Prag als Grenzort

Der fünfte Reiter ist die Angst

Foto: Ateliéry Bonton; Bonton FilmFoto: Ateliéry Bonton; Bonton Film Regie: Zbyněk Brynych
ČSSR, 1964


Der Film Der fünfte Reiter ist die Angst erzählt die Geschichte eines im besetzten Prag lebenden jüdischen Arztes, der gegen sich selbst und seine eigene „psychologische Grenze“ ankämpft. Symbolisch zeigt der Film auch die Grenze, die sich während des Krieges zwischen den Bewohnern eines Hauses aufgebaut hat, und beleuchtet dabei die Entwicklung der Beziehungen zwischen Tschechen, Deutschen und Juden.

Foto: Ateliéry Bonton; Bonton FilmDieses in Vergessenheit geratene Werk des Regisseurs Zbyněk Brynych (1927–1995) spielt im Protektorat zur Zeit der deutschen Okkupation und zeigt die Gewalt, der die Menschen allgemein in totalitären Regimen ausgesetzt sind. Angesiedelt ist die Geschichte in Prag im Frühling 1941, in der bedrückenden Atmosphäre der jüngsten antisemitischen Maßnahmen und der bevorstehenden Transporte, die dann im Herbst 1941 begannen. Der Hauptheld des Films, der unter Berufsverbot stehende jüdische Arzt, Dozent Armin Braun (hervorragend dargestellt von Miroslav Macháček), muss für sich das Dilemma lösen, ob er einem verwundeten Widerstandskämpfer ärztliche Hilfe leisten und ihm das Leben retten soll. Mit seiner mutigen Entscheidung, gegenüber dem Verwundeten seine ärztliche Pflicht zu tun, lehnt sich Braun nicht nur gegen die Faschisten auf, sondern verleiht auch seinem „provisorischen“ Leben, dem er am Ende des Films selbst ein Ende setzt, einen Sinn. Da er für seine Tat sowieso mit der unbarmherzigen Bestrafung durch die Gestapo rechnen musste, war für ihn der Freitod eine Chance, sich seine Menschenwürde zu bewahren.

Der Film stellt den Umgang der einzelnen Personen mit ihrer Angst und die Erkenntnis dar, dass mit Taten gegen diese Angst angekämpft werden kann. Ebenso berührt der Film das Kafkasche Motiv der unheilvollen Gewalt des jüdischen Schicksals. Er zeigt, wie sich bei allen Filmgestalten (Juden, Tschechen und Deutschen) Gefühle von Unsicherheit, Nervosität und Hass breitmachen, und bringt Anomalie und Wahnsinn der Kriegsjahre damit deutlich zum Ausdruck. Er stellt Situationen, wie sie sich in Wirklichkeit ereignet haben, wie z.B. dass reiche Juden ihre großen Wohnungen räumen und in kleine oder gemeinsame Wohnungen ziehen mussten, um den ankommenden deutschen Soldaten mit ihren Familien Platz zu machen, nach. So führt uns die Anfangsszene in die Spanische Synagoge in Prag, die, der Wirklichkeit entsprechend, als Lagerraum für konfisziertes jüdisches Vermögen gedient hat. Hier begegnen wir Braun, der als Lagerarbeiter das aus den jüdischen Wohnungen beschlagnahmte Vermögen registriert. Dabei spricht er in der Einleitung des Films den charakteristischen Satz aus: „Wir liquidieren uns selbst.“

Foto: Ateliéry Bonton; Bonton FilmDas Drama spielt zu Kriegszeiten in der Prager Altstadt, in der Neustadt, in der Judenstadt sowie in den Stadtvierteln Žižkov und Vinohrady. Das charakteristischste Merkmal der menschenleeren Straßen der Prager Judenstadt sind Möbelwagen. Braun selbst ist in eine bescheidene Mansardenwohnung umgesiedelt worden, und seine Nachbarn machen aus Angst einen großen Bogen um ihn. Die Hausbewohner geben ein typisches „Querschnittsmuster“ des tschechischen Volkes mit soziologisch präzise gezeichneten nachbarschaftlichen Beziehungen ab: Fleischer Šidlák (Ilja Prachař) ist aktiver Widerstandskämpfer; der Hausbesitzer, Herr Dr. Veselý, ist ein reicher alibistischer Jurist (Jiří Adamíra); und der Kollaborateur Fanta (Josef Vinklář), der Braun bei der Gestapo anzeigt, ist ein an Minderwertigkeitskomplexen leidender kleiner Beamter. In der emotiven Szene am Ende des Films, als die Gestapo bei der Hausdurchsuchung alle Hausbewohner in den Keller treibt, um dann Braun abzupassen, kommen die durch Schrecken und Todesangst deformierten Charaktere der Hausbewohner voll zum Ausdruck. Feigheit und Charakterlosigkeit der Nachbarn kontrastieren mit dem stillen Heldentum Brauns.

Alice Aronová Ph.D.
Prag, Tschechische Republik. Filmwissenschaftlerin, zur Zeit tätig als Journalistin, Dramaturgin und Hochschuldozentin.

Goethe-Institut Prag
März 2013
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