Eodom Corpore

Eodom Corpore – 9. Teatro Ambahanon Director’s Prize Competition



SM Mall, General Santos City, Philippinen, 20. bis 21. November 2015
Kritik von Bilqis Hijjas

Die Stadt General Santos City würdigt den Contemporary Dance mit einer außergewöhnlichen Show – und sie ist eindeutig der Star des Abends bei der neunten Auflage des Wettbewerbs Teatro Ambahanon Director’s Prize Competitionund wird mit johlenden Rufen seitens der Zuschauer begrüßt, als sie das erste Mal die Bühne betritt.

Die Idee zu Teatro Ambahanon stammt von Leonardo „Bing“ Rey S. Cariño. Er ist so etwas wie ein Tausendsassa der lokalen Szene und hat das Contemporary Dance Ensemble 1995 an den Ramon Magsaysay Memorial Colleges in der Provinzstadt im tiefsten Süden der Philippinen gegründet. Das Teatro Ambahanon ist quasi das Vorzeigeprojekt der Stadt, veranstaltet es doch nicht nur regelmäßig lokale TV-Tanzwettbewerbe, sondern tritt auch immer wieder neben renommierten Ballettensembles aus der Hauptstadt im Cultural Center Of The Philippines auf. Die teilnehmenden Studierenden erhalten sogar Stipendien an besagtem College. Zu Anfang ihrer Karriere hatten viele Mitglieder lediglich ein paar grundlegende Erfahrungen im Hip Hop Dance vorzuweisen, doch nach ein paar Jahren intensiver Tanzausbildung und sorgfältigem Mentoring entstand eine sehr intensiv miteinander agierende Truppe mit viel männlichem choreografischem Talent, die momentan einen echten Star an ihrer Spitze hat.

Beauty Balaga ist eine 24-jährige Transgender-Künstlerin, die innerhalb des Ensembles eine steile Karriere gemacht hat. Mit beeindruckenden Kurven, langer schwarzer Mähne und verführerischem Blick verfügt Beauty über das gesamte Repertoire, das eine glamouröse Drag Queen ausmacht. Dank jahrelangem harten Training vereint sie aber auch alle Attribute einer guten Tänzerin: die Füße gewölbt, die Beine strecken sich mit Leichtigkeit nach oben, und dank ihres Trainings bei Julius Lagare (der seine Karriere ebenfalls dem Teatro Ambahanon zu verdanken hat) besitzt sie zudem eine makellose Balletttechnik sowie enorme körperliche Kraft. Sie tritt in allen 13 kurzen Tanzstücken der Show auf, denn in diesem Jahr ist der Director's Prize mit dem Motto Eodom Corpore überschrieben: Jeder Choreograf soll mit ein und demselben Körper arbeiten – nämlich ihrem.

Auf diese Herausforderung reagieren die jungen Choreografen mit viel Kreativität und Gespür für optische Inszenierungen. In manchen Werken wird Beautys Körper einfach selbstverständlich als weiblich behandelt. In Jovie Ann Sunday’s Walk With Pain („Gehen unter Schmerzen“) wird Beauty als ihrem Schicksal ausgelieferte Braut gezeigt, deren alternder Ehemann sie zärtlich über die Türschwelle trägt. Ralph Malaques Sunset („Sonnenuntergang”) zeigt ein älteres Paar mit weiß gepudertem Haar, das um seine Lieblingsbank herumschlottert, sich dabei aber körperlich dennoch enorm schlagkräftig zeigt. Andere Arbeiten machen sich den dramatischen oder komischen Effekt zunutze, den Beautys ambivalente Sexualität mit sich bringt. Jodel Cimagalas Box Cutter („Teppichmesser”) zeigt einen typischen Tanz der Femme Fatale, bei dem Beauty in einem roten Kleid, das ihre Beine bis in Hüfthöhe freilegt, hexenartige Schatten heraufbeschwört. In Unusual Math („Mathe mal anders”) bändelt Beauty mit dem männlichen Hauptdarsteller an; bald darauf wird jedoch klar, dass sie auch eine Affäre mit dessen bestem Freund hat, was das Publikum regelrecht in Aufruhr versetzt.

