Choerolab

Das Southeast Asian choreolab 2015



von Joelle Jacinto

Die Choreografen hatten einen ganzen Vormittag mit körperlichen und räumlichen Erfahrungen verbracht, als der choreolab Initiator Arco Renz eine ungewöhnliche Bitte an sie richtete: Sie sollten allesamt nach der Mittagspause fünf Dinge mitbringen. „Was für Dinge denn?“, kam die Rückfrage. „Alles, was ihr wollt“ lächelte Arco zurück. Sein Lächeln hatte jedoch etwas Schelmisches an sich, denn als sie zurückkamen, sollten die Teilnehmer alle Dinge „in die richtige Reihenfolge“ bringen. „Welche Reihenfolge denn?“, wollten sie prompt wissen, woraufhin er mit dem gleichen wissenden Lächeln entgegnete: „In die, die sich für euch richtig anfühlt“. Das war der Auftakt zum 2015 Southeast Asian choreolab im Kunstzentrum Rimbun Dahan in Selangor in Malaysia, in dem sich Choreografen aus der Region der Frage widmeten: „Was bedeutet eigentlich richtig, und wie setze ich meine Interpretation des Begriffs konkret um?“

Darlane Litaay aus Nord-Papua in Indonesien hatte einige Naturmaterialien aus dem weitläufigen Areal um Rimbun Dahan herum gesammelt. Seine Vorstellung, diese in die richtige Reihenfolge zu bringen, war sinnigerweise, diese wieder dorthin zurückzubringen, wo er sie gefunden hatte: hier ein Zweig, da ein paar Blätter, dort einige Kieselsteine. Arco fand dennoch, dass dies sich „irgendwie nicht richtig anfühlte“, was aber wohl daran lag, dass niemand Darlane beobachten konnte, als er die Dinge zurückbrachte. Auf einmal wurde allen klar: Choreografieren heißt nicht nur, etwas zu tun, sondern auch, es anderen zu zeigen. Damit wurde den fünfzehn Teilnehmern schlagartig bewusst: In den nächsten Tagen mussten sie einfach auf alles vorbereitet sein.

Die fünfzehn für dieses choreolab ausgewählten Choreografen stammen aus acht verschiedenen südostasiatischen Ländern. Einige hatten schon ein gewisses Renommee, allerdings noch keinen großen Durchbruch erlangt, andere waren Tänzer oder Theaterkünstler, die sich gerade erst ins Feld der Choreografie heranwagten. Arco hatte einige Teilnehmer, mit denen er schon gearbeitet hatte, explizit für dieses Projekt empfohlen, um ihre Karriere als Choreograf voranzutreiben und ihnen dafür das nötige Rüstzeug mitzugeben. Dazu gehörten Fadilla Oziana aus West-Sumatra, Indonesien, Chy Ratana aus Kambodscha und die aus den Philippinen stammende Lygie Carillo. Diese hatte er bereits in verschiedenen Projekten kennengelernt und deren außergewöhnlichen Ansatz beobachtet, Bewegungen bzw. Tanzschritte zu gestalten. Zu den restlichen 15 Teilnehmern zählten Tan Bee Hung und Faillul Adam aus Malaysia, Siko Setyanto aus Indonesien, Eng Kai Er und Foo Yun Ying aus Singapur, Thanh Nguyen Duy (Buddha) aus Vietnam, Nitipat Pholchai (Ong) und Sonoko Prow aus Thailand, Ounla Phaoudom (Kaka) aus Laos und Al Bernard Garcia sowie Japhet Mari Cabling (JM) von den Philippinen.

Los ging es mit 40-minütigen Sessions, die für die Choreografen nicht nur ein Warm-Up waren, sondern auch dazu dienten, sich dem Rest der Gruppe vorzustellen. Erfreulicherweise ergänzten sich einige Sessions hervorragend, etwa Bee Hungs and Buddhas Einzelsessions, bei denen es um das Thema Bodenkontakt ging, und Yun Yings und Ongs Sessions, die beide am selben Morgen auf dem Plan standen. So unterschiedlich diese waren, so ähnlich waren die sensorischen Übungen: Vorgestellt wurden taktile Signale, die Bewegungsreize und partnerschaftliche Strategien anregen sollten.

