Erkunden, was Menschen bewegt – zum Tod von Pina Bausch

Im Juni 2009 ist Deutschlands bekannteste Choreografin, erst 68 Jahre alt, an einem Krebsleiden gestorben. Seit 1973 leitete Pina Bausch das Tanztheater Wuppertal, mit dem sie Weltruhm erlangte.
Natürlich haben wir alle gewusst, dass sie nicht eben gesund lebte. Der Satz aus ihrem Walzer-Stück – „Noch ein Weinchen und ein Zigarettchen – aber noch nicht nach Hause“ – war leider auch Pina Bauschs Lebensmotto. Das Rauchen hat sie nicht lassen können, und dafür, dass sie gern die Nacht zum Tag machte, steht nicht nur jener Abend in Bombay, als das feudale Oberoi-Hotel die längst geschlossene Bar für die Choreografin und ihren Tross noch einmal öffnete, lange nach Mitternacht. Doch als sie nach der Premiere ihres jüngsten Stücks inmitten ihrer Tänzer den Applaus entgegennahm, wirkte sie doch wie immer, kein Gedanke daran, dass sie wenige Tage später einem Krebsleiden erliegen würde.
Nicht nur ihre Fans in Deutschland, die ganze Welt des Tanzes versank in einer Schockstarre. Jahrzehntelang war sie das weltweite Aushängeschild des neuen Tanzes gewesen, waren ihre Vorstellungen, überall in der Welt, im Handumdrehen ausverkauft und Karten kaum zu bekommen. Ihr ästhetischer Einfluss war immens; ungezählte Tanzstücke zwischen Adelaide und Rio, Toronto und Tokio zeigen es. Selbst dorthin, wo sie nie gastiert hat, ist sie vorgedrungen: Ihre Videos wurden unter der Hand weitergereicht. Im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts hat Pina Bausch die Welt des Tanzes verändert wie niemand sonst.
Ein junges Genie
An der Wiege war ihr das nicht gesungen worden. Gäste in der Kneipe ihrer Eltern in Solingen bemerkten, dass sich die kleine Philippine „wie ein Schlangenmensch“ bewegte. So gaben ihre Eltern sie in eine Kinderballettschule. Mit 15 wurde sie von der Tanzabteilung der Folkwang-Hochschule in Essen aufgenommen: die talentierteste Studentin, die es dort je gab. Nach Jahren in New York, wo sie in sich aufsaugte, was es dort an Neuem zu sehen gab, nahm sie einen Lehrauftrag in Essen an, tanzte im neu gegründeten Folkwang-Ballett von Kurt Jooss, und als es ihr dort zu langweilig wurde, begann sie zu choreografieren.
Arno Wüstenhöfer bot ihr 1973 die Leitung des Balletts in Wuppertal an. Sie hat Wuppertal nie mehr auf Dauer verlassen, plante nie auf Jahre hinaus, sondern tat immer nur, was im Augenblick nötig war. Gleichwohl verlief ihre Entwicklung überraschend gradlinig. Bald hatte sie alle Grenzen des zeitgenössischen Tanzes überschritten, alle Zäune niedergerissen und den Begriff des Tanzes neu definiert. Fortan stand der Name Pina Bausch für ein Theater der befreiten Körper und des befreiten Geistes, für ein Tanztheater der Humanität, das auf der Suche war nach Liebe, Zärtlichkeit und Vertrauen zwischen den Partnern – und nach einer neuen tänzerischen, mit Worten und Liedern angereicherten Sprache.
Verbesserung der Männerwelt
Am Anfang ihrer Wuppertaler Zeit choreographierte sie einige kurze Stücke, unter ihnen ihre grandiose Interpretation von Strawinskys Sacre du printemps sowie die beiden Gluck-Opern Iphigenie auf Tauris und Orpheus und Eurydike: wundervolle Stücke in traditioneller Modern-Dance-Manier. Den Vertrag mit der Tradition kündigte sie erst im Sommer 1976 auf, mit der Brecht-Weill-Choreografie Die sieben Todsünden, die nichts weniger als die Verbesserung der Männerwelt versuchte. Verwegen ausbalanciert zwischen Tanz, Theater und Showgeschäft bediente die Choreografin das Amüsierbedürfnis ihres Publikums, ohne darüber auch nur eine Handbreit ihres Engagements aufzugeben.
Praktisch alle Stücke der Choreografin behandeln nun Kernfragen der menschlichen Existenz und zwingen das Publikum unerbittlich, sich diesen Fragen zu stellen; erst das altersmilde gewordene Spätwerk weicht diese Härte ein wenig auf. Dabei ist die Angst – auch vor dem eigenen Versagen – ein wesentlicher Antrieb. Doch stärker als die Angst ist der Wunsch, geliebt zu werden. Aus dem Widerstreit dieser beiden Empfindungen entstehen in Bauschs Stücken die Konflikte, aber auch die Komik. Die Schritte, die Bewegungen, waren ihr nie das Wichtigste gewesen; interessiert hatte sie nie, „wie sich die Menschen bewegen, sondern nur: was sie bewegt“. Nachdem sie 1978 in Bochum mit Tänzern und Schauspielern an einer Version von Shakespeares Macbeth gearbeitet hatte, begann sie die Arbeit an jedem neuen Stück mit Fragen. Die Fragen provozierten die Tänzer zu Antworten: verbalen und körperlichen. Aus ihnen entwickelten sich theatralische und tänzerische Szenen, die die Choreografin dann zu einem größeren Ganzen verknüpfte.
Von der Mitte der achtziger Jahre an weiteten sich Bauschs Themen aus, mehr und mehr auch Themen des Umweltschutzes darunter. Zusammen mit ihren Tänzern suchte sie neue Eindrücke in der Ferne: in Rom und Madrid, Amerika, Japan und Indien, Brasilien und, zuletzt, Chile. Die Nachricht von ihrem Tod traf das Ensemble, das zunächst weiter bestehen bleibt, in Breslau; die beiden nächsten Spielzeiten sind voll durchgeplant. Doch das, was der Spielplan 2009/2010 noch hoffnungsvoll verkündet – ein Neues Stück 2010 – bleibt leider für immer ein leeres Versprechen.
ist Journalist und Tanzkritiker.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Juli 2009
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