Wagnis der Erinnerung

Blinde Flecken

Eine Erzählung des bosnischen Schriftstellers Faruk Šehić in einer Übersetzung von Klaus Detlef Olof.

Blinde Flecken

Wie fern waren wir den Verbrechen, die vor unser aller Augen geschahen. Manchmal berichtete jemand, Kämpfer aus der Einheit Vitezovi der Armee BiH hätten serbischen Gefangenen an ihren Frontabschnitten die Köpfe abgeschnitten. Die einen fanden darin Gründe, die militärische Fähigkeit dieser Kämpfer und ihren Mut zu bewundern, zuerst jemanden zu töten und ihm dann den Kopf abzutrennen und so die imaginierte Anzahl toter Feindsoldaten zu erhöhen. Bei anderen lösten die Bilder des Köpfens in ihren unversehrten Köpfen Übelkeit in Magen und Brust aus. Selten wurde über solche Vorkommnisse gesprochen, die damals noch von niemandem als Kriegsverbrechen bezeichnet wurden. Der Kampf um das physische Überleben konnte alle Handlungen und Geschehnisse rechtfertigen, vor allem wenn man sich in einer Enklave befand, einem KZ offenen Typs, das von drei feindlichen Heeren berannt wurde: von bosnischen Serben, von den Serben aus Knin und von Abdićs Autonomisten. Da ist kein Platz für Humanismus und Renaissance, gingen damals unsere Gedanken, und ich kann mich nicht erinnern, dass jemand das Wort Kriegsverbrechen in den Mund genommen hätte. Das sollte ich zum ersten Mal auf CNN hören, bezogen auf Omarska und Keraterm, und dann in den Berichten, die nach dem Fall von Srebrenica heimlich umliefen. Unser militärischer Dienst für Information und Kampfmoral enthielt uns die Wahrheit über Srebrenica vor. Die Moralisten lasen uns gewöhnlich die neuesten zensurierten Nachrichten von den Kriegsschauplätzen in Ostbosnien vor. Darin wurde weder die Anzahl der Gefallenen erwähnt noch die Unzahl von 8000 Gefangenen und anschließend Ermordeten. Nur ungefähre Angaben wurden über die Mengen an Panzern und Militärfahrzeugen, an leichter Infanteriebewaffnung und Munition gemacht, die im Verlauf des Durchbruchs der Srebrenica- und Žepa-Kämpfer auf das freie Territorium von Tuzla erobert worden waren, was wie ein verlogener Trost wirkte. Der Fall Srebrenicas wurde mehr als eine unliebsame militärische Niederlage dargestellt und kaum oder überhaupt nicht als Kriegsverbrechen, obwohl aus den Worten und zwischen den Zeilen Verbitterung und Wut herauszulesen waren. Die Wahrheit sollte ich erst nach Beendigung des Krieges erfahren, als militärische Geheimnisse sinnlos geworden waren. Aber auch dann war ich unfähig, das volle Ausmaß der Tragödie von Srebrenica, die mit dem Spruch des Internationalen Gerichtshofes in Den Haag zum Völkermord erklärt wurde, zu begreifen.

So hörten wir, dass (notorische und angebliche) Autonomisten und dieser und jener Serbe aus der Gegend von Cazin (oder die zwei, drei, die es in der Stadt gab) beschuldigt der Spionage zu der Zeit gefoltert worden seien, als die Situation an den Fronten zum Autonomiegebiet schwierig und am Rande des Scheiterns war. Gefoltert worden war Gerüchten zufolge von lokalen und importierten Kriminellen im Dienste der Zivilpolizei.

Man erzählte von Torturen mit Stromkabeln, die den Gefangenen an die Testis geklemmt wurden, oder von Zwangsfütterungen mit Salz und nachfolgendem literweise Wassereinflößen unter Todesandrohung. Auch diese Geschichten entsetzten uns nicht besonders, denn wir sahen in den Autonomisten (vor allem in ihnen) und in den Tschetniks unsere natürlichen Feinde, gegen die im Kampf Brust an Brust keine Milde walten durfte, oder wir waren selbst an den schlimmsten Frontabschnitten, wo alle Denkvorgänge einer einzigen Autosuggestion untergeordnet waren: Bleib am Leben!

