Eindrücke vom IDF Workshop für Tänzer

Eindrücke vom IDF Workshop für Tänzer



von Su-Wen Chi

Der einwöchige IDF Tanzworkshop ist eine wahre Freude, sowohl was die Körperarbeit als auch die philosophische Diskussion betrifft. Die erste Begegnung mit Mas Suprapto (Suryodarmo, Dozent) ist sehr herzlich. Ein Gespräch mit ihm gleicht einer Einladung, in einem unsichtbaren Raum zu tanzen, was die Kommunikation sowohl innerhalb der Teilnehmer als auch zwischen Dozenten und Teilnehmern spürbar anregt. Die Idee: 4 Workshop-Leiter und 16 Teilnehmer leben einige Tage zusammen. Das macht nicht nur Freude, sondern bietet auch tiefgehende Erfahrungen. Verschiedene Denkweisen treffen aufeinander, und wir kommunizieren und begegnen uns in einem sehr dynamischen Umfeld. Die raue Natur der Umgebung ist zunächst ungewohnt für mich, schließlich bin ich die reduzierte Atmosphäre eines Tanzstudios gewohnt. Ich befasse mich intensiv damit, wie ich mich in diesem Kontext positionieren und die technischen Details in den Workshop mit einbringen kann.

Wir werden von Anfang an klar gebrieft, und dadurch entstehen schon am ersten Tag viele Möglichkeiten zum Dialog. Es geht ganz klar um die Verbindung lokaler und internationaler Tanzthemen, wobei wir aber unsere Nationalitäten, sprich unsere asiatische Herkunft eine zentrale Rolle einnehmen lassen sollen. Auf dem eng gefüllten, aber dennoch flexiblen Stundenplan finden sich sowohl Einheiten für Körperarbeit als auch für Reflexion und Diskussion. Das Konzept, dass vier Dozenten mit den Teilnehmern zusammenarbeiten gefällt mir, allerdings bin ich bei der Fülle an Informationen, die bei einer großen Gruppe von 16 Teilnehmern aus allen Bereichen und vier verschiedenen Workshop-Leitern natürlich auf einen einprasseln, am Anfang ein wenig überfordert. Dank der vielen Natur um uns herum und der Energie, die der Austausch innerhalb der Gruppe freisetzt, legt sich aber die anfängliche Verwirrung schnell wieder. Es zeigt sich, dass diese jungen Menschen und die Dozenten aus verschiedenen Generationen allesamt wertvolle Einsichten zu dem Workshop beitragen, weil alle von derselben Neugier getrieben sind, den Tanz in seiner Ganzheit zu begreifen.

Mir fällt sofort auf, dass alle Teilnehmer sehr flexibel agieren. Vielleicht ist das eine Stärke, die aus dem ausgeprägten Gruppengefühl heraus entsteht. Jeder hat schließlich eine andere Ausbildung und bringt damit ganz eigene Tanztechniken mit. Dazu kommen die verschiedenen Ansätze der einzelnen Dozenten, mit denen man sich jeweils auf sorgfältige und intelligente Weise auseinandersetzen muss. Alle finden den Lehrplan unglaublich spannend, bei dem auch die kleinsten Lernschritte und Herangehensweisen wichtig sind. Jeder stellt seine Fragen zur richtigen Zeit und respektiert den anderen. Dazu gehört etwa, dass man weiß, wann ein Dozent ansprechbar ist, um mit ihm über den Kurs hinaus ein Thema zu erörtern. Ich bewundere die Fähigkeit der Teilnehmer, sich gegenseitig zu vertrauen und intime Momente miteinander zu teilen, auch wenn es dabei manchmal Vorbehalte gibt. Dies ist vor allem während der Einzelgespräche der Fall, in denen man sich besonders gut kennenlernt. Hier wird mir klar, wie eigenständig jeder einzelne die Ereignisse des Tages reflektiert und daraus Erkenntnisse für seine Beziehung zum Tanz und zum Leben zieht. Ich merke, wie sich jeder um die richtige Ausdrucksweise bemüht, seinen Standpunkt genau klarmachen will, den Dialog stets in Gang hält und generell einfach eine positive Grundeinstellung an den Tag legt. Es finden eigentlich ständig Gespräche statt, Tag und Nacht. Das Briefing vom Anfang hat sich am Ende sozusagen verselbstständigt und wird zu einer organischen Bewegung – ganz wie die Natur um uns herum.

Die Grenzen zwischen Tänzer und Choreograf werden im Lauf der Zeit immer fließender, obwohl dies stets ein zentraler Punkt unserer Diskussion ist. Es wird schnell klar, dass jeder Teilnehmer eine ganz eigene Körperlichkeit und auch einen eigenen künstlerischen Ansatz hat, egal, welche Karriererichtung der einzelne in Zukunft anstrebt und wie lange es noch dauert, dieses Ziel zu erreichen. In diesem Workshop zeigen wir uns allesamt als unabhängige Denker, die sich gegenseitig respektieren und fordern. Wir alle versuchen zu verstehen, wie man bewusst tanzt, warum manche Dinge so sind, wie sie sind. Dabei loten wir ständig unsere Grenzen neu aus. Obwohl sieben Tage wohl nicht viel mehr als eine Einführung leisten können, so werden hier viele Fragen intensiv diskutiert: Was ist Tanz? Woher kommt er? Warum klassischer Tanz? Warum formale Ansätze? Was ist Contemporary Dance? Ist Technik wichtig? Brauchen wir Methoden? Wo ist die Bühne? Warum wollen wir uns mit der Natur verbinden? Und wovon möchten wir uns abgrenzen? Viele große Fragen wollen beantwortet werden, und wir alle wollen auf unserer künstlerischen Reise die Wahrheit finden. Der Tanz bzw. die Performance sind die Grundlage unserer Diskussion und gleichzeitig eine Plattform, die die physische und mentale Intelligenz vereint: Wir versuchen, immer wieder die Balance zu finden, hinterfragen die Dinge, beziehen Position und versuchen, die Welt um uns herum zu verorten.

