UNFOLDING, CURATING

ENTFALTEN, KURATIEREN



von Helly Minarti

Gedanken zu einem langen Wochenende in Bangkok

Wie kann man den Begriff „Stadt“ und die Tätigkeit des Choreografierens und Kuratierens miteinander in Verbindung bringen? Kürzlich besuchte ich die Stadt Bangkok. Acht Jahre lang war ich nicht mehr hier gewesen. Als ich den Aufenthalt noch einmal Revue passieren ließ, sind mir einige Gemeinsamkeiten zwischen Bangkok und meiner Heimatstadt Jakarta aufgefallen. Beide Hauptstädte sind sogenannte Primatstädte. Stadtforscher beschreiben mit diesem Begriff die größte Stadt in einem Land oder in einer Region, die in der urbanen Hierarchie unverhältnismäßig größer ist als andere. Laut des 1939 von Mark Jefferson geprägten Ausdrucks ist eine Primatstadt mindestens doppelt so groß wie die nächste große Stadt des Landes. Bangkok ist 18 Mal so groß wie Thailands nächstgrößere Stadt – und mehr als doppelt so bedeutend.

Sowohl Bangkok als auch Jakarta sind damit Primatstädte. Noch bis in die späten 90er Jahre wurden beide Städte in einem Atemzug genannt, wenn es um die schlimmste Verkehrssituation in der Region ging. Bei meinem ersten Besuch in Bangkok im Jahr 2005 befand sich die Stadt jedoch offenbar schon auf dem Weg der Besserung – das neue Netzwerk an U-Bahn und Pendlerzügen schien zu funktionieren. Obwohl beide Städte immer noch von Überflutungen und anderen Problemen bedroht waren und beide unter (wenn auch unterschiedlichen) politischen Spannungen litten, konnte Bangkok im Vergleich zu Jakarta ein gutes Stück aufholen.

Bangkok ist auf Kanälen und um diese herum erbaut worden. Interessanterweise wurde Jakarta erst durch die Kolonialherrschaft der Niederländer modernisiert, die die Hafenstadt Batavia nach Amsterdamer Vorbild umplanten und ein Kanalsystem errichteten. Bangkok ist immer in Bewegung, die Stadt wächst und breitet sich immer weiter aus, entfaltet sich fast schon wie ein Organ oder gar ein ganzer Körper. Ich habe das tägliche Verkehrschaos in Jakarta hautnah miterlebt, und daher wusste ich genau, wie ich mich auf den Straßen Bangkoks verhalten musste und wo die Labyrinthe von Soi und Sol, diverse Schlaglöcher und unzureichende Fußgängerbereiche eine echte Herausforderung darstellen.

Ich war nur kurz in der Stadt, und das aus einem bestimmten Grund – ich wollte am vergangenen langen Wochenende vom 19. bis 22. November das Unfolding Kafka Festival besuchen. Besonders interesseiert haben mich dabei zwei zusammengehörende Solo-Performances der in Berlin tätigen Choreografin Isabelle Schad, die mit dem in Paris lebenden bildenden Künstler Laurent Goldring zusammen arbeitet. Der Bau und An Un-folding Process („Ein Ent-Faltungsprozess“). Da die Werke unmittelbar miteinander verbunden sind, wollte ich mir beide anschauen. Das erste Stück war ein abendfüllender Soloauftritt in einem schönen Black Box Theaterraum in der Schauspielabteilung der Chulalangkorn University, das zweite eine Performancelesung in der Bhurapa University in Chonburi, eine Küstenstadt, die gerade einmal anderthalb Stunden von Bangkok entfernt liegt.

