Die Lutherische Gemeinde

Schwäbische Auswanderer: Die Pietisten

Einfache, bis an die Belastungsgrenze gefüllte Holzkähne fuhren die Donau hinab. Von Ulm bis nach Wien, von dort über die Balkanhalbinsel ans Delta im heutigen Rumänien, dann gelangte man über das Land nach Odessa, umwanderte das Schwarzmeerufer und erreichte schließlich nach Monaten das ferne Ziel im Osten: Den Kaukasus.

Diese lange, beschwerliche Reise nahmen viele Schwaben aus Württemberg in den Jahren 1817-1818 auf sich. Nach Zeiten des Hungers und der Verwüstung während der napoleonischen Kriege sehnten sich die schwäbischen Auswanderer nach freiem, unbewirtschafteten Land. Doch neben wirtschaftlichen Gründen waren es vor allem religiöse Beweggründe gewesen, die diese tiefgläubigen Menschen dazu veranlasste, sich in „Harmonien“ zum gemeinsamen Aufbruch ins gelobte Land zu versammeln, denn im Jahre 1836 erwarteten diese schwäbischen Kinder des Pietismus die Wiederkunft Christi in Jerusalem.

Der Pietismus mit seinem Bewusstsein von Unabhängigkeit und Selbstbestimmung wurde von der kirchlichen und staatlichen Obrigkeit des 19. Jahrhunderts nur schwer geduldet, sodaß der Widerstand wuchs, und man auch deshalb schließlich seinen Blick nach Osten richtete. Die französische Revolution, der andauernde Krieg in Europa und die Hungersnöte waren für die chiliastischen Pietisten, welche auf die Geschehnisse der Endzeit ausgerichtet waren, ein deutliches Zeichen des göttlichen Gerichts. In Anlehnung an die Johannesoffenbarung suchte man nach einem Bergungsort für die Zeit des Antichristen, wo das neue Volk Gottes bewahrt werden sollte. Ein Beweis dafür, dass dieser Ort nicht in Palästina liegen könnte, ist die Tatsache, dass Jesus bei Vorträgen über die Endzeit seinen Jüngern riet, in die Berge zu fliehen. Da der Berg Ararat nach der Sintflut der Arche Noah ihre Rettung schenkte, sei der Kaukasus auch der richtige Ort, um sich dem Einfluß des Antichristen zu entziehen und dem Herren, der zur Errichtung seines tausendjährigen Friedensreiches erscheint, im Jahre 1836 zu begegnen.

Das russische Zarenhaus sah für ausländische Kolonisten Religionsprivilegien vor, und die schwäbischen Auswanderer erhielten sieben Kolonien auf dem Land und eine in Tbilissi (unter anderem Katharinenfeld, Marienfeld, Alexandersdorf und Elisabethtal). Der Beginn des Kolonielebens war jedoch von Hunger und Armut geprägt, es kam zu Epidemien und Missernten, auch die Perser und Tartaren überfielen die Kolonien. Doch trotz aller Rückschläge erlangten sie dann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihre Blütezeit, wobei mit dem Wohlstand auch das evangelische Gemeindeleben wuchs. Die deutsche Minderheit war ökonomisch unabhängig, kirchlich-religiös stabil, und etwa 45.000 Deutschstämmige lebten derzeit in Südkaukasien, die meisten aber in Georgien.