
v.l.n.r.: Jessica Valenti, Susanne Brøgger, Haifaa Al-Mansour, Nawal El-Saadawi, Mithu M.Sanyal, Vigdis Finnbogadottir
Macht der Internationale Frauentag Sinn?
Anlässlich des 100. Jahrestags des Internationalen Frauentags sind mehrere führende Denkerinnen der Welt im Den Sorte Diamant zu einem Kongress versammelt. FORUM bringt eine Reportage von diesem Tag.12.03.2010 // Jørgen Poulsen
„Vor 15 Jahren musste man Journalist, Schriftsteller oder Mitglied einer Organisation sein, um zu Wort zu kommen. Heute kann man seine Botschaft in die Welt hinausbloggen“, erklärt die Amerikanerin Jessica Valenti, Gründerin der Website feministing.com. Auf dem Podium im Den Sorte Diamant repräsentiert sie an diesem 8. März eine Generation junger Feministinnen, die die neuen und globalen Medien für ihre Arbeit für Gleichberechtigung zu nutzen wissen.
Mit auf dem Podium sitzen neben der amerikanischen Superbloggerin zwei internationale Kolleginnen. Die deutsche Schriftstellerin Mithu Sanyal, Redakteurin bei Wir Frauen, und die schwedische Schriftstellerin und Aktivistin Johanna Palmström, die unter anderem bei Kvinna till Kvinna aktiv ist, einer Organisation, die Frauen in den Konfliktzonen der Welt unterstützt. Alle drei arbeiten mit neuen und direkten Vermittlungsformen, mit denen jungen Frauen Gehör verschafft werden soll.
Mit ihrem Elan erobern die drei Frauen sofort das Publikum, in dem sich die meisten feministischen Ansichten und Ziele innerhalb und auch außerhalb Dänemarks widerspiegeln. Sie alle aber sind gekommen, um den 100. Jahrestag des Internationalen Frauentags zu feiern, der als Idee in Kopenhagen im Jahr 1910 entstand. Hundert Sozialistinnen aus 17 Ländern waren hier im Stadtteil Nørrebro im Folkets Hus — heute besser bekannt als Ungdomshuset, das abgerissen wurde, zusammen gekommen.
Damals ging es um das Wahlrecht für Frauen und um Sozialismus. Seitdem ist eine Menge geschehen. Der Tag wurde international und fasst ein breites Spektrum von Ansichten. Macht es da immer noch Sinn, von einer gemeinsamen, internationalen Sache zu sprechen, in einer Welt, in der die Bedingungen für Frauen unterschiedlicher nicht sein könnten? Oder leben wir in einer so internationalisierten Welt, dass uns gegenseitiger Austausch wirklich nutzt?
Austausch und Networking über Zeit und Ort hinweg
Bereits bei der ersten Podiumsdiskussion mit den drei jungen Feministinnen beginnt sich die Antwort zu formen. Vor sechs Jahren googelte Jessica Valenti ”young feminist”. Das Ergebnis war ernüchternd: Eine Seite mit Links. Heute ergibt die gleiche Suche 37.000 Links. Dieser massive Zuwachs ist zu einem Großteil ihrem Einsatz zu verdanken. Denn das deprimierende Internet-Erlebnis hat Jessica Valenti dazu angeregt, die Website feministing.com ins Leben zu rufen.Heute ist diese Website eine Plattform für junge Feministinnen und wird monatlich von 600.000 Benutzern aus nahezu der gesamten westlichen Welt besucht, die auf diese Weise gemeinsam über geografische Barrieren hinweg an die Öffentlichkeit gehen, debattieren und teilhaben können.
„Wir stehen vor der Herausforderung, Feministinnen jeder Couleur, jeden Alters, jeder ethnischen Herkunft und jeden Lebensstils Raum zu bieten“, sagt Sanyal, die einräumt, dass es durchaus schwierig ist, die Vielfalt in den Griff zu bekommen, wenn man sich über die Haltungen nicht einig ist, die die Website repräsentiert. „Frauen haben jedoch dieselben Ziele. Sie verwenden nur unterschiedliche Sprache. Allen diesen Aspekten möchten wir eine Stimme verleihen“, sagt Mithu Sanyal, die sich als Feministin einen Namen gemacht hat mit einem gleichermaßen von der Kritik gelobten und kontrovers diskutierten Buch über die Kulturgeschichte der Vulva.