Kuratiert wurde das Festival von Jitti Chompee vom Tanztheater 18 Monkeys mit Fokus auf das literarische Werk Franz Kafkas. Die Programmauswahl scheint dabei selbst einem Entfaltungsprozess gleichzukommen. Alles hatte begonnen, als Chompee im vergangenen Jahr in Hamburg das Stück Der Bau gesehen hatte. Er hatte zuvor noch niemals von Kafka gehört und konnte zunächst gar nicht verstehen, warum ihn das Stück so fasziniert hatte. Er sprach darüber mit Isabelle Schad, die ihn daraufhin drängte, auch Laurent Goldring kennenzulernen, mit dem sie zusammenarbeitete. Das tat Chompee und engagierte darüber hinaus auch einen Kafka-Experten, mit dessen Hilfe er sich zuhause in das Werk des Dichters einarbeitete. Aus diesen Begegnungen ist schließlich das Unfolding Kafka Festival entstanden.

Klein und kompakt, so sollte sich das Festival gestalten. Das rund dreiwöchige Programm (12. November bis 3. Dezember 2015) bestand aus der erwähnten Doppel-Performance Schad-Goldring, der Auftragsarbeit Silence Of The Insects („Das Schweigen der Insekten“), einer gemeinschaftliche Installation und Performance in einem Geschäftshotel von Chompee und der Szenografin Yoko Seyama, sowie einem Workshop zum Thema „Methoden der Embryologie im Osten“ von Isabelle Schad. Zum Schluss stand die Performance Cesser d'être („Aufhören zu sein“) auf dem Programm, bei der Laurent Goldring, Marika Rizzi und Chompee selbst aus Schnüren eine Skulptur erschufen.

Körper, Raum und was dazwischen liegt

Der Bau basiert auf Kafkas gleichnamiger Novelle. Erzählt wird die Geschichte einer Kreatur, die sich einen Bau errichtet, der am Ende eins mit ihrem Körper wird. Zu Anfang der Choreografie sehen wir Schad auf einer spärlich belichteten Bühne. Sie steht vom Publikum aus gesehen rechts, den schmalen Körper nach vorn gebeugt starrt sie ihren Bauchnabel an. Wir, das Publikum, sehen nur ihre Fontanelle. Ihr Körper mutet seltsam geschlechtslos an, ihre Körperlichkeit wird nur durch minimalistische, sparsame Bewegungen sichtbar. Die Bühne bleibt die ganze Zeit in Nebel gehüllt, aber nachdem sich unsere Augen erst einmal daran gewöhnt haben, sehen wir die Muskeln auf ihrem unterem Rücken, während sie sich nach vorne beugt. Durch ihre Handbewegung sehen wir, dass diese Muskeln leicht, aber dennoch stark hervorstehen. Das Problem der Nacktheit löst sie geschickt, indem sie ihre Brüste mit hautfarbenem Stoff bedeckt, ihre Körperrückseite dagegen ohne sichtbaren BH-Riemen freibleibt, um die intensive Sequenz des Hervorquellens nicht zu trüben. Aus dieser kleinen, dennoch intensiven Eröffnungsszene heraus bewegt sich Schad geschmeidig über die Bühne und nimmt an drei verschiedenen Punkten jeweils ein langes Stück Stoff mit unterschiedlicher Farbgebung und Struktur auf. Erst nach einiger Zeit merkt man, dass sich dabei ein paar seltsame Bilder ergeben. Der Körper als Achse und die Stoffe schaffen nämlich ganz langsam Zwischenräume; die Verbindung zwischen beiden verändert sich und lässt verschiedene Assoziationen zu. Zunächst wirkt der Körper wie eine Prothese und der Stoff wie eine zweite Hautschicht, doch dann ähnelt die Szenerie eher einem Organ, der die Grenze zwischen diesem und dem Körper verwischt. Mit der Verhüllung vollzieht sie schließlich ihre Transformation. Im Publikumsgespräch nach der Performance erklärte Isabelle Schad, dass sie in dem Stück bewusst die inneren und äußeren Räume miteinander verbinden will. Die hochinteressierte und gespannte Stimmung im Publikum strafte all jene Lügen, die im Vorfeld geglaubt hatten, so ein Stück sei keine typische Bühnenkost für Bangkok.

Auf nach Chonburi