Auch von den serbischen Gefangenen an unserem heimischen Frontabschnitt Ćojluk wurde erzählt, man habe sie mit Schaufeln und den Stahlkabeln zerstörter Überlandleitungen tot geschlagen. Dieses Bild konnte ich mir vorstellen, es brannte sich mir unauslöschlich ein, denn ich konnte nicht begreifen, wie jemand einen Gefangenen niedermetzeln konnte, wenn er entwaffnet und hilflos im tiefen Hinterland in einem Keller lag, beraubt aller Attribute des bösen Feindes. Für die Militärpolizisten war Foltern ihr Geschäft, sie prügelten die Tschetniks, um nicht selbst an die Front zu müssen. Manche Folterer waren angetreten, um Rache zu nehmen für einen verlorenen Angehörigen, für Bruder, Tochter oder Sohn.

Während meiner Zeit bei der Wirtschaftsabteilung der Armee zeigte mir ein Mitkämpfer einen Hangar, in dem die serbischen Gefangenen von Ćojluk gefoltert und massakriert und in dessen Nähe sie auch verscharrt worden waren, bis man sie später ausgegraben und zum Austausch zwischen unseren und ihren Soldaten – genauer gesagt: Leichen – abtransportiert hatte. Ich entsinne mich nicht, dass es an unserem Frontabschnitt jemals einen Austausch lebender Gefangenen gegeben hätte. Mehrere Nächte schlief ich nahe dem Hangar zum Foltern und Töten. Vor dem Krieg war hier die Aufzucht und Mast von Jungvieh betrieben worden. Mich ekelte vor diesem Ort, von dem weder Wasser noch der Lauf der Jahre das Blut abwaschen konnten. Mir kamen auch die Bilder jener in den Sinn, die die Folterungen und Exekutionen durchgeführt hatten, aber das war in Wirklichkeit nur ein kurzer Moment, denn der Ekel grenzte an Wahnsinn, da war es die beste Lösung, das Hirn auszuschalten.

In einem überwiegend serbischen Dorf stießen wir bei einer unserer Offensiven größeren Ausmaßes auf eine Frau, die in ihrem Haus geblieben war, weil sie nicht mit den anderen Ortsbewohnern hatte flüchten wollen. Der unmittelbare Eingang in das hübsche wohlhabende Dorf war pedantisch in Schutt und Asche gelegt, denn das waren muslimische Häuser gewesen. Die Art und Weise, in der sie zerstört worden waren, zeugte von der Präzision der lokalen ›Hygieniker‹, die für die Reinheit des ›himmlischen Volkes‹ zuständig gewesen waren. Ich hatte nicht die Zeit, mir das Schicksal der Bewohner vorzustellen. Die Frau war mittleren Alters, kräftig und gesund, mit roten Apfelwangen unter dem umgebundenen Kopftuch. Sie saß in ihrem Hof an einem Tisch, als wäre nichts geschehen. Wir waren zufällig auf sie gestoßen, denn die Einnahme des Dorfes erfolgte aus mehreren Richtungen und war noch nicht abgeschlossen, und so kam es zum üblichen Durcheinander und Wirrwarr, wenn Einheiten mehrerer Brigaden an einem Angriff beteiligt sind.

Ich hörte, wie sie zu den Kämpfern, die dort umherliefen, sagte: »Seid ihr meine Leute, Serben? Ja, ja, ihr wollt es mir nur nicht sagen, meine Serben …«

Ich bin mir nicht sicher, ob ich die MG-Garbe gehört habe, während ich noch in ihrem Sichtkreis war, oder ob ich schon hinter den Stall gebogen war, um eilig meinem Befehl, eine bestimmte Kote zu ereichen, nachzukommen. Ich erinnere mich nicht, vielleicht war es sogar so, dass ich sie tot gesehen und mein Verstand sich später geweigert hat, sich an den Schauplatz des Verbrechens zu erinnern. Es waren Sekunden, die sich dehnen, während du sie in Gedanken durchrast – und in denen sich alles, was außerhalb deines Zieles liegt, in einem blitzartigen Augenblick abspielt, wie in einem Wachtraum.

Nach der MG-Garbe bewegten wir uns weiter auf unseren Hügel zu, der bereits im Septemberdunkel lag. Als wir an der orthodoxen Kirche vorüber kamen, waren Gewehrschüsse und die Artillerieeinschläge zu hören. Der Kommandant einer Aufklärungseinheit tauchte auf und sagte, wir sollten vor dem Granatbeschuss durch die Tschetniks Deckung suchen, obwohl es klar war, dass sie gerade dabei waren, die orthodoxe Kirche mit Raketenwerfern in Trümmer zu schießen. Als wir endlich den Hügel ohne Widerstand erreicht hatten, schwärmten wir auf dem Hang in breiter Front aus und befestigten unsere Stellungen. Dort blieben wir gut zehn Tage. In den Häusern gab es Strom, wie hypnotisiert verfolgten wir das Programm des kroatischen Fernsehens.

