Tanz und Theater

Bühnen mit Wanderlust – das „Internationale Forum“ beim Berliner Theatertreffen

Uwe Gössel, seit 2006 Leiter des Internationale Forums; Foto: Piero ChiussiDie Vernetzung der Theaterszene wird immer wichtiger. Unter den zum Berliner Theatertreffen eingeladenen Inszenierungen finden sich zusehends internationale Koproduktionen. Beim „Internationalen Forum“ gaben renommierte Theatermacher ihre Erfahrungen traditionsgemäß an Berufsanfänger aus aller Welt weiter. Und schließlich fand in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut das Symposium „Achtung Transit“ statt, bei der Fachleute weltweite Kooperationsmodelle diskutierten.

Die belgischen Theatermacher Ruud Gielens und Ivo Kuyl stehen an einer belebten Berliner Kreuzung und geben ihren Workshop-Teilnehmern letzte Instruktionen. Dann schwärmen die Lehrlinge aus. Der erste stimmt mitten auf einer Verkehrsinsel ein Lied an. Die zweite streift sich eine Badekappe über, springt auf den Rand eines kleinen Zierbrunnens und imitiert Schwimmbewegungen. Wieder andere tasten sich mit geschlossenen Augen an der Schwimmerin vorbei und versuchen, auf dem Bürgersteig voranzukommen. Die Passanten, die sie dabei berühren, bleiben irritiert stehen: Handelt es sich hier um eine spontane Demo, eine künstlerische Intervention oder schlicht um die Berliner Durchschnittsrealität, die ja bekann-termaßen auch mal schrägere Elemente enthalten kann?

Die Geschichte des Internationalen Forums

Interventionen im Berliner Wedding; Foto: Piero Chiussi„Die Welt um acht. Wirklichkeiten vorstellen“ lautet das Motto des 46. Internationalen Forums beim Berliner Theatertreffen. Im Gegensatz zum Herzstück dieser jährlichen Leistungsschau – den zehn bemerkenswertesten, von einer Kritiker-Jury ausgewählten Inszenierungen der Saison – findet jene Fortbildungsmaßnahme für junge Theaterprofis zwar außerhalb des Rampenlichts statt. Unterschätzen aber sollte man das Programm, das der Forumsleiter Uwe Gössel bewusst jenseits sklavischer Ergebnisorientierung und Verwertbarkeitslogiken konzipiert, deswegen nicht. 1965 ins Leben gerufen, ist das Internationale Forum die älteste kontinuierlich arbeitende Institution ihrer Art. Was anfangs nur als Informations- und Diskussionsveranstaltung für junge Theaterleute aus der Bundesrepublik geplant war, hat sich durch die Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut über die Jahre internationalisiert. Inzwischen treffen sich jährlich zirka 40 Berufsanfänger aus aller Welt – Regisseure, Dramaturgen, Bühnenbildner und Schauspieler bis maximal 35 Jahre – zu diesem zweiwöchigen Intensivkurs. Reise- und Hotelkosten, Eintrittskarten für die Theatertreffen-Inszenierungen sowie ein Tagegeld sind im Stipendium enthalten. Dass man auf der Liste ehemaliger Teilnehmer immer wieder über Namen stolpert, die es – wie die Regisseure Jan-Christoph Gockel, Wojtek Klemm oder Boris Nikitin – inzwischen an die Berliner Schaubühne, das Stary Teatr Krakau beziehungsweise zum renommierten Freie-Szene-Festival „Impulse“ geschafft haben, spricht für die Qualität des Internationalen Forums.