Im Zuge der schwächelnden Weltwirtschaft und eines immer konservativer werdenden Kultursektors wird der Körper zum Opfer. Es gibt aber nicht nur eine Lösung, nicht nur eine Wahl, vielmehr muss die Fragestellung stets vor dem lokalen, internationalen und persönlichen Hintergrund betrachtet werden. Solche komplexen Themenzusammenhänge können offenbar nur erörtert werden, wenn man sich ihnen ganz flexibel und vorsichtig nähert.

Einmal, als ich vorschlage, die Türen zu öffnen, um neue Möglichkeiten der Wahrnehmung zu erschließen, fragt Suprapto mich: „Ja, aber wohin gehst du, nachdem du die Tür geöffnet hast?” Ich grüble zunächst eine Weile über diese Frage und habe immer noch keine Antwort gefunden, weil ich finde, dass es auf die Person ankommt: darauf, was er oder sie sieht und wie sich diese Erfahrung vor dem Hintergrund seines oder ihres künstlerischen Verständnisses manifestiert. Ari (Ersanid, ein Teilnehmer) fragt mich auch, was es mit der Tür auf sich hat, kurz darauf beginnt eine Diskussion über den Zeitbegriff in der Wissenschaft. Schließlich glauben wir ja immer, dass die Zeit in eine Richtung fließt, von der Vergangenheit ins Jetzt und in die Zukunft.

Wenn wir dieses bauen, erhalten wir vielleicht das hier – aber die Raumzeit ist relativ, es kommt einzig darauf an, von welcher Seite man alles betrachtet. Die Natur hat ihre eigene Logik der Zeit, und diese ist mit Sicherheit nicht linear. Benny (Khrishnawardi, ein Kursleiter) und ich reden auch darüber, wie wir als langjährige Tänzer unsere Energie langsam verschieben, eher auf Weichheit ausgerichtet sind als auf Intensität und wir unsere Botschaft mehr durch innere Räume zum Ausdruck bringen statt durch äußere. Ich denke darüber nach, wohin wir gehen und wie die Zeit reist. Bei der Inszenierung des Körpers ist das Timing besonders wichtig. Suprapto stellt einige Tanztechniken zur Diskussion, die auf der Nachahmung der Natur beruhen. Dieser natürliche Ursprung ist den meisten jedoch gar nicht mehr bewusst. Dann fragt er mich, auf welche Weise ich mir meine Tanztechnik angeeignet habe. Ich antworte, dass es unterschiedlich sei, denn die meiste Zeit habe ich gelernt, ohne zu wissen, warum. Die eigentlichen Gründe dafür habe ich vielleicht erst viel später verstanden, als ich immer erfahrener wurde und mir die Zusammenhänge klarer wurden.

Wie bildet man einen Künstler aus, und wie definiert man am besten den Contemporary Dance in Asien? Diese Fragen finde ich immer wieder spannend. Vielleicht hat das auch mit der Frage zu tun, die Ari und Suprapto mir gestellt haben: Wie kommuniziert man mit anderen über ein Thema, über das man selbst nicht viel weiß oder zu dem man keinen rechten Bezug hat? Ich antworte, dass man sich vielleicht in die gleiche Position begeben und einen Gesprächsgrundstein finden sollte, wobei es am Anfang in Ordnung sei, sich viel Zeit zu lassen und zunächst einmal in Ruhe alles zu beobachten. Aber kann diese Passivität, diese Zurückhaltung gerade die Stärke sein? Ja, denn wir sind schließlich hier, um Perspektiven aufzuzeigen und Raum für Interpretation zu lassen. Benny hat in seinem Unterricht etwas sehr Kluges gesagt: Man soll sich auf einen Punkt konzentrieren, dabei aber auch die Peripherie wahrnehmen und so spüren, wie in einem selbst und in den anderen die Energie fließt.

Am Ende ist Tanz immer eine persönliche Reise. Eine starke Präsenz auf der Bühne kostet immer einen hohen Preis im Leben. Es ist nie so einfach und schon gar nicht so glamourös, wie es vom Zuschauersessel aus scheint. Wie Ramli (Ibrahim, Dozent) mehrmals sagte: „Es ist sehr schwer!“ Und es liegt an jedem Teilnehmer selbst, wann er diese Tatsache erkennt. Su Wen-Chi war eine von vier Mentoren beim Workshop For Young Dancers, der vom Indonesian Dance Festival (IDF) vom 1. bis 7. Mai 2016 in Kaldera, Bogor (West Java) organisiert wurde.

    Mehr Reflexionen

       

      Archiv