Mithu Sanyals Beschreibung der feministischen Vielfalt ist ein Bild, das Johanna Palmström auch in Schweden kennt. Feministinnen sind auch nach Altersbereichen keine homogene Gruppe. Die Jungen begreifen sich möglicherweise gar nicht als Feministinnen und sind vielmehr mit konkreter praktischer Arbeit, etwa in einem Krisencenter, oder mit dem Kampf um gleiche Bedingungen für Emigrantinnen, befasst.
Frauen – das übersehene Gold
Jetzt kommt Dänemarks neue Ministerin für Gleichstellung, Lykke Friis, herein gefegt. Mit goldenen Stiefeln bekleidet, trägt sie ihre eigene Energie in den Saal. Die Stiefel sind ein sichtbares Symbol für ihre Einstellung, dass Frauen in die Führungsetagen gehören. Sonst könne man das Gold ebenso gut auf die Straße werfen, wie sie sagt. Es ist kaum ein Geheimnis, dass Lykke Friis ein großer Fan des Fußballvereins FC Bayern ist, und sie erzählt, dass sie den Kaiser, den legendären Fußballhelden Franz Beckenbauer, einmal gefragt hat, ob er sich Frauen im Vereinsvorstand vorstellen könne. Seine Antwort lautete: Niemals.„Daran sieht man mehr als deutlich, dass es noch immer eine Menge zu tun gibt“, schlussfolgert Lykke Friis, während der Saal zu Ende kichert. Der Punkt ist aber, dass an der Gleichstellung auch die künftige Wettbewerbsfähigkeit Dänemarks hängt. Es ist eine eklatante Ressourcenverschwendung, wenn man sieht, wie wenige Frauen es an die Spitze schaffen, meint Lykke Friis. Es könnte bei verwirklichter Gleichstellung in der gesamten EU ein Wirtschaftswachstum von 27 % erreicht werden, zeigen kühle Berechnungen.
Ein großes Rollenmodell
Die erste Frau der Welt auf einem Präsidentenposten, die Isländerin Vigdis Finnboagdottir – eines der ganz großen Rollenmodelle für Frauen in der ganzen Welt – folgt Lykke Friis' Metapher:"Women of this world are the gold mine of humanity", und sie verweist auf den Umstand, dass man niemals eine solch riskante und aggressive Investitionsstrategie erlebt hätte, die Ursache für Islands wirtschaftlichen Zusammenbruch war, wenn an den Entscheidungsprozessen mehr Frauen beteiligt gewesen wären.
Ob dies den Beschluss des Isländischen Parlaments, Altinget, vom Freitag beeinflusst hat, für Unternehmensvorstände eine Frauenquote einzuführen, ist nicht bekannt. Tatsache aber ist, berichtet Vigdis Finnboggadottir, dass beide Geschlechter ab September 2013 zu mindestens 40 Prozent in den Unternehmensleitungen vertreten sein müssen.
Konstruktive Auseinandersetzung
Eine fast 80-jährige ägyptische Schriftstellerin und Ärztin und eine amerikanische Autorin und Meinungsbildnerin Mitte 40 jüdischer Herkunft. Die eine wegen ihrer Ansichten inhaftiert, die andere gefeiert als Beraterin des US-Präsidenten Bill Clinton. Nawal Al Saadawi und Naomi Wolf stehen auf diesem Kongress stellvertretend dafür, welch unterschiedliche Möglichkeiten und Bedingungen Frauen abhängig davon haben, an welchem Ort der Welt sie leben. Die globale Perspektive des Kongresses wird erweitert und führt zu einer konstruktiven Auseinandersetzung, doch auch zu einem gemeinsamen Verständnis für die feministischen Ziele. Nawal Al Saadawi sieht Unterdrückung von Frauen global und als ein Ergebnis von Staatsterrorismus sowie religiösem und politischem Fanatismus. Die religiöse Identität, wie sie den Bevölkerungen auferlegt wird, trägt laut El Sadaawi mit zum Entstehen von Konflikten bei. Von dieser Warte aus sitzen wir alle im selben Boot, meint sie, egal, ob der Absender Al Qaida oder die Christen im amerikanischen rechten Flügel sind.Naomi Wolf erklärt das Problem genauer