Wirklichkeit als Theater-Thema

Bühnenimprovisation; Foto: Piero ChiussiWas Wunder – wurden die vier parallel laufenden Workshops doch auch 2010 wieder von namhaften Künstlern geleitet, die sich dem Thema „Wirklichkeit“ aus gänzlich verschiedenen Perspektiven näherten und die Vielfalt aktueller Theatersprachen so auf der Höhe des Diskurses abbildeten. Während Ruud Gielens und Ivo Kuyl mit ihrer Intervention im Stadtraum die Spielrealität direkt mit der Alltagsrealität konfrontierten und gegenseitige Befruchtungsmöglichkeiten erforschten, suchten die türkischen Workshop-Leiter Mustafa und Övül Avkiran die „Wirklichkeit“ in biografischen Momenten der Teilnehmer sowie Musik- und Bewegungstheaterelementen. Der Videokünstler Chris Kondek und die Dramaturgin Christiane Kühl – bekannt vor allem durch ihr hintergründiges Finanzmarkt-Lehrstück Dead Cat Bounce, in dem mit den Eintrittsgeldern der Zuschauer live an der New Yorker Börse spekuliert wurde – konzentrierten sich erneut auf die „Wirklichkeit“ des globalen Kapitalflusses. Gemeinsam mit dem Bühnennachwuchs vertieften sie sich in Science-Fiction-Horror-Filme aus den 1960er-Jahren und entdecken überraschende Parallelen zwischen den Aliens von einst und dem Geld von heute. Und der Dokumentartheaterregisseur Hans-Werner Kroesinger schließlich fragte nach der „Wirklichkeit“ in historischen Überlieferungen: Die Teilnehmer seines Workshops „History Counts“ setzen sich anhand von Texten zum Völkermord an den Armeniern beziehungsweise dem Genozid in Ruanda mit Strategien der Geschichtsschreibung auseinander. Nicht nur die junge Bremer Dramaturgin Diana Insel gab anschließend zu Protokoll, viel darüber gelernt zu haben, wie man auf der Bühne pathos-, peinlichkeits- und klischeefrei harte Realitäten darstellen kann.

Internationale Theatermacher üben die Vernetzung

Interventionen im Berliner Wedding; Foto: Piero ChiussiUwe Gössel, der das Internationale Forum seit 2006 leitet, hat zu den meisten ehemaligen Workshop-Teilnehmern bis heute Kontakt. Ein wichtiges Ziel besteht natürlich darin, dass die jungen Theaterprofis sich auch untereinander langfristig vernetzen und den kulturellen Austausch zum Beispiel in die Stadttheater tragen. Denn während internationale Koproduktionen in der freien Szene mit ihren vergleichsweise flexiblen Strukturen schon aufgrund knapper Kassen längst an der Tagesordnung sind, täten sich viele Stadttheater damit noch vergleichsweise schwer. Dies bemängelten zumindest einige Teilnehmer des Symposiums „Achtung Transit“, die während des Theatertreffens 2010 mit Unterstützung des Goethe-Instituts erstmals Festivalgäste und eingeladene Experten in Workshops und Diskussionen zusammenbrachte. „Strukturell und mental befinden wir uns im Mittelalter“, beklagte etwa der polnische Regisseur und Ex-Forumsteilnehmer Wojtek Klemm den mangelnden Einsatz moderner Kommunikationsmittel zwischen den Theatern drastisch. Die Leiterin der Bundeskulturstiftung Hortensia Völckers stellte mit dem auf zwei Spielzeiten begrenzten Fonds „Wanderlust“ ein konkretes mögliches Gegenrezept vor: Mit bis zu 150.000 Euro fördert die Stiftung konzeptionell überzeugende Theaterpatenschaften. Derartige Zusammenarbeiten ergaben sich etwa zwischen dem Berliner Maxim Gorki Theater und dem Krakauer Narodowy Stary Teatr oder den Münchner Kammerspielen und dem Smeds Ensemble in Helsinki.

Export oder Austausch?

Dass sich die internationale Theaterarbeit zwischen Stadttheater und freier Szene, Kulturexport und Theater-Austausch schwer auf einen Nenner bringen lässt, zeigte auch die abschließende Podiumsdiskussion „Kulturnation Deutschland – Exportschlager oder Auslaufmodell?“ Dem deutschen Stadttheatersystem, das der Kulturmanager Michael Schindhelm dort im Grundsatz lobte, wünschte „Impulse“-Leitungsmitglied Matthias von Hartz zumindest einen gründlichen Flexibilisierungsschub. Und während Birgit Lengers, Leiterin des Jungen DT, die Perspektive internationalen Kulturaustauschs vor allem in gemeinsam erarbeiteten Projekten sieht, lässt sich die belgische Kuratorin und Chefin des Festivals Theater der Welt 2010 Frie Leysen gern mal von einer gänzlich fremden Produktion überraschen. Denn Arbeiten, die wie ein „Ufo“ einschweben, sorgten für produktive Irritation. Deutlich wurde so zweierlei: Zum einen, dass es für die internationale Vernetzung kein Patentrezept gibt; und zum zweiten, dass die Diskussion erst am Anfang steht.

Christine Wahl
ist Theaterkritikerin und Journalistin. Sie schreibt u.a. für Theater heute, den Berliner Tages-spiegel und Spiegel online.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Juni 2010

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