Was Munition, Bewaffnung, Verpflegung und Zigaretten betraf, waren das die goldenen Tage des Krieges, seine letzten Tage. In stockdunkler Nacht zogen wir uns auf Befehl des Oberkommandos kampflos zurück. Das Dorf blieb hinter uns in der Dunkelheit zurück. Auf dem fruchtbaren Sandboden des Dorfes und seiner Umgebung wuchsen saftige Riesenpaprikas. Ihre Farbe erinnerte unwillkürlich an die Wangen der Bäuerin ein paar Sekunden, bevor sie erschossen wurde.

1992

In den ersten Kriegstagen taufrisch und wirr wie trunkene Hummeln. Ich werde mich auf die Gesichter der Menschen und die Dinge konzentrieren, die in meiner Erinnerung aufblitzen. Ort der Handlung sind verlassene Häuser, die schon am zweiten oder dritten Kriegstag ihre Wärme und ihren ursprünglichen Zweck eingebüßt haben. Ihre Bewohner sind verschwunden und zu Flüchtlingen geworden. Die Fassaden sind verrußt und außerhalb des Fokusses. Obwohl sich alle, die Waffen trugen, schnell bewegten und unter den Granaten und Geschossen ständig am Laufen waren, kommt mir jetzt alles verlangsamt vor, eingefroren wie in einem Wachsfigurenkabinett. Ein Gesicht sticht besonders hervor aus dem allgemeinen Chaos, das Gesicht eines jungen Mannes Anfang der Zwanzig, narbig und schielend. Sein Haar dunkel, die Haut hell, die Augen stehen so, dass sie seinem Gesicht einen beinahe asiatischen Zuschnitt verleihen. Seine Bewegungen sind energisch, sein Körper ist muskulös und ebenmäßig. Sein Gesicht ist grob und zart zugleich, und in ihm scheint das Wollen in gefährlichem Streit mit seiner Jugend zu liegen. Mit einem Bein steht er auf der Fensterbank, mit dem anderen auf der Couch, er späht zur anderen Flussseite hinüber, wo sich der unsichtbare und bis an die Zähne bewaffnete Feind befindet. Da sind unsere städtischen Serben und ihre Verwandten von den waldigen Hängen in die Stadt hinunter gestiegen, um mit den Türken endgültig abzurechnen. Das ganze Äußere des Jungen ist nervös, und ich habe Angst, ihm in die Augen zu sehen. Etwas in seinem Gesicht ist für immer entgleist und hat alle Dämonen freigelassen. Damals habe ich ihn das erste und letzte Mal gesehen.

Die Stadt verschwindet vor unseren Augen. Sie wird zu einer fremden und unüberschaubaren Metropole unserer Utopie, die da lautet: Ich will nach Hause zurück und dass alles so wird wie früher. Niemand denkt mehr an das Wasser und den Fluss. Ende April erwacht die Natur mit all ihrer Kraft, und das geschieht unmerklich. Allmählich finden wir zu primitiven Lebensformen zurück, wo es das Wichtigste ist, satt, im Warmen und in Sicherheit zu sein. Wir lernen den Hass, denn er ist die einzige Möglichkeit zu überleben, mit seiner Hilfe kann man die wütenden Geister wecken, die einen am Leben erhalten, die einem den Lebenswillen einflößen. Den Hass zu erlernen fällt nicht schwer, man braucht sich nur seinem Körper zu überlassen.

Wie lächerlich ist der Wunsch, der eigene Körper möge unversehrt bleiben. Bis zum Äußersten strengt sich der Mensch an, um unangetastet zu bleiben. Er errichtet scharfe Grenzen auf seiner Haut, um sich den Haufen Fleisch und Knochen, sein Herz und vielleicht auch seine Seele zu bewahren. Danach werden Stadt und Mensch nie mehr dieselben sein, vorausgesetzt der Mensch erlebt das Ende des Krieges. Die Stadt kann man nicht vernichten, sie ist unantastbar, und der Mensch wird all seine Kraft daran setzen, sie zu erneuern und seine zerstückelte Seele auf den Trümmern neu zu errichten. Der Versuch ist von allem Anfang an zum Scheitern verurteilt. Nichts wird so sein wie früher, diese Tatsache weiß noch niemand. Alle glauben an die eigene Zukunft und an das Gedeihen der Stadt, was auch gerechtfertigt ist, denn so denken die Menschen nach jedem Krieg.

