Interview mit Daniel Kok

Interview mit Daniel Kok


Ben Brooker im Gespräch mit Daniel Kok
  • Foto: Chris Frape
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Seit Daniel Kok seinen Master-Abschluss im Studienfach Solo/Dance/Authorship (SODA) am Hochschulübergreifenden Zentrum Tanz (HZT) in Berlin erlangt hat, widmet sich der Choreograf und Performer aus Singapur einem Thema, das er „spezifische Figuren der Performance” nennt. Diese findet er etwa beim Cheerleading, im Pole Dancing, bei Bondage-Spielen mit Seilen oder jüngst auch im klassischen indischen Tanz. Als Theoretiker (Kok hat ebenfalls einen BA im Fach Fine Art And Critical Theory am Londoner Goldsmiths College absolviert) setzt sich Kok immer wieder mit den Arbeiten des französischen Kurators Nicholas Bourriaud auseinander, der in seinem 1998 erschienenen gleichnamigen Buch den Begriff Relational Aesthetics prägte, den er folgendermaßen definiert:

Eine Reihe künstlerischer Praktiken, deren theoretischer und praktischer Ausgangspunkt nicht ein einzelnes privates Umfeld ist, sondern die Gesamtheit der menschlichen Beziehungen in ihrem jeweiligen sozialen Kontext.

„Seit 2011 mache ich Objekte, Installationen und Videos“, erzählte Kok mir in einer E-Mail, „während dieser Zeit habe ich aber immer schon nach Argumenten gesucht, stattdessen lieber als Choreograf zu arbeiten.“ Wie aber nähert sich Kok der Choreographie konkret an? Immerhin steht diese wie die objektorientierte Kunst in der Tradition, einseitig ausgerichtet zu sein. „Ich sehe die Choreographie als ein bestimmtes Feld der Wissensspezifizierung“, erklärt Kok seinen Ansatz. „Dieses kann auch andere Disziplinen beeinflussen und bereichern, die sich eingehend mit der Dynamik sozio-kultureller Interaktion befassen, etwa wie oben erwähnt die bildende Kunst, aber auch Design oder Anthropologie.“

Erstmals in Berührung gekommen bin ich mit Koks Arbeiten durch das Stück Bunny, eine Zusammenarbeit mit dem gebürtigen Australier Luke George, der in New York als Choreograf und Performer arbeitet. Das Stück hatte im Jahr 2016 in Sydney Premiere und wurde im gleichen Jahr beim OzAsia Festival in Adelaide aufgeführt, wo ich es auch gesehen habe. In meiner Kritik in RealTime (Ausgabe 135, Oktober/November 2016) beschrieb ich das freche und erotisch aufgeladene Stück mit Bezügen zur heimlichen Welt der Fesselspiele so:

Es [das Stück] hinterfragt auf erfrischend grenzüberschreitende Weise die Begriffe Zustimmung, Privatheit, Vertrauen, Macht, kollektive Verantwortung und moralisches Verhalten. Dabei vermittelt es durchgehend eine Atmosphäre von Sicherheit, und obwohl im Lauf der Aufführung immer mehr konventionelle soziale und theatralische Grenzen überschritten werden, werden alle Anwesenden – Darsteller, Teilnehmer und Beobachter – für einen Moment quasi durch ein unsichtbares Band miteinander verbunden.

Beim Bondage bezeichnet man denjenigen, der den anderen fesselt, als Rigger und den Gefesselten als Bunny. Normalerweise nimmt die devote Frau die Bunny-Rolle ein, während ein heterosexueller Mann als Rigger fungiert. Als homosexuelle Künstler fanden Kok und George es allerdings spannend, diese heteronormativen Aspekte auf den Kopf zu stellen und eine „feminine“ Ästhetik einzuführen. So waren die Seile nicht in natürlichen Farben gehalten, sondern bunt, und die Fesseln an den Handgelenken erinnerten an Armbänder, wie junge Mädchen sie gerne tragen. Durch das „tuntig“ anmutende Setting bekamen Haushaltsgegenstände wie ein Staubsauger, Feuerlöscher oder eine Topfpflanze plötzlich eine fantasieanregende Funktion zugewiesen, und so mancher Zuschauer wurde durch Seile und anderes Zubehör gar zum Objekt degradiert. Laut Kok haben er und George sich zu Anfang die Frage gestellt, was mit dem Bondage-Milieu passiert, wenn man es auf einmal aus homosexueller Sicht betrachtet: „Anfangs gibt es noch dichotome Beziehungen wie männlich-weiblich, homo-hetero, oben-unten, dominant-devot, Künstler-Publikum, aber am Ende haben wir einen gemeinsamen Raum geschaffen, der offener, durchlässiger, einfacher queerer ist.

