Magazin – Neue Musik

Neue Musik – Angekommen in der Gesellschaft?!

MaerzMusik 2006, Foto: © Kai Bienert
MaerzMusik 2006, Foto: © Kai Bienert
Ein Klavierkonzert von Peter Eötvös an einem Sonntagnachmittag, das Publikum applaudiert begeistert. Ist das wirklich denkbar? Oder eine Uraufführung von Nicolaus A. Huber im Berliner Konzerthaus, bei der die Abonnenten des Orchesters andächtig, konzentriert, ja engagiert zuhören. Kann man sich das vorstellen?

Die beiden Szenarien sind keineswegs erfunden, sondern haben sich tatsächlich so ereignet. Und sie machen vor allem eines deutlich: Die Neue Musik ist aus den Konzertsälen heute nicht mehr wegzudenken und ein unverzichtbarer Bestandteil des deutschen Musiklebens geworden. Die Zeiten, in denen vor Wut gerötete Zuhörer mit Türen knallten, um ihrem Missfallen Ausdruck zu verleihen und die Aufführung zu stören, in denen ein Komponist jede Dissonanz, die er notierte, öffentlich rechtfertigen musste, diese Zeiten sind lange vorbei. Und da die Avantgarde auch im Bereich der Popkultur zusehends mehr Anerkennung und Aufmerksamkeit findet, hat sich der Stellenwert der Neuen Musik in den vergangenen Jahren sogar nochmals verbessert.

Aus der Nische in die Konzertsäle

Dabei darf man natürlich nicht vergessen, dass es ein langer Weg gewesen ist, der zur gesellschaftlichen Verankerung der Neuen Musik führte und ihr heute eine gewisse Selbstverständlichkeit verleiht. Wie es dazu kam? Nun, zunächst einmal sind natürlich die Komponisten und ihre Musik dafür verantwortlich. Wären da nicht die vielen Klassiker der Moderne, die Meisterwerke, die auch ein skeptisches und unerfahrenes Publikum ansprechen, die den Zuhörer begeistern oder gar verwirren – die Neue Musik hätte einen schweren Stand. Aber auch Werke benötigen Institutionen, Musiker, Säle und Hörer. Es sind also eine ganze Reihe von Bereichen des Musiklebens geltend zu machen, die die Neue Musik über Jahrzehnte hinweg gefördert haben.

Um Neue Musik aus Deutschland in seiner ganzen Bandbreite und Vielfalt, mit ihren Hintergründen und ihrer Geschichte vorzustellen, ist es also sinnvoll, einzelne Teilbereiche aufzuschlüsseln: die Musiker und Ensembles, die Konzerte und Festivals, die besondere Rolle der Rundfunkanstalten, die Ausbildungssituation und die Hochschulen sowie ein (Aus)Blick auf das noch junge Genre der Klangkunst.

Neubeginn nach 1945

Ganz sicher ist die herausragende Bedeutung der Neuen Musik in Deutschland im engen Zusammenhang mit dem Neubeginn nach 1945 zu sehen, der nicht nur einer neuen Gesellschaft, sondern eben auch einer neuen Musik den Weg bahnen sollte. Für viele Komponisten aus dem Ausland wurde Deutschland zur Wahlheimat: für Mauricio Kagel aus Argentinien, György Ligeti aus Ungarn, für Isang Yun aus Südkorea. Und auch die internationale Ausrichtung der Darmstädter Ferienkurse verlieh der Neuen Musik jene Weltoffenheit, nach der das Land in den 1950er-Jahren dürstete.

Pianist, Foto: © colourbox All das hat wesentlich dazu beigetragen, dass in Deutschland heute eine Reihe herausragender Komponisten leben, dass hervorragende Klangkörper entstanden sind und im Laufe der Jahre auch ein aufgeschlossenes und interessiertes Publikum herangewachsen ist. Die bisweilen glühend geführten Dispute der musikalischen Avantgarde – erinnert sei an die Streitgespräche zwischen Adorno und Stockhausen, zwischen Henze und Lachenmann – haben das geistige Leben Deutschlands insgesamt bereichert. Und unvergessen sind vor allem die zahlreichen musikalischen Sternstunden, wie Stockhausens Gruppen 1957 in Köln, Pendereckis Lukas-Passion 1966 in Münster, Spahlingers ephemère in Stuttgart 1977, Rihms Tutuguri 1982 in Berlin, Lachenmanns Mädchen mit den Schwefelhölzern 1997 in Hamburg.

Engagement für ein anderes Musikerleben

Neue Musik aus Deutschland ist immer mehr als Darmstadt und Donaueschingen, mehr als Stockhausen und Henze gewesen. Über 1.000 Komponisten sind in Deutschland aktiv, die das gesamte Spektrum von der Kuschelavantgarde bis zum hartgesottenen Experiment abdecken, die Werke für Solo-Blockflöte und für großes Sinfonieorchester schreiben, die in einem Bielefelder Hinterhof oder in der Berliner Philharmonie aufgeführt werden.

Entscheidend ist, dass die Neue Musik in Deutschland vor allem deswegen blüht und prosperiert, weil es Menschen gibt, die sich engagiert und beherzt dafür einsetzen, die auch mit kleinen Etats in der Provinz Festivals auf die Beine stellen, die sich mit Grundschülern nach Schulschluss in Klangspielen üben oder die aus eigenem Antrieb eine Partitur von York Höller am Klavier einstudieren. Neue Musik ist keine verordnete Pflicht, sondern eine sinnliche wie intellektuelle Herausforderung. Sich dieser zu stellen, dürfte bislang kaum jemanden enttäuscht haben.
Björn Gottstein
arbeitet als Kritiker und Moderator unter anderen für die Tageszeitung „taz“ und den „Westdeutschen Rundfunk“. Er hat zahlreiche Texte zur Geschichte der elektronischen Musik veröffentlicht.

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Januar 2009
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