Deutschland 1910–19

Plakat 1914 (FES)
Plakat, 1914


Auf den Parteitagen der Sozialisten 1911 und 1913 war der Frauentag ein heiß diskutiertes Thema. Der Delegierte Rossmann aus Ulm äußerte sich folgendermaßen:
„Ich bin nicht dafür, dass für irgendwelche Gruppen in unserer Partei Extrawürste gebraten werden, am wenigsten für das weibliche Geschlecht, das ja geneigt ist, gleich die ganze Hand zu nehmen, wenn man den kleinen Finger bietet.“

Rückblickend berichtete Clara Zetkin bei der sechsten SPD Frauenkonferenz 1911 in Jena: „Als es sich darum handelte, den Antrag auf Abhaltung des Frauentages in Kopenhagen einzubringen, standen so viele Genossen und Genossinnen diesem Antrag ablehnend gegenüber, dass er nicht namens der ganzen deutschen Delegation eingebracht werden konnte, sondern als von Einzelpersonen eingebracht gelten musste. Die Befürchtung, dass diese Aktion nicht zum Nutzen der allgemeinen sozialdemokratischen Bewegung durchgeführt werden könnte, sind glänzend widerlegt worden. Unser Auftreten hat nicht den schwächsten frauenrechtlerischen, eigenbrötlerischen Beigeschmack gehabt. Unsere Aktion war eine solche des aufgeklärten und organisierten Proletariats ohne Unterschiede des Geschlechts.“

Über die Feier des ersten Frauentags in Deutschland schrieb Clara Zetkin in der Gleichheit: „Die wuchtigste Demonstration für die Gleichberechtigung der Frau, die die Welt bis jetzt gesehen hat.“ Mehr als eine Million Frauen gingen auf die Straße, um ihren Forderungen nach dem Frauenwahlrecht Nachdruck zu verleihen. Die SPD brachte ein Flugblatt mit einer Auflage von 2,5 Millionen heraus. Folgende Resolution wurde auf allen Kundgebungen einstimmig verabschiedet:
  Erste Seite der „Gleichheit“, 1911 (FFBIZ)
  „Gleichheit“, 1911
„Die Forderung nach dem Frauenwahlrecht ist die notwendige Folge der durch die kapitalistische Produktionsweise bedingten wirtschaftlichen und sozialen Umwälzungen, die die Stellung der Frau von Grund aus umgewandelt hat. Zehn Millionen Frauen, die im gesellschaftlichen Produktionsprozesse tätig sind, die Millionen Frauen die als Mütter Gesundheit und Leben aufs Spiel setzen, die als Hausfrauen die schwersten Pflichten übernehmen, erheben mit Nachdruck Anspruch auf soziale und politische Gleichberechtigung ...“

Allein in Berlin nahmen 45.000 Frauen an 40 Veranstaltungen teil. 1912 fand der Internationale Frauentag am 12. März unter dem Motto „Brot und Rosen“ der amerikanischen Frauenbewegung statt. Die Idee des Internationalen Frauentages wurde auch in Frankreich, Holland und Schweden aufgegriffen.

1913 wurde eine Frauenwoche ab 1. März durchgeführt. Der Hauptakzent lag auf der Forderung des Wahlrechts für Frauen. Weitere Themen waren: Schutzgesetze für Arbeiterinnen und der Achtstundentag.

„Heraus mit dem Frauenwahlrecht“ war ein auf vielen Plakaten gedruckter Kampfruf zum dritten Frauentag. Die Plakatierung wurde kurzfristig verboten und steigerte damit ungewollt das Interesse am Frauentag. Hintergrund: Der Berliner Polizeipräsident fand die Schlagzeile beleidigend für die Obrigkeit. Es nahmen etwas weniger Frauen an den Kundgebungen teil, dafür stieg aber die Anzahl der Veranstaltungen. Vor allem in klein- und mittleren Städten wurde der Frauentag zum ersten Mal begangen.

Russland führte den Frauentag ein. 1914 läuteten die Feiern zum Frauentag am 8. März die „Rote Woche“ im ganzen Reich ein. In der Ausgabe von Die Gleichheit vom Januar 1914 appellierte Clara Zetkin an „die doppelte Ehrenpflicht der Genossinnen, eifrig und umsichtig zum Frauentag zu rüsten ...“.
„Wir müssen Sorge tragen, dass der Frauentag nicht nur eine glänzende Demonstration für die politische Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts, sondern darüber hinaus der Ausdruck einer Rebellion gegen den Kapitalismus, eine leidenschaftliche Kampfansage all den reaktionären Maßnahmen der Besitzenden und ihrer willfährigen Dienerschaft, der Regierung.“ Wieder wurde der Frauentag in Deutschland ein großer Erfolg.

1915 bekamen die Frauen das Wahlrecht in Dänemark. Am 12. November 1918 war es auch in Deutschland soweit: Die Gesindeordnungen wurden aufgehoben und das allgemeine und gleiche Wahlrecht für beide Geschlechter eingeführt. Zum Ende des Ersten Weltkrieges hatte sich der Akzent verschoben: Das allgemeine Wahlrecht war erreicht, nun ging es in den Aufrufen zum Frauentag um die Wiederherstellung und Erhaltung des Friedens.

1919 schrieb die Weimarer Verfassung die staatsbürgerliche Gleichberechtigung fest. Frauen wurden zu öffentlichen Ämtern zugelassen.