„Mit Bunny”, so Kok, „spielen wir gewissermaßen mit den sozialen Grundregeln, die einer Theateraufführung zugrunde liegen. Irgendwann kam bei der kreativen Auseinandersetzung mit dem Thema der Punkt, an dem wir gemerkt haben, dass wir das dem Bondage zugrundeliegende Machtgefüge nicht mehr außen vor lassen konnten. Im Bondage ensteht Intimität durch Ergebung, Vertrauen, das Spielen mit Verboten, das Ausführen von Pflichten, das Austesten von Grenzen und schließlich durch das Entdecken ganz neuer Sehnsüchte.“ Genau dieses komplexe Wechselspiel von Zustimmung und Verweigerung, Vertrauen und Verdacht, Verlangen und Abscheu macht Bunny zu einem faszinierenden Erlebnis und einer ganz neuen Erfahrung für den Zuschauer, werden doch traditionelle Performance-Hierarchien aufgebrochen: Das Publikum nimmt nicht nur die Rolle des Betrachters ein, sondern wird aktiv in das Stück miteinbezogen.

Dabei wird die konventionelle Zuschauer-Künstler-Beziehung nicht nur aufgehoben bzw. umgekehrt, sondern durchaus auch kritisch betrachtet. Die athletischen, beinahe nackten und schweißüberströmten Körper von Kok und Luke ernten unsere sehnsüchtigen Blicke, und es gibt Momente (etwa, wenn eine Zuschauerin an den Händen gefesselt und ihre Geldbörse durchsucht wird), die zwar jede Menge schadenfreudiges Gelächter erzeugen, aber dennoch die Grenze von Privatheit und Vertrauen eindeutig überschreiten.

Trotzdem schaffen es Kok und Luke, eine Atmosphäre zu erzeugen, die zwar nicht immer von Sicherheit geprägt ist, die aber das gegenseitige Einverständnis offenbar ständig neu austariert. Die Zuschauer dürfen die Aufforderungen des Duos, gefesselt oder eine Augenbinde umgelegt zu bekommen, auch zurückweisen (was sie auch dann und wann tun), und bei den teilweise aufwendigen Fesselaktionen fragt George die Freiwilligen ständig nach ihrer Befindlichkeit. „Nicht jeder kommt unseren Bitten nach“, erklärt Kok. Trotzdem glauben wir, dass wir trotz einiger Weigerungen, bei den Fesselspielen mitzumachen, einen gewissen sozialen Raum etablieren, indem wir das Beziehungsgeflecht, das innerhalb des Publikums existiert (oder auch nicht existiert), offenlegen. Wir möchten die Leute herumkriegen und manipulieren, allerdings niemals in eine Falle laufen lassen.“

Bunny wird im Februar im Rahmen des Melbourner Meat Market bei der Eröffnung des Asia TOPA (Asia-Pacific Triennial of Performing Arts) Festivals vier Mal aufgeführt. Kok denkt derweil schon an zukünftige Projekte – ein Prozess, der angesichts der bevorstehenden Präsidentschaft von Donald Trump in den USA allerdings deutlich verkompliziert wird, stellt er vor diesem Hintergrund doch sowohl seine eigene Arbeit als auch seinen Stellenwert als Künstler und Individuum in Frage. „Die ethischen Fragen, die meine choreografischen Arbeiten beinhalten, empfinde ich restriktiv und stimulierend zugleich“, erklärt Kok. „Indem ich versuche, die Grundregeln der Choreografie zu beachten, schütte ich gewissermaßen immer mehr das Kind mit dem Bade aus. Anscheinend wird im Bereich Tanz immer weniger getanzt.“

Wie also wird Koks Choreografie auf Trumps quasi-faschistische Bigotterie reagieren? „Ich werde etwa versuchen, mit noch mehrdeutigeren sprachlichen Mitteln zu arbeiten“, verrät er, „und die formverändernde Bewegung das Tanzes noch eingehender studieren. Derzeit finde ich in klassischen indischen Tanzformen wie kutiyattam oder mohiniyattam viele neue Ideen, um Dinge darzustellen, miteinander in Beziehung zu setzen und Bewegung auszudrücken.“

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