Über das Projekt

© Ernst Neisel

Kultur und nationale Identität – das sind zwei Themenfelder, die eng miteinander zusammenhängen. Sprache ist ein identitätsstiftendes Merkmal eines Nationalstaats. Auch wenn politische Grenzen und Sprachgrenzen kaum je deckungsgleich verlaufen, ist doch die Idee einer Sprachgemeinschaft nationalstaatlich konstitutiv. Aber inwiefern leisten auch die Künste und insbesondere die Musik, die ja lange als eine universelle, für alle gleichermaßen verständliche Sprache bezeichnet worden ist, einen Beitrag zur Identitätsfindung eines Landes?

Die Traditionslinien experimenteller Musikkulturen Mittelosteuropas sind vielfältig und facettenreich. Und nicht nur in den böhmischen Ländern, sondern auch in Ungarn hat die Musik im 19. und 20. Jahrhundert einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zur nationalen Identitätsfindung geleistet. Die Sängerbewegungen und -feste dienten vor allem auch in den baltischen Ländern der Mobilisierung der Bevölkerung für die Nationalbewegungen unter den Bedingungen von russischer, österreichischer, preußischer, deutscher oder sowjetischer Fremdherrschaft. Die Umwälzungen von 1989 und der Zusammenbruch der Sowjetunion wurden wesentlich durch die Massen mobilisierende „singende Revolution“ der Esten, Letten und Litauer vorangetrieben.

Musikalische Nachwuchstalente aus Mittelosteuropa

Vor diesem Hintergrund beschäftigen sich in dem Projekt „Woher? Wohin? Mythen – Nation – Identitäten“ musikalische Nachwuchstalente aus Mittelosteuropa mit den komplexen Prozessen von nationaler Identitätsfindung oder Identitätsbehauptung in historisch von kultureller Vielfalt geprägten Räumen, die im öffentlichen Diskurs nicht ohne die Erfindung von Traditionen oder den Rückgriff auf imaginäre Gemeinschaften auskommen. Die jungen Komponisten versuchen eine künstlerische Reflexion über die im öffentlichen Diskurs schwierige Befragung von historischen oder politischen Mythen.

In einem Workshop mit Kulturwissenschaftlern, Kritikern, dem Komponisten und Dirigenten Peter Eötvös und dem Ensemble Modern beschäftigten sich die teilnehmenden jungen Komponisten auf theoretischer und praktischer Ebene mit dem Thema. An acht Musiker aus Lettland, Polen, Tschechien, Ungarn und Slowenien ergingen daraufhin Kompositionsaufträge. Die daraus entstehenden Werke werden bis 2014 vom Ensemble Modern in Deutschland und Mittelosteuropa zur Uraufführung gebracht.

    Dossier: Elektronische Musik in Deutschland und Tschechien

    Klub Fleda © Fleda
    Aktuelle Tendenzen und die wichtigsten Entwicklungen der letzten Jahre

    Mit Goethe auf Tour

    Podcast zu Konzerten der Goethe-Institute weltweit