Siko gestaltete seine Session mit einer bekannten Impro-Übung: „Schreibe mit deinem Körper deinen Namen”. Allerdings hob er das Niveau an – seine choreolab Partner sollten die Dynamik spielerisch für sich nutzen, dazu gab er nach jeder Runde ein paar neue Impulse und Sprünge vor. Interessanterweise zeigten die Choreografen in ihren Sessions nicht nur ihre Fähigkeiten, sondern reagierten auch sichtbar auf das durch Siko angehobene Level. Auch in einer von Arcos späteren Sessions wurde dies erkennbar, als er die Choreografen bat, ein bestimmtes Bodenmuster zu komponieren. Diese Aufgabe baute er dann noch weiter aus, indem er immer wieder Änderungen in verschiedener Anzahl einfügte.

Nicht nur die einzelnen Sessions und Arcos Aufgabenstellungen regten einen intensiven Austausch innerhalb der Gruppe an. Es standen auch gemeinsame Ausflüge nach Kuala Lumpur auf dem Programm, wo man sich zusammen Aufführungen und kulturelle Einrichtungen ansah und sich beim Mittagessen intensiv unterhielt. All das sorgte für ein ausgeprägtes Wir-Gefühl. Manchmal traf man sich auch abends bei einem der Teilnehmer zuhause und ließ die Ereignisse des Tages Revue passieren. Hier konnte man besprechen, was im Studio erarbeitet wurde und wo jeder Einzelne innerhalb der Gruppe steht. Auch vergangene, aktuelle und zukünftige Projekte standen auf der Themenordnung, und jeder konnte dem anderen den Zustand der Szene im eigenen Land beschreiben. Und manchmal gab es auch Scherze darüber, in wieweit eine bestimmte kulturelle Praxis sich „richtig“ anfühlt.

Die Teilnehmer erhielten auch Besuch von sogenannten Zeitguests, die kurze Vorträge zu Themen außerhalb der Choreographie hielten. So hatte etwa der Produzent Bilqis Hijjas Elina Noor als Referentin eingeladen. In ihrer Rede ging es um regionale Sicherheit und die Frage, was es bedeutet, in einem ASEAN-Staat zu wohnen. Kaili Ding hielt einen Vortrag zum Thema Finanzen, Jillian Ooi referierte über die Notwendigkeit, Seegrass zu schützen. Sinn und Zweck dieser Einschübe war es, einmal aus der Tanzroutine und dem ganzen Kosmos aus Tanz und Choreografie auszubrechen, um daraus wiederum möglicherweise neue Ideen für zukünftige Tanzprojekte zu gewinnen.

Der letzte Programmpunkt des choreolab endete mit einer informellen Präsentation im Tanzstudio. Am interessantesten waren dabei jene Vorführungen, die die Zusammenarbeit unter den Choreografen zeigten und die Sessions, die wiederholt wurden, um zu zeigen, wie sich diese unter Hinzunahme neuer Elemente verändert hatten. Die konzentrierte Energie der Woche war deutlich zu spüren, und einige der Teilnehmer wussten schon genau, mit welchen Choreografen sie fortan zusammenarbeiten wollten. Die Vorfreude auf die gemeinsamen Projekte lag schon förmlich in der Luft. Man darf hoffen, dass daraus bald etwas ähnlich Spannendes erwächst, über das man in Kürze in Tanzconnexions berichten darf.

Das Southeast Asian choreolab 2015 ist ein gemeinsames Projekt von Rimbun Dahan und World Dance Alliance Asia-Pacific und wird vom Goethe-Institut Malaysia unterstützt.

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