„Wenn man die Situation vergleicht, haben Frauen in der westlichen Welt keine wirklichen Probleme. Bestehende Probleme sind durch zahllose Berichte und Analysen dokumentiert und die Lösungen kennen wir“, sagt sie. Obwohl sie auch einräumt, dass die Frauen für die Umsetzung der Lösungen schwere Geschütze auffahren müssen. Andererseits kommt aus der dritten Welt das neue feministische, analytische Denken, unterstreicht sie und hebt hervor, dass wir das Verständnis unserer eigenen Situation durch gegenseitige Zusammenarbeit schärfen können.Das auf der Tagesordnung nicht vorhandene Thema
Al Saadawis politischer Diskurs bringt plötzlich das komplexe und kontroverse Thema ‚Kopftuch‘ aufs Tapet. Wie viele andere hat sie in den neuen Präsidenten der USA, Barack Obama, große Hoffnungen gesetzt. Heute ist sie jedoch von ihm enttäuscht, weil er in seiner Rede an das ägyptische Parlament im Juni des Vorjahres sagte, dass die Wahl, ein Kopftuch zu tragen oder nicht, ein individuelles Recht der ägyptischen Frauen sei. Doch Saadawi ist prinzipiell sowohl gegen Nacktheit als auch Schleier.Ausgehend von ihren Gesprächen mit u. a. Palästinensern versucht Naomi Wolf, die freie Wahl der Frauen zu verteidigen. „Für junge Frauen kann das ihre Art des Protestes gegen westliche Unterdrückung sein“, sagt sie. An dieser Stelle lässt die allgegenwärtigen Versammlungsleiterin des Kongresses, Annette K. Nielsen, Nawal Al Saadawi den Diskurs mit den Worten beschließen:
„Ich mag keine religiöse Sprache, aber ich glaube an Solidarität, im Großen wie im Kleinen. Ich träume von einer säkularen Welt, weil ein religiöser Staat gezwungen ist, gegen Frauen zu sein.“
Eine Huldigung in Worten und Tönen
Wie sie dort auf der Bühne steht, groß und statuenhaft, erinnert Suzanne Brøgger an eine Frauengestalt aus der Sagenzeit, obwohl die Gegenwart im Zentrum dieser dänischen Schriftstellerin steht. Mit einem Blick über die Welt, wie sie sich seit dem Verschwinden des Eisernen Vorhangs verändert hat, muss Suzanne Brøgger feststellen, dass viele Ehre verdienende Helden unserer Zeit Frauen sind.Eine von ihnen ist Simone Aaberg Kærn, die in einem kleinen Flugzeug nach Afghanistan flog, um den Traum einer jungen, afghanischen Frauen zu erfüllen, Pilotin zu werden. Die palästinensischen Frauen, die gegen die 700 km lange israelische Sicherheitsmauer protestieren, und die norwegische Autorin Åsne Seierstad, die in ihrem Buch über den Buchhändler in Kabul von jenen Frauen erzählt, die trotz aller Widrigkeiten versuchen, den Alltag zu meistern. Für sie und die vielen anderen, die sie nennt, rezitiert und singt Szusanne Brøgger ein Huldigungsgedicht.
Kunst als Werkzeug
Der letzte Teil des Kongresses nähert sich, er ist der Kunst und Kultur als Hebel für die Arbeit für die Rechte der Frau gewidmet. Auf dem Podium treffen sich die schwedische Literaturprofessorin Ebba Witt-Brattström und die junge saudische Frau Haifaa Al-Mansour, die als Frau und Filmschaffende gleichermaßen mit Traditionen und Normen in ihrem streng konservativen Heimatland bricht.„Ohne Literatur von und über Frauen wäre unser Wissen über das Leben und die Lebensbedingungen von Frauen in der Geschichte sehr spärlich“, sagt Ebba Witt-Brattström, der die Ehre zuteilwurde, die Sitzung zu eröffnen. Sie greift die Goldmetapher wieder auf:
„Ein Frauenkanon ist das pure Gold für uns, wir brauchen ihn heute mehr denn je. Die Bedingungen der Frauen in Skandinavien unterscheiden sich von denen der Frauen in Afghanistan, Indien oder anderswo. Dort haben sie mit Problemem wie Mitgift, Verstümmelung der Geschlechtsorgane oder ethnischer Säuberung zu kämpfen, durch Lesen aber können wir Erfahrungen teilen“, sagt sie.
Eine Filmschaffende aus einem Land ohne Biografien
Auch Haifaa Al-Mansour nutzt die Kunst, um ihre Botschaften mitzuteilen.„Nach meinem ersten Film hatte ich das Gefühl, das mir jemand zum ersten Mal zugehört hat. Sonst werden Frauen in Saudi Arabien ja nicht ernst genommen. Man darf also die Macht der Kunst nicht unterschätzen“, erklärt sie zum Auftakt eines Ausschnitts aus ihrem ausgezeichneten Film Women without Shadows.
