besondere Verdienste um Bayern in einem Vereinten Europa ausgezeichnet. Ivan Liška lebt mit seiner Ehefrau, der Ballettmeisterin Coleen Scott, in München. Das Paar hat zwei Söhne.
Copyright: Goethe-Institut Prag
Juni 2010
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