Der Augenblick des Zögerns und Zweifelns geht vorüber, und ich glaube wieder an die Stadt und den Fluss, die mit ihren unterirdischen Kräften die Menschen aus der realen Asche heben sollen. Die Straßen sind voller Schutt und Gerippe niedergebrannter Häuser. In zehn Jahren werden die Spuren des Krieges nur noch auf Schwarzweißfotos zu sehen sein.

Was paradox ist, ist zum Siegen verurteilt.

Toshiba

In meiner alexandrinischen Bibliothek, die aus kleinen Gegenständen, aus unwesentlichen Tagesritualen oder Erinnerungsscherben ersteht, gibt es auch einen alten Kassettenrecorder der Marke Toshiba. Ich habe ihn Anfang der achtziger Jahre in einer Buchhandlung erworben, dieser Kassettenrecorder mit den zwei Köpfen war das erste Modell, dessen Befehlstasten unten angebracht waren, gleich unterhalb der Klappe, die die Kassetten aufnimmt. Er war leicht und elegant, nicht zu groß und nicht zu klobig, aus schwarzem Kunststoff, mit einer Radioskala, deren Leuchten in der Nacht eine Reise ohne Ortswechsel auslösen konnte, in ferne Städte wie Riga oder Vilnius, Städte, von denen ich damals nicht mit Sicherheit sagen konnte, wo sie sich befinden. Ihre Namen schienen von einem anderen Planeten zu stammen, denn der baltische und nicht-slawische Teil der UdSSR war das ja auch (ausgenommen die litauische Basketball-Nationalmannschaft). Der Kassettenrecorder alterte mit derselben Geschwindigkeit, mit der sich die technischen Geräte im Design und in ihren immer schnelleren und verrückteren Funktionen weiterentwickelten. Der Kapitalismus, von uns diesseits der Berliner Mauer immer noch weit entfernt, bewirkte Wunder, die wir erst mit Verspätung gewahren sollten, wenn sie für uns bereits jeden emotionalen Sinn eingebüßt hatten, denn wir sollten verloren sein in unserem Leben, in unseren Versuchen, es erneut zu finden und es als Ganzes und als einfaches Glück wiederzuerrichten. Deshalb haben die neunziger Jahre uns als totalitäre Erinnerung in ihrer Gewalt.

In meiner alexandrinischen Bibliothek, das begreife ich erst jetzt, wird dieser Kassettenrecorder einen besonderen Platz einnehmen auf der Skala des Wesentlichen. Ich musste ihn in Zagreb zurücklassen, als ich am 15. April 1992 in mein vom Krieg heimgesuchtes Land zurückkehrte. Ost-Bosnien brannte, und mit eigenen Augen musste ich die Flüchtlinge aus Zvornik sehen, wie sie mit Plastiktüten und geschnürten Bündeln auf dem Parkplatz bei der Zagreber Moschee standen, die ersten wie Leuchtspurmunition an den Nachthimmel der Welt geworfenen Flüchtlinge, zerstreut in alle möglichen Richtungen. Noch wenige Tage zuvor waren in Sarajevo Meetings für den Frieden und die Erhaltung Jugoslawiens abgehalten worden. Da waren naive Bergleute mit jugoslawischen Fahnen und sozialistischen Liedern auf den Lippen marschiert, bis ihre Reihen von den Scharfschützen der Tschetniks vom Holiday Inn aus zerschlagen wurden.

In dem Film Blade Runner findet sich auf den Gebäuden einer futuristischen, ständig vom Regen heimgesuchten Stadt eine Mega-Reklame der Firma TDK, die mir für immer im Gedächtnis haften bleiben wird wegen der gleichnamigen Kassetten von 60 und 90 Minuten Spieldauer. Irgendwo gibt es mit Sicherheit einen verborgenen Planeten, eine Welt für verlorene Dinge und aus der Mode gekommene Gegenstände, deren Leuchtreklamen im Neonglanz der Unvergänglichkeit pulsieren.