Wir befinden uns unter freiem Himmel. Die spärliche Vegetation vermittelt uns das Bild einer trockenen und kargen Landschaft. Im Vordergrund sitzen zwei junge Frauen auf dem Boden. Sie sind vollständig in schwarze Kleider gehüllt. Sie wirken ein wenig verlegen und zupfen unablässig an ihrer Kleidung herum. Doch das Thema löst schnell ihre Zungen und sie machen ihrer Verärgerung darüber Luft, dass es jungen Frauen einfällt, einfach ohne die Begleitung eines männlichen Familienmitglieds zum Shopping oder in ein Café zu gehen.
Das Positive ist, meint Haifaa Al-Mansour, dass die beiden Frauen bereit sind, aufzutreten und zu sprechen, und dass es ihnen gefällt, dass man ihnen zuhört. Doch für sie ist es auch eine Art zu zeigen, dass die Frauen in ihren Haltungen sich selbst Restriktionen auferlegen, und dass besonders die jungen Frauen den Unterdrückern Vorschub leisten.
„Seven“
Mit dem Fotoprojekt „Seven“ legen Kulturvermittlerin Uzma Ahmed Andresen und Fotografin Tina Enghoff spät am Nachmittag den Finger auf einen der wundesten Punkte auf Dänemarks humanitärer Landkarte: Die so genannte „Siebenjahresregel“ im Ausländergesetz. Ein Gesetz, wonach Frauen sieben Jahre verheiratet gewesen sein müssen, um ihre Aufenthaltsgenehmigung zu behalten, wenn sie ihren dänischen Ehegatten verlassen. Eine Situation, die einige dieser Männer ausnutzen, um ihre Frauen an sich zu binden. Die Frauen sind körperlicher und seelischer Gewalt ausgesetzt, oder werden, wie Uzma Ahmed Andresen von einer dieser Frauen berichtet, gar zur Prostitution gezwungen.Währenddessen erhalten wir im Saal eine Vorpremiere von einigen Fotos des Projekts, die in einer großen Ausstellung in der königlichen Bibliothek ab dem 10. Mai gezeigt werden und auch in Buchform erscheinen werden. Bilder von isolierten und verdrehten Frauengestalten in idealisierten Landschaften platziert, wie wir sie von den introvertierten Bildern des dänischen Malers Vilhelm Hammershøi kennen, jedoch kombiniert mit Schreckensvisionen vom Massaker in Srebrenica in Bosnien.
Einige der Frauen, die den Ausgangspunkt für das Projekt bildeten, sind durch Angst und Ungewissheit chronisch krank geworden. Andere sind bereits in ihre Herkunftsländer deportiert worden, zu denen sie weder eine Beziehung haben noch in denen es für sie eine Zukunft gibt, weiß Uzma Ahmed Andresen zu berichten.
Es macht doch noch Sinn
Während die Bilder von geschundenen Frauengestalten und tragischen Frauenschicksalen in uns nachhallen, tritt die Leiterin von KVINFO, Elisabeth Møller Jensen, ans Rednerpult, um eine Zusammenfassung zu geben.„Schon damals war die Frauenbewegung international. Und das ist sie noch immer“, stellt Elisabeth Møller Jensen fest. „Millionen von Frauen in der ganzen Welt sind noch immer unterdrückt. Sie haben nicht die gleichen Bedingungen wie Männer. Schulbildung wird ihnen verwehrt. Sie können ihr eigenes Dasein nicht bestimmen und sie gebären Kinder, die ihren ersten Geburtstag nicht erleben. Doch auch Frauen in Dänemark leiden, wie Uzma Ahmed Andresens und Tina Enghoffs Projekt zeigen. Ein internationaler Frauentag macht daher sehr wohl Sinn. Es gibt jede Menge zu tun, in Dänemark wie auch außerhalb von Dänemark.“
Der Kongress ist vorüber, und die Beschlüsse finden Unterstützung. Die vielen Frauen verlassen den Saal, um Networking zu betreiben oder zu anderen 8.-März-Veranstaltungen weiter zu ziehen. Erprobte Frontkämpferinnen, bekannt aus den Medien, ehemalige Ministerinnen und nicht zuletzt junge Frauen auf ihrem Weg ... einige davon mit Kopftuch.







