Gedanken

2020

  • Copyright: Alvin Shen
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Von Toccata Studio

2020 ist offenbar eine so eigenartige wie faszinierende Zahl: Es ist eine Zahl, die in der Zukunft liegt, und gleichzeitig eine Zahl der Zukunft. Denk man in Malaysia an die Jahrtausendwende, stellt man sich fliegende Autos vor, die vor einer Wolkenkratzerkulisse umherschwirren - Maschinen und modernste Infrastrukturen als Symbole des Fortschritts und des Wohlstands. In Kuala Lumpur, der Hauptstadt von Malaysia, findet man durchaus solche Strukturen, aber der Rest bleibt schwer vorstellbar. Für die jetzt und hier arbeitenden Künstler bedeutet das bevorstehende Jahr 2020 sowohl Angst als auch Vorfreude: Wenn 2020 ein Wendepunkt ist, wie weit können wir uns dann noch zukunftsgerichtet entwickeln und gleichzeitig von dem Wechsel profitieren? Wenn 2020 wirklich ein neues Zeitalter beginnt, wie wollen wir dann das jetzige bewahren und fördern?

I’m from 2020 („Ich komme aus dem Jahr 2020”) ist der Untertitel, der diesem schwer greifbaren Prozess mehr Konturen verleihen soll: Für wen oder was steht „ich“, wo und was ist 2020; und wer sind wir, die danach streben? Als Kunstprojekt präsentiert sich 2020 als ein interdisziplinäres Performance-Angebot, das sich mit verschiedenen Vorstellungen der Zukunft befasst. Dabei werden auch kleine, aber dennoch nicht unbedeutende Initiativen vorgestellt, die sich mit dem Thema Zukunft beschäftigen, etwa in runden Tischen oder Veranstaltungen, die Einblicke in Archive gewähren. Zur Themenstellung „Zukunft“ gehören bei dem Projekt auch verschiedenen Auffassungen von Zeit und jener „100 % Sehkraft“, die man im Englischen mit 20/20 vision bezeichnet: In einer Performance sieht das Publikum genau das, was der Künstler sieht, entweder direkt oder mit anderen Mitteln. Es handelt sich dabei um eine passive Art des Sehens, die nur in einem durch die Vision des Künstlers entstandenen Zeit-Raum-Gefüge existiert. Im Gegenzug bzw. als Ergänzung werden soziale Initiativen vorgestellt, etwa die Gespräche am Runden Tisch oder die Archiveinblicke, in denen Erzählungen und Geschichten festgehalten werden und so selbst zur „Geschichte“ werden.

Aber was ist die „perfekte Sehkraft” bei einem Runden Tisch oder bei Archivöffnungen, in denen Dokumentationen und Reportagen präsentiert werden? Vielleicht das Auge des Direktors und die Stimme des Moderators? Der gezielte Blick, lehrreiche Vorträge. Das, was wir suchen, ist jedoch etwas Anderes: Wir wünschen uns, dass all diese Sichtweisen, inklusive der des Künstlers, freimütig und offen hinterfragt werden können, quasi als perfektes Sehvermögen eines Zeitalters, das von einem fortschreitenden Zerfall der Wahrheit geprägt ist. Die perfekte Sehkraft besteht also von vielen Augen und vielen Meinungen, die ihre Urteile mit kritischem und leidenschaftlichem Blick fällen.

In der 2016 bevorstehenden Performance I’m From 2020geht es um eben diese Suche, und, was noch viel wichtiger ist, die gemeinsame Suche. Menschen aus verschiedenen Zeiten und mit unterschiedlichen Erfahrungen treffen in einem Raum-Zeit-Gefüge aufeinander, und sie alle sind auf der Suche nach 2020. Am Anfang kämpfen sie noch gegeneinander. Aber bei der Suche geht es auch ums Überleben, und das, so stellen sie fest, muss nicht unbedingt auf Kosten des anderen sichergestellt werden. Vor dem Hintergrund der Globalisierung und in einer immer enger vernetzten, aber auch immer konfliktreicheren Welt, ist das Überleben schlichtweg ein Wettrennen. Genau darum geht es bei 2020: In der Aufführung im Jahr 2015 sahen wir geklonte Figuren, die mit unmittelbarem Bezug zu zeitgenössischen Vorstellungen von Gleichheit und Andersartigkeit entstanden waren. Ihre Unfähigkeit, selbst nach einer gemeinsamen Zeitreise, die sie vollbringen mussten, um im gleichen Raum zu sein, miteinander in Kontakt zu treten, reflektiert unsere Hoffnungen und Ängste, die unsere Existenz, in der wir letztlich immer mit uns allein sind, mit sich bringt.

Zu den in der Performance von 2015 thematisierten Vorstellungen von Gleichheit und Verschiedenheit gehört auch die Angst vor Konformität und dem Unbekannten. Vielleicht erinnert uns 2020 ja auch an unsere schwindenden Ressourcen und die Tatsache, dass wir, wenn wir schon nicht im Wettlauf mit anderen sind, uns doch im Wettlauf mit der Zeit befinden. Was bedeutet eigentlich genau Kooperation und Zusammenarbeit? Wie funktionieren die Machstrukturen innerhalb verschiedener Interessensgruppen, in mehr oder minder aufgeklärten Gesellschaften und in einem Umfeld des Machtmissbrauchs? In einer politischen Koalition setzten sich die Führungskräfte am Runden Tisch zusammen und diskutieren ihre Pläne für die Zukunft, bevor sie einen Kompromiss ausarbeiten – so entsteht ein Konsens aus unterschiedlichen Zukunftsvisionen. In der darstellenden Kunst sitzen vielleicht Künstler, Darsteller und Publikum ebenfalls an einem solchen Tisch.

Obwohl das Publikum scheinbar passiv auf den Plätzen sitzt, gestaltet sich jede Live-Darbietung aus der jeweils durch die Zuschauer transportierten ganz eigenen Energie immer wieder neu. Beide Seiten gehen einen atmosphärischen Dialog ein: Stellen, an denen eine Publikumsreaktion geplant ist, werden manchmal non-verbal akzeptiert oder aber die Zuschauer reagieren mit Verwirrung oder auch Ablehnung. Das Schöne an einer Aufführung und wohl auch an allen Formen der Kunst ist es, dass jeder Betrachter das Gezeigte individuell interpretiert. Jede Art der Reaktion unterscheidet sich ein wenig von der anderen und existiert für sich, kann aber dennoch durch den jeweils gleichen Bezugsrahmen jedem einzelnen Zuschauer einen direkten Weg in die Zukunft aufzeigen.

Diskussionen am Runden Tisch, bei denen die Teilnehmer einerseits nackt und verletzlich sind, sich auf der anderen Seite jedoch hinter Worten und ihren Bedeutungen verstecken können, bringt die oftmals nach einer spannenden Aufführung herrschende erhabene Stimmung wieder auf eine nüchternere Ebene. Was kommt als nächstes? Die verbale Sprache folgt bestimmten Bewegungsmustern. Man spricht nicht gerne zu Menschen, die im Kreis sitzen. Schließlich leben wir in einer Welt, in der das Selbstwertgefühl von Arbeit und Produktivität bestimmt ist, die Faktoren Beruf und Karriere die persönlichen Leistungen des einzelnen messen, dazu wirken noch institutionalisierte und systemisch aufgebaute Machtgefüge im Hintergrund.

Das wachsame Auge eines Archivars könnte genau diese Umstände aufdecken: Ganz normale Leute von nebenan, die sich durchs Leben schlagen, immer auf der Suche nach Sinn und Motivation für den Fortschritt. Geschichten, die fesselnd sind, weil sie Perspektive haben: Was sehen wir im Fokus der Kamera? Das Archiv-Projekt 2020 ist schon eine seltsame Sache. Es ist Teil eines Projekts zum Thema Zukunft, hält dabei gleichzeitig die Gegenwart fest und benennt und verbindet dabei die Fragmente und Vignetten eines vielschichtigen Themas. 2020 wird hier festgehalten als ein Projekt, das mit der Zeit voranschreitet und gleichzeitig den Fortschritt antreibt – es soll über seine Grenzen hinaus durch ein Kameraobjektiv hindurch Sinn ergeben. Das ist ein spannendes, aber auch recht beängstigendes Unterfangen.

Vielleicht folgt auch das Wesen der Zusammenarbeit genau diesen Strukturen: Sie besteht aus unzählige Reisen, die zu einem von vielen Ufern und Wegen zusammenlaufen und entschlossen auf eine gemeinsame Vision zusteuern, auf eine Zukunft, die aus sorgfältig geplanten Manövern und Kompromissen fußt. Eines dieser vielen Ufer ist die Kunst. Manchmal ist sie eine formende Hand, ein reflektierender Spiegel, vielleicht sogar beides – ein Einfluss auf die „echte“ Welt, aus der heraus Kunst überhaupt erst entsteht. Das Kunstprojekt 2020 möchte genau dies sein: eine Hand, eine reflektierende Oberfläche, ein Objektiv – eine Abbildung der Gegenwart, durchlässig und fehlerhaft, vielfältig, aber dennoch ein eigenständiges Subjekt, das genau wie das Leben selbst aktiv auf die Zukunft zusteuert.

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