An der Kriegsfront des Jahres vierundneunzig rettete ich aus einem Haus, dessen Dach in der Wut des Feuers – dem Geist unserer Zeit – heulte, einen Kassettenrecorder der Marke Sanyo, der mir gut vierzehn Jahre dienen sollte. Die Front war nichts als Dreck, Regen, Wolken und graue Bäume wie an der russischen Front im Spätherbst, vor den großen Schneefällen, vor Eis und Frost. Unsere Front war schlimmer als die russische, denn es gab keine Steppe zum Rückzug, aber es war unsere Front. Wenn ich mich an sie erinnere, friert mich bis ins Gebein, doch dann wird sie ein angenehmer Quell der Wärme, ein Ofen, den ich nicht herbei beschwöre, der mich aber trotzdem wärmt. Und dann taucht Rutger Hauer im langen Ledermantel auf, während der Regen auf unseren Abschnitt herunterströmt, er zwängt sich mit Händen und Füßen durch das scharfe Buschwerk und sagt zu uns ununterbrochen: This is not Time to die. This is not Time to die …

Selbst als ich ihn nicht mehr verwendete, lange nach dem Krieg, stand er zwischen den nützlichen Gegenständen wie ein Schutzrelikt einer Art Vergangenheit, meiner Vergangenheit. Seine Kunststoffhülle war auf der einen Seite von der Gluthitze ziemlich geschmolzen. Er hatte eine Kriegsnarbe und endete in einem Container an den Hängen der Stadt.

Einmal erschien mir der Toshiba-Kassettenrecorder in einem kurzen Traum. Völlig zerstört, nur noch von den Drähten vor dem endgültigen Zerfallen bewahrt, lag er auf dem Tisch. Die Skala leuchtete bläulich, die Maschinerie im Innern war fast intakt, mehrere gelbe Diodenreihen, die an eine Vorrichtung zur Übertragung elektrischer Energie erinnerten. Einsame Denkmäler einer alten Technologie wie die verlassenen Städte aus der Anfangszeit des Wilden Westens, den Eindruck machte sein Inneres. Äußerlich zerstört, funktionierte er trotzdem.

War es bei uns nicht auch so unmittelbar nach dem Krieg? Ohne uns bewusst zu sein, wie zerfressen wir von der allgegenwärtigen Korrosion waren, und doch vollgestopft mit dem verrückten Adrenalin des Überlebthabens?

Wegen dieses Kassettenrecorders und wegen der vielen anderen verlorenen Gegenstände, besonders der immateriellen, habe ich mich daran gemacht, meine alexandrinische Bibliothek zu errichten. Wenn ich einen Gegenstand in diese Bibliothek aufnehme, hört er automatisch zu funktionieren auf. Er tut es auf so geheimnisvolle Weise, wie es nur ihm zukommt, und dann kann ich der glückliche Archivar meiner Vergangenheit sein.

 

© Amer Kuhinja
Faruk Šehić aus Bosnien und Herzegowina
Faruk Šehić, geb. 1970 in Bihać/Bosnien und Herzegowina, lebt in Sarajevo; Soldat in der Armee Bosnien und Herzegowinas (1992-95); veröffentlicht seit 1998 Literaturarbeiten; freier Schriftsteller (Lyrik, Prosa, Essays, Kritiken); journalistische Reportagen, Kolumnen für versch. Medien (Online-Magazin Žurnal, Sarajevo und e-Novine, Belgrad); zahlr. Buchveröffentlichungen: Hit depo, Gedichte (Verl. Buybook, Sarajevo, 2003 u. Verl. Omnibus, Sarajevo, 2008), Pod pritiskom, Prosa (Verl. Zoro, Sarajevo-Zagreb, 2004); Transsarajevo, Gedichte (Verl. Durieux, Zagreb, 2006 u. Verl. Branka Vuković, Belgrad, 2007), Street spistels, Gedichte - zweisprachig (Verl. Treći Trg, Belgrad, 2009); in deutscher Übersetzung liegen vor: Pjesme u nastajanju (Gedichte im Entstehen), Hit depo; Preise von: bosnisch-herzegowinischen Tageszeitung Oslobođenje (2003), Verlag Zoro (2004) u. Lyrikfestival Trgni se! Poezija! (2008)

 

Eine Übersetzung von Klaus Detlef Olof
Klaus Detlef Olof, geb. 1939 in Lübeck; lebt in Zagreb und Graz; studierte Slawistik in Hamburg und Sarajewo; seit 1973 Lehrtätigkeit an der Universität Klagenfurt; Arbeitsschwerpunkt: südslawische Literaturen; seit vielen Jahren als Vermittler und Übersetzer südslawischer Literaturen im deutschsprachigen Raum tätig; Übersetzungen überwiegend aus der kroatischen und slowenischen Literatur, aber auch aus dem Serbischen, Bosnischen, Mazedonischen und Bulgarischen ins Deutsche, u.a. Übersetzer von Dževad Karahasan, Miljenko Jergović, Zoran Ferić und Igor Štiks; 1991 wurde er für sein umfangreiches Wirken mit dem Österreichischen Staatspreis für literarische Übersetzer ausgezeichnet.