Andere Arbeiten konzentrieren sich dagegen ganz auf Beautys tänzerische Fähigkeiten und stellen ihre Technik und Präsenz in den Vordergrund. In 347.73 J151 von John Michael Acol (der kryptische Titel ist eine Anspielung auf die Dewey-Dezimalklassifikation, die geistreiche Literatur und Streitschriften bezeichnet) steht Beauty auf einem Holzschemel, ein Pesoschein hängt über ihrem Mund. So blickt sie das Publikum anklagend an, während männliche Tänzer sie immer wieder zu Fall bringen. Als einziges Werk abstrakterer Machart zeigt Harold Monteagudo in Opus 750 wechselnde Muster aus verschiedenen Tanzpartnern, spannende Rhythmusstrukturen sowie weit auseinander stehende Füßen und ausgewogene Bewegungen.

Das einzige Werk, das Beautys komplexes Erscheinungsbild zumindest im Ansatz erfasst, ist der Gewinner des Wettbewerbs: Mark Gill Acharons Sinners Gonna Sin Again: The Salvation ( „Sünder sünden immer wieder: Die Erlösung“). Sie trägt darin nichts als ein weißes Unterkleid und steht ganz ruhig auf der Bühne. Dann lächelt sie schüchtern und zeigt dabei ihre schiefen Zähne, worauf das Publikum mit Gelächter reagiert. Es bricht einem das Herz. Denn nach all den Stücken, in denen die Zuschauer Beauty als frech-frivole Liebhaberin, männerverschlingende Femme Fatale oder auch tragisches Opfer akzeptiert haben, wird sie ausgelacht, sobald sie sich verletzlich gibt. Der Großteil des Publikums empfindet offenbar bei diesem Körper und dieser bewusst gewählten Lebenssituation einfach immer noch Unbehagen.

Statt ihre offensichtlichen Stärken zu zeigen, konzentriert sich Sinners lieber auf Beautys ambivalentes Wesen. Ihre Hände, feingliederig und schön geformt, aber dennoch zu groß für eine Frau, zucken und greifen. Ihre gewölbten Füße stehen da wie eine Sichel, und sie reißt sich die eigene Haut auf. Krampfhaft-ruckartige Bewegungen wechseln mit ausgeformten Sprüngen, die wie ein Versuch erscheinen, in die Klarheit springen zu wollen. Während die männlichen Tänzer synchron agieren, entschwindet Beauty von der Bühne.

Am Ende der Show steht schließlich ein Stück aus Beatuys eigener choreografischer Feder. Anspruchsvoll aufgebaut und mit einem guten Gespür für kompositionelle Kontraste vereint diese Arbeit Schönheit und Klugheit. Sinnigerweise Definitely Not a Toy („Mit Sicherheit kein Spielzeug“) betitelt, sehen wir am Ende Beauty, wie sie in einer Vertrauensübung, wie sie oft in Schauspielkursen praktiziert wird, steif wie eine Eisenstange innerhalb einer Gruppe von Männern steht, bis sie am Ende von diesen aufgefangen wird. Es ist durchaus gewollt, dass ihr Gang manchmal ein wenig hüftsteif wirkt, denn obwohl sie diesen Männern erlaubt, mit ihr zu spielen, vertraut sie ihnen nicht hundertprozentig. Das furiose Finale: Gleich einer Walküre, die auf die Leichen auf dem Schlachtfeld hinuntersteigt, springt Beauty auf einen Haufen von Männern und kämmt sich dabei selbstgefällig das Haar.

Regisseur Bing Cariño beweist mit Eodom Corpore enorm viel Mut. Wenn man schon eine Tänzerin hat, deren Körper derartig aus der Norm fällt und deren technische Fähigkeiten und Mut zum Anderssein so herausragend sind, muss man diesen auch zeigen, oder besser noch, die Komplexität des Transgender-Körpers als Spektakel inszenieren. Beauty und ihre Mittänzer erfüllen auf der einen Seite unsere Erwartungen, krempeln sie jedoch gleichzeitig komplett um, indem sie ihren Körper in all seinen Facetten zeigen: komplex, fremdartig, aber doch zutiefst menschlich.

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