Bildung für alle

Zum Studium in die zweite Heimat

Rumänische Secondos bei einem Studienaufenthalt an der rumänischen Partneruniversität in Cluj. © Europaeum, Universität Regensburg Für die Kinder von Zuwanderern hat die Universität Regensburg ihr Secondos-Programm aufgelegt: Ein Jahr lang kehren sie in das Ursprungsland der Familie zurück. So werden sie zu Brückenbauern zwischen den Kulturen – und zu gefragten Fachkräften.

Je näher das Abitur rückte, desto stärker wurde Katharina Schalk von der Neugier auf Kroatien gepackt: Vor vielen Jahren sind ihre Eltern von dort nach Deutschland ausgewandert, sie ist in der Nähe von Dortmund aufgewachsen. Aber das Interesse an ihrer zweiten Heimat wurde immer größer – so groß, dass Katharina Schalk sich ihr Studium danach auswählte: An der Universität Regensburg hat sie sich für Osteuropa-Studien eingeschrieben mit Schwerpunkt auf Kroatien. „Ich kannte das Land nur aus unserem Familienurlaub“, erinnert sie sich. Inzwischen ist sie zur Kroatien-Expertin geworden und hat zwei Semester dort studiert.

Ein spezielles Programm der Universität Regensburg hat ihr die Tür in ihre zweite Heimat geöffnet: „Secondos“ heißt das bundesweit einzigartige Konzept, das auf Studierende mit familiären Wurzeln in Mittel- und Osteuropa zugeschnitten ist – sei es, dass ihre Eltern dort zur deutschen Minderheit gehören, sei es, dass sie aus anderen Gründen nach Deutschland ausgewandert sind. „Mit ihrem doppelten kulturellen Hintergrund haben diese Studierenden ein besonderes Potenzial“, sagt Lisa Unger-Fischer, die das Programm betreut. „Wir möchten dabei helfen, dieses Potenzial auch zu nutzen.“ Genauso, wie es die Bezeichnung Secondos nahelegt: Das Wort ist in der Schweiz entstanden und steht für die Kinder von Zuwanderern; für jene, die in zweiter Generation in einem neuen Land leben.

Vor allem Wirtschaftswissenschaftler schreiben sich für das Secondos-Programm ein

Secondos hören den Gastvortrag des Personalleiters einer international tätigen Firma. Er erklärt gerade, weshalb er Menschen, die mit beiden Beinen in zwei Kulturen stehen, dringend benötigt. © Europaeum, Universität Regensburg Das Secondos-Programm folgt einem einfachen Konzept: Das erste Jahr verbringen die Studierenden in Regensburg, das zweite an einer Partnerhochschule im Ausland, das dritte dann wieder an der Alma Mater – fertig ist der dreijährige Bachelor. Die Besonderheit daran ist, dass sich das Programm an Studierende aller Fächer richtet: Geistes- und Sozialwissenschaftler wie Katharina Schalk können ebenso daran teilnehmen wie Physiker oder Biologen. „Besonders häufig haben wir Bewerber aus dem Bereich Wirtschaftswissenschaften“, sagt Programmleiterin Lisa Unger-Fischer: „Die gehen pragmatisch an die Studienentscheidung heran und sehen, welche großen Vorteile ihnen das Secondos-Programm in der späteren Karriere bringen kann!“

Die Studierenden besuchen in Regensburg die gleichen Seminare und Vorlesungen wie ihre Kommilitonen. Der einzige Unterschied: Sie müssen einige ergänzende Veranstaltungen für das Secondos-Programm besuchen – Landes- und Kulturkunde gehört ebenso zum verpflichtenden Pensum wie intensiver Sprachunterricht. „Viele haben zwar zu Hause die Sprache mit ihren Eltern gesprochen, aber sie haben keine Erfahrungen im Lesen und Schreiben. Deshalb ist die sorgfältige Vorbereitung entscheidend für das Gelingen des Auslandsaufenthaltes“, sagt Lisa Unger-Fischer.

