Paschal Daantos Berry

Beides gehört zusammen. Schmale Durchgänge. Zwischen den Kulturen.



Von Paschal Daantos Berry


I.
Ich brauchte über 21 Jahre, um in meine Heimat zurückzukehren. Ich musste die Philippinen 1984 als 11-jähriger verlassen und war zwischen den Kulturen hin- und hergerissen. Einerseits badete ich in Nostalgie, andererseits beäugte ich die neue Kultur mit Missachtung. Es ist für einen Migranten in Australien wohl normal, dass er ständig dem Kampf der Kulturen ausgeliefert ist. In einem neuen Sprachraum navigieren zu müssen, sowohl im wörtlichen als auch abstrakten Sinn von Kommunikation, lässt in einem die Neugier erwachsen, sich neue Umgebungen und neue soziale Kontakte zu erschließen. Ich ging auf die Kunst- und Schauspielschule, war auf der Suche nach einer „universellen“ Sprache, einem künstlerischen Vokabular. Ich versuchte, herauszufinden, was die Galerien gerne ausstellten, welche Art von Schauspiel gut ankommt und welche Stücke gerade produziert wurden. Je älter ich werde, so scheint es, desto weniger glaube ich an diese „universelle“ Sprache und jenes künstlerische Vokabular. Mir ist nämlich sehr rasch klar geworden, dass es bei Aufführungen viel mehr auf die eigene spezielle Wirkungsweise und persönlichen Eigenarten ankommt.

Auszug aus einem Reisetagebuch. Makati City, Philippinen. Dezember 2015.


II.

Wir haben uns im obersten Stockwerk des Papet Museo in einem Kreis versammelt und schauen zu, wie sich Ea Torrados Daloy Dance auf der Bühne präsentiert. Wir begrüßen das Publikum, das gerade Platz nimmt.

Es ist unheimlich heiß und schwül. Die Hitze kommt direkt aus den dicken, unverputzten Betonwänden, und wir sitzen zusammengekauert auf dem Boden.

Ich denke. Die Knochen meiner Schienenbeine ratschen auf dem Betonboden herum. Die Wände geben enorme Hitze ab.

Und plötzlich wird mir klar, dass sogar mein australisch geprägtes Unterbewusstsein inzwischen zuerst an Sicherheit denkt als an die verdammte Kunst.

Ich glaube, mein Dasein als Kurator wird inzwischen von Angst beherrscht.

Eintrag in meine IPhone Notizen. Quezon City, Philippinen. Mai 2015.


III.

In der Kunst verteidigen und predigen wir stets das Multikulturelle als Teil unserer Ideale. Ich möchte nicht in die Opferrolle verfallen, aber ich fand das noch nie richtig.

In unserem Sektor ordnen wir „Kultur” immer gerne schnell in bestimmte gesellschaftliche Schubladen ein, je nach dem, in welchen Bevölkerungsschichten mit Migrationshintergrund oder indigenen Gruppen diese entstanden ist. So hat man bei uns immer schon gerne nicht-englischsprachige Künstler als Randerscheinung abgetan.

Wir finden es leichter, diese Werke in multikulturelle Programme abseits des Mainstreams einzubetten. Als junger aufstrebender Künstler habe ich gerne mit diesem Label gearbeitet. Vielleicht dachte ich, dass ich mir so langfristig eine Karriere aufbauen konnte. Das Ethnic Council Of NSW ist wirklich ein Geschenk, ebenso die engagierte Arbeit von Leuten wie Barry Gamba und Bruce Keller; Cheryl Yin-Lo von Downstairs Belvoir und Lex Marinos von Carnivale. Und natürlich Performance Space.

In dem Moment, in dem mir klar wurde, dass ich mit meinen Werken die Vielfalt der Kulturen und Formen von Australien, wie ich es kannte, darstellen wollte, war die Erkenntnis, dass ich nicht um ein bestimmtes Publikum betteln wollte, eine echte Befreiung. Ich wusste, dass ich mein Publikum irgendwie finden würde und hatte auch schon genau vor Augen, wen ich ansprechen wollte.

