Werke

Matej Bonin Kaleidoscope (2012) für Ensemble

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Besetzung: Flöte, Oboe, Klarinette, Bassklarinette, Fagott – Horn, Trompete, Posaune – Schlagzeug, Klavier – Streicher

Warum er selbst so wenig mit Mythen anfange könne, fragte sich Matej Bonin, als er mit der Arbeit an seinem Stück Kaleidoscope begann. Warum er nicht an Mythen glaube und nicht daran, dass sie einer Nation heute wirklich noch einen gemeinsamen Ursprung verleihen kann? In Slowenien werden heutzutage keine mythologischen Begebenheiten überliefert, sondern unterschiedliche Ideale propagiert. Und diese Ideale dienen, so Bonin weiter, auch nicht dem nationalen Zusammenhalt, sondern dem Interesse einzelner Gruppen, vor allem den politischen Parteien und den Lobbyverbänden. Die Mythen, so könnte man Bonins Beobachtung zusammenfassen, ist längst von der Kommunikationsgesellschaft überrollt worden. Die junge Generation hingegen steht weitgehend orientierungslos da. Eine gemeinsame Idee, der zu widmen man sich aufgerufen fühlen könne, fehlt.

Mit seinem Stück Kaleidoscope versucht Bonin eine Situation herzustellen, in der verschiedene Materialien miteinander konkurrieren, als Sinnbild propagierter Ideale. Bonin spricht sogar von sich gegenseitig widersprechenden und negierenden Materialebenen. In den Bläsern erklingen zunächst und durchweg schwellende Liegeklänge, die im Pianissimo beginnen, sich ins Fortissimo aufbäumen, und dann wieder, quasi dal niente, ausklingen. In den Streichern hingegen ist das Material stark fragmentiert; die Ereignisse sind isoliert und lassen sich bestenfalls als Teil eines funkelnden Mosaiks begreifen. Auch Klavier und Schlagzeug steuern eher punkthafte Klangkomplexe bei.

Nun geht es nicht um einen Konflikt oder gar um einen Wettstreit, bei dem eine Klangebene den Sieg über eine andere davon trägt. Vielmehr möchte Bonin eine Situation schaffen, in der die sich widersprechenden Ideen miteinander koexistieren. Dabei spielt gewiss eine Rolle, dass es auf der Strukturebene sehr wohl eine Übereinstimmung zwischen den sonst anders gearteten Materialien zu geben scheint. Zum Beispiel sind die Intervallkonstellationen immer ähnlich; häufig erklingen dissonante Intervalle, kleine Sekunden, große Septimen und der Tritonus. Das Tonpaar D-As ist eingangs in mehreren Instrumentengruppen zu hören. Durch die vielen kleinen Sekunden und die großen Septimen wird der Tonraum außerdem von allen Instrumenten in Halbtonschritten, also chromatisch, durchmessen.

Im weiteren Verlauf des Stückes, durchdringen sich die beiden Materialebenen zunehmend. Die punkthaften Ereignisse in den Streichern werden gedehnt und augmentiert und so selbst zu liegenden, schwellenden Ereignissen. Die Bläser hingegen lassen die langen Noten pulsieren und verschieben dabei die Metren so gegeneinander, dass ein flirrender, bebender Bläsersatz entsteht. Es gibt vollkommen perforierte Passagen, in denen sich alle Instrumente auf kurze fragmentierte Tonkonstellationen beschränken, und dann wieder vollkommen ruhige Momente, in denen das ganze Ensemble zu einem langsam atmenden Organismus zusammenfindet. Und ganz selten einmal stellt Bonin auch unerwartete Paarungen her, wie jene erste Fermate, in der sich die Klarinette mit einem mikrotonal verfärbten Ton und die zweite Violine mit einem Triller aneinander aufreiben.

Er habe das Stück nicht geschrieben, um seinem Unbehagen an der unbefriedigenden politischen Situation in Slowenien Ausdruck zu verleihen, erklärt Bonin, sondern vielmehr mit dem Wunsch, in allem etwas Schönes, Grundlegendes und Einfaches zu entdecken. Es kommt mithin auch nicht zu einer erlösenden Synthese zwischen den Materialien; die Widersprüchlichkeit der Ideen bleibt bestehen.

Matej Bonin wurde 1986 in Koper, einer Hafenstadt an der slowenischen Adriaküste, geboren. Sein Kompositionsstudium schloss er 2011 an der Musikakademie Ljubljana bei Uroš Rojko ab.

Im Oktober 2007 wurde sein Werk für Holzbläserquintett Daleč od blizu (Far from Close, 2007) – eine Auftragskomposition des Slowind Quintetts – bei dem Festival für zeitgenössische Musik Slowind in Ljubljana uraufgeführt; es folgten weitere Aufführungen in Italien (Mailand, Monza) und Frankreich (Paris).

Bei der Internationalen Biennale für zeitgenössische Musik in Koper präsentierte er seine Musik in einem Vortragsabend. Für das Salzburger Tanzfestival „Move Against It. Meet Again“ komponierte er 2010 die Musik zu dem zeitgenössischen Tanzstück Islands in the fog. Im gleichen Jahr wurde sein Werk One Man Band (2010) in Ljubljana durch den slowenischen Akkordeonisten Luka Juhart aufgeführt, 2011 auch in Österreich (Klagenfurt). Für sein kompositorisches Schaffen erhielt er 2008 den Prešeren Preis der Universität von Ljubljana.
Björn Gottstein
schreibt als freier Musikjournalist über neue und elektronische Musik. Er lebt in Berlin.

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