Für das Angebot an diesen zusätzlichen Seminaren kann die Regensburger Universität aus dem Vollen schöpfen. Seit Jahren schon spezialisiert sie sich auf die Länder im Osten Europas und hat ein Kompetenzzentrum mit Lehrpersonal, Bibliotheken und Sprachkursen aufgebaut. Diese Erfahrung kommt den Secondos-Studierenden jetzt zu Gute. „Wir können effizient auf das vorhandene Know-How zurückgreifen“, lobt Studiengangs-Koordinatorin Unger-Fischer. Unterstützung kommt von Professoren aus allen Fachgebieten. Auch dabei ist die strategische Lage Regensburgs von Vorteil: Beinahe alle Fakultäten unterhalten ohnehin schon enge Kontakte zu mittelosteuropäischen Partnerhochschulen und waren deshalb offen für das Secondos-Programm.

Verlockende berufliche Perspektiven

Der erste Messestand zum Secondos-Programm im Wintersemester. © Europaeum, Universität RegensburgDamit der Austausch problemlos klappt, schließen die Regensburger spezielle Abkommen mit den Universitäten, die sich am Secondos-Programm beteiligen. Solche engen Verbindungen gibt es derzeit mit Universitäten in Rumänien, Ungarn, Polen, Russland, Kroatien und der Ukraine. In ihrem obligatorischen Auslandsjahr lernen die Studierenden dort den Alltag in ihrer zweiten Heimat kennen und arbeiten gleichzeitig weiter an ihrem Studium. Die Inhalte sind eng mit Regensburg abgestimmt, so dass sie nach ihrer Rückkehr nahtlos weiterstudieren können. „Organisatorisch ist das hervorragend gelöst“, lobt Katharina Schalk, die gerade ihr Auslandsjahr in Zagreb hinter sich hat. Sie habe viel über das Land gelernt, aber auch über sich selbst: „Mir haben Freunde schon immer gesagt, dass ich manchmal etwas Lockeres, Südländisches an mir habe“, sagt sie lachend – „jetzt weiß ich, woher das kommt!“

Für die Universität Regensburg ist das Secondos-Programm ein voller Erfolg: Schon im zweiten Jahrgang haben sich 40 Studierende angemeldet, ohne dass die Uni dafür Werbung macht – und die Zahlen dürften in den nächsten Jahren weiter steigen. Viele Bewerber kommen eigens wegen des Programms nach Regensburg. Die meisten von ihnen haben eine Gemeinsamkeit, hat Lisa Unger-Fischer beobachtet: In der Kindheit war der binationale Hintergrund für sie bisweilen schwierig; manche wurden gehänselt, andere stellten sich früh die Frage nach der eigenen Identität. „Jetzt auf einmal wird die Last von einst zu einer Chance, die sie vielen Altersgenossen voraus haben“, sagt Unger-Fischer. Die Sprachkenntnisse und die kulturellen Erfahrungen machen sie nach dem Studium zu gefragten Mitarbeitern, wie schon jetzt die ersten Erfahrungen zeigen. Manche gehen für deutsche Unternehmen in ihre zweite Heimat, andere organisieren von Deutschland aus die Import- und Exportgeschäfte von großen Firmen.

Oder sie gehen einen ganz anderen Weg, so wie es Katharina Schalk plant. „Ich könnte mir gut vorstellen, für ein paar Jahre in Kroatien zu arbeiten“, sagt sie. Vor allem aber will sie sich dem Thema Integration widmen: „Das ist ein spannendes Feld. Bei meinen Eltern habe ich ja mitbekommen, was es bedeutet, in einem fremden Land mit einer neuen Sprache zu leben – und nicht alle bekommen das so gut hin, wie es bei meiner Familie damals geklappt hat“, sagt sie. Mit ihren neuen Erfahrungen aus dem Secondos-Programm könnte sie exakt an dieser Stelle ansetzen.

Hinter dem Secondos-Programm steht eine gezielte Internationalisierungsstrategie der Regensburger Universität. Besonders die Länder in Ost- und Mitteleuropa sind dabei im Fokus – schon seit längerem können Studierende in speziellen Studienprogrammen eine Zusatzqualifikation zu bestimmten Ländern erlangen. Im Bohemicum werden Sprach-, Kultur- und Landeskenntnisse zu Tschechien vermittelt, im Slowakicum zur Slowakei, im Rumaenicum zu Rumänien und in „Ungarisch kompakt“ zu Ungarn. Ähnliche Programme sind für weitere Länder in Planung.
Von Kilian Kirchgeßner

    Zukunft Bildung ist eine Initiative der Goethe-Institute in Tschechien, Ungarn, Estland und Litauen.