Eintrag in meine IPhone Notizen, Überschrift: „Dieser wütende Typ“. Sydney, Australien. November 2012.


IV.

5. FRAGEN:
A. Wie finanzieren wir das ANINO Projekt? Erlaubt das Budget die Anfertigung einer Laterne? Gibt es eine Gebühr für das Karnabal Festival?

B. Was haben die Menschen vor Ort davon? Wie können wir tatsächlich einen Beitrag zum Leben dieser Menschen leisten, statt einfach nur aus ihrem Leben Kunst zu machen? Geht es hierbei auch darum, ein Bewusstsein für die Belange innerhalb einer gesellschaftlichen Gruppe zu schaffen?

C. Wie lösen wir das Problem, dass Übersetzer oft ineffizient arbeiten? Woher nehmen wir einen Übersetzer, der die Sprache der Kunst versteht und interpretieren kann? Und wer bezahlt das?

Auszug aus einer Facebook Messenger Diskussion zu einer Zusammenarbeit zwischen der japanischen Performancekünstlerin Natsuki Ishigami und dem Anino Shadowplay Kollektiv. Manila, Philippinen. Dezember 2015.


V.

Es war ein komisches Gefühl, ein Stück zu entwickeln, von dem ich zunächst glaubte, dass der zentrale Punkt der Text ist. Aber nach meinem Besuch in Laguna, wo ich mit Anino vom Shadowplay Kollektiv gespielt habe, musste ich mein Konzept überdenken: Ich habe die mit den Worten verbundenen Vorstellungen reduziert, besonders die Abstraktionen. Diese neue Art zu arbeiten habe ich als beängstigend, aber auch bestärkend erlebt. Aber ich habe noch nie ein Problem damit gehabt, gutes Material auch loslassen zu können. Wie auch bei meinem vorherigen Stück The Folding Wife wird der Text wohl eher eine Art Grundidee sein. Man kann ihn leicht wegdenken oder auf eine viel konkretere Darstellungsebene heben. Ich sehe den Text sogar schon als Tanz vor mir. Die Stadt als Fiktion, als brutale Erinnerung und als schnelllebiges Umfeld ist immer eine sehr ergiebige Materialquelle. Diese Arbeit war aus meinem Wunsch heraus entstanden, dass ich schreiben wollte. Inzwischen glaube ich, dass der gesamte Text verschwinden wird. Ich ergebe mich sozusagen einmal mehr der viel aussagekräftigeren und reduzierten Kraft des Bildes bzw. der Einfachheit des Bewegungsvokabulars. Und trotzdem sind da noch diese ganzen unausgesprochenen Worte, die in der geschlossenen Textschublade lauern!

Vielleicht habe ich das Theater hinter mir gelassen.

Within And Without Development Journal. Sydney, Australien. Januar 2011.


VI.

Meine Geschwister und ich wurden als Cebuanos geboren. Unsere Eltern waren Warays. Meine Mutter war eine Marcos-Anhängerin, hat sich aber dann hier in Australien von ihm abgewandt. Mein Vater war politisch links orientiert. Wir haben alle viele Sprachen gesprochen. Meine Eltern glaubten, dass Englisch die Sprache der Zukunft sei. Wir wuchsen mit Walt Whitman, Lord Byron, John Keats und Wilfred Owen auf. Meine Mutter liebte Nick Joaquin, einen philippinischen Autor, der auf Englisch schrieb und eine sehr romantisierende Vorstellung der spanischen Ära hatte. Ihr förmliches Englisch war immer sehr belustigend. Mein Vater malte vom byzantinischen Stil inspirierte religiöse Gemälde mit lateinischen Beschriftungen. Wir sind mit Hass auf die Japaner und Neid auf die Chinesen aufgewachsen.

Als Kind habe ich Grenzen immer bewusst wahrgenommen. Ich habe geographische Gegebenheiten erlebt und beobachtet, dass Erwachsene in einer kodierten Wirklichkeit leben, wo z.B. Begräbnisse immer nach einem festgelegten Schema stattfinden. Ich wusste, wie man sich gegenüber seinen Eltern oder seinem Dienstmädchen verhält. Ich sollte das Gefühl haben, zur gut gebildeten Mittelschicht zu gehören. Man brachte mir bei, für seine philippinischen Ideale sogar sterben zu wollen und dass es ein würdiger Tod sei, im Kampf für seine eigene Sprache sein Leben zu lassen. Es hieß, Russland sei ein totalitärer Staat, die USA eine Demokratie. Und die Philippinen … naja, eine Republik.

Die Begriffe Identität und Zugehörigkeit wurden mir schon immer nahegelegt. Meine Mutter heiratete einen Australier, als ich 10 war und wir zogen nach Ceduna im Süden Australiens. Meine philippinischen Verwandten habe ich seit 1984 nicht mehr gesehen. Wir sind jetzt über Facebook in Kontakt. Mein Stiefvater hat uns mal erzählt, dass es vergebliche Mühe sei, den Aborigines Bildung nahezulegen. Er war Boxer und ein Anhänger von Muhammad Ali, aber nur zu der Zeit, als dieser sich noch Cassius Clay nannte. Meine Mutter war Akademikerin und Spezialistin auf dem Gebiet der Früherziehung von Aborigine-Kindern. Die weißen Kinder mochten uns. Die Schwarzen gaben uns immer High-Five. In einem Umfeld, in dem es immer wieder zu rassistisch motivierten Übergriffen kam, waren wir mehr als nur toleriert. Mein Bruder gewann in unserer Region sogar die Auszeichnung Young Citizen Of The Year.

Meine Mutter bekam das Pendant für Erwachsene. Wir waren eine Art Vorzeigemigranten. Mit meinen Geschwistern sang ich bei Vorstellungen im örtlichen Altenheim vierstimmige Harmonien. In der Öffentlichkeit sprachen wir immer Englisch, mit meiner Mutter Cebuano. Wenn unser Vater im Raum war, sprachen alle Englisch. Als Pauline Hanson auf der politischen Bildfläche erschien, war er von ihr sehr angetan.

Ich liebte meinen Stiefvater.

Ich schreibe, spreche und denke Englisch. Mein Cebuano ist ganz akzeptablel. Mein Tagalog muss für alle, die die Sprache sprechen, grausig klingen. Spanisch erscheint mir derzeit noch bedrohlich, aber ich würde es gerne beherrschen. Manchmal denke ich, dass die Zukunft in einem Theater ohne Textdrehbuch liegt und Sprache der Wahrheit nur im Weg liegt. Ich entwickle gerne Tanzdramaturgien, obwohl der Tanz sich in letzter Zeit viel zu verbissen als Theater versteht. Komischerweise wird mir mein ethnischer Hintergrund als Cebuano mit zunehmendem Alter immer wichtiger. Wahrscheinlich ist das so, wenn man seine Eltern beerdigen muss.

In Manila fühle ich mich wie ein Hochstapler. In Cebuo bin ich ein Kind, das nach seinen Wurzeln sucht. In Ceduna sind meine philippinische Mutter und mein australischer Stiefvater begraben. Von ihrer Ruhestätte aus können sie quasi aufs Meer blicken und Zeuge werden, wie der Sand die Landschaft in Besitz nimmt. Beim Schreiben fühle ich mich wie ein Archäologe, der Ausgrabungen macht. An der Uni war ich in Archäologie immer schlecht. Meine weltlichen Besitztümer sind meine Haushaltsgeräte, mein Bett und ein paar Koffer voller Zeichnungen und Texte.

Mein Besitz ist meine Sprache.

Veröffentlicht in Critical Dialogues, Issue 6, 2016
Auszug aus Border Language, Erstveröffentlichung in der Zeitschrift Dialogues des Performance Space Translab. Sydney, Australien. Mai 2010.

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