Bildung für alle

Weil Vielfalt reiche Früchte trägt – Förderung von Lehrern mit Migrationshintergrund

Can Arslan; © privatLogo des Netzwerks „Integration durch Bildung“; © Integration durch BildungRund zehn Prozent der etwa neun Millionen Schüler in Deutschland stammen aus Migrantenfamilien – aber nicht einmal ein Prozent der Lehrer. Die Bildungspolitik fördert jetzt Pädagogen und Pädagogik-Studenten mit multinationaler Lebensgeschichte.

„Ja, ich möchte Lehrer werden“, sagt der 18-jährige Can Arslan. Zurzeit besucht er die Abschlussklasse einer Oberschule im Ruhrgebiet, der historischen „Kernregion“ für Gastarbeiterfamilien in Deutschland.

Cans Berufswahl freut Armin Laschet ganz besonders. „Soziale Einbindung braucht Vorbilder“, betont der Integrationsminister des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen (NRW). „Und Lehrer mit Zuwanderungsgeschichte zeigen Eltern und Kindern, dass Aufstieg durch Bildung unabhängig von der Herkunft möglich ist.“

Der Klassenlehrer als Vorbild

Can Arslan; © privatCan Arslan gibt dafür ein Musterbeispiel. Sein Vater ist Handwerker in einem Metallbetrieb. Zu Hause wird türkisch gesprochen. „Alles soweit okay“, sagt Can. „Vorbild für meine berufliche Zukunft ist aber mein Klassenlehrer.“ Der heißt Abbas Mordeniz, seine Unterrichtsfächer sind Türkisch, Sport und Mathematik. Der Mittdreißiger ist schon vor längerer Zeit mit seinen arbeitsuchenden Eltern nach Deutschland gekommen. Mit 15 Jahren lernte er Deutsch, machte Abitur und studierte an der Universität Essen. „Seit ich die Schule als soziales Sprungbrett kennen lernte, stand auch für mich das Lehramt als Traumberuf fest“, sagt er heute. „Demgegenüber spielten etwa Rechtsanwälte oder Betriebswirte in einer mir völlig unbekannten Welt.“

Mehr Polizisten nichtdeutscher Herkunft als Erzieher

Abbas Mordeniz; © privatTatsächlich sind Lehrer mit Zuwanderungsgeschichte an deutschen Schulen noch eine verschwindende Minderheit. An Rhein und Ruhr, wo jeder dritte Schüler ausländischer Herkunft ist, sind höchstens 1.300 von 180.000 Pädagogen selber in zwei Sprachen und Kulturen zu Hause. Bislang gibt es deutschlandweit mehr Polizisten als Pädagogen, die mit ihrer multikulturellen Lebenserfahrung fremde Verhaltensweisen persönlich kennen und deshalb darauf besser reagieren können. So liegt ihr Anteil unter den Ordnungshütern der Großstadt Düsseldorf liegt zum Beispiel bei fünf Prozent.

Längst gehört die produktive ethnische und kulturelle Vielfalt unter den Mitarbeitern, neudeutsch „Diversity“ gennant, nicht zuletzt zum Pflichtenkatalog in der Personalentwicklung großer Unternehmen. Vor dem Hintergrund haben sich die sechzehn Bundesländer in einem „Nationalen Integrationsplan“ von 2007 immerhin zur „erhöhten Einstellung von Lehrkräften mit Migrationshintergrund“ verpflichtet.

Bundeskongress im Frühjahr

Nationaler Integrationsplan der Bundesregierung; © Presse- und Informationsamt der BundesregierungZugleich hat sich in Nordrhein-Westfalen als bevölkerungsreichstem Bundesland ein „Netzwerk Lehrkräfte mit Zuwanderungsgeschichte“ gebildet. Ihm gehören inzwischen mehr als 300 Kollegen an. Eine der Mitbegründerinnen, Antonietta Zeoli, wurde 2008 vom Schulministerium zur Landeskoordinatorin berufen. Die gebürtige Italienerin hat in Dortmund, New York und Neapel studiert und unterrichtet im erlernten Beruf Deutsch, Englisch und Philosophie. In der neuen Funktion soll sie von Amts wegen „Diversity“ im Lehrerkollegium offensiv vertreten, an den Schulen selbst wie in der breiten Öffentlichkeit.

Davon können nicht zuletzt Pädagogen ohne persönliche Fremderfahrung lernen. Wie eine Studie des Bundesbildungsministeriums zeigt, erliegen sie sonst allzu leicht stereotypen Vorurteilen wie etwa vom „türkischen Pascha“. Dies führt allzu oft zu voreingenommenen Abqualifizierungen von Schülerinnen und Schülern. Um dem vorzubeugen, hat nach dem nordrhein-westfälischem Vorbild neuerdings auch das Bundesland Hamburg eine Koordinationsstelle für Lehrer mit Migrationshintergrund geschaffen. Mit Unterstützung des „Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge“ findet im Frühjahr 2010 ein erster Bundeskongress statt.

Private Stiftungen fördern den Nachwuchs

Website des Netzwerks Lehrkräfte mit Migrationsgeschichte; © RAA NRWVor allem aber muss möglichst früh die Webetrommel für mehr Lehramtsstudenten mit Zuwanderungsgeschichte gerührt werden. Tatsächlich sind von Jahr zu Jahr überhaupt nur 10.000 von 300.000 studierfähigen Schulabgängern Migrantenkinder. Um im statistischen Durchschnitt zu liegen, müsste die Zahl drei Mal höher sein. Rund Tausend der Besten werden deshalb gegenwärtig von der Hertie- und der Bosch-Stiftung mit monatlichem Büchergeld, einem Heim-PC nebst Internetanschluss sowie in außerschulischen Seminaren besonders gefördert. Später im Studium reicht das Stipendium für den gesamten Lebensunterhalt ohne Erwerbsarbeit.

„Wenn sich also jemand von meinen Schülern über Benachteiligungen in der Lebensperspektive beschwert, dann kann ich vielmehr darauf hinweisen, dass Anstrengung belohnt wird“, sagt Lehrer Mordeniz. Sein Schüler Can Arslan ist ein lebendes Beispiel. Auf einem mehrtägigen „Schülercampus“, den die Zeit-Stiftung regelmäßig in mehreren Großstädten durchführt, konnte er kürzlich den Unterricht schon einmal von der anderen Seite ausprobieren: „ Mal selber Gruppenarbeit organisieren, ein übersichtliches Tafelbild gestalten und vor allem immer stressresistent bleiben.“ Dieser Vorgeschmack hat Can den Appetit auf den Lehrerberuf keineswegs verdorben, sondern erst richtig hungrig gemacht.

Hermann Horstkotte
arbeitet als Bildungs- und Wissenschaftsjournalist unter anderem für Spiegel Online in Bonn.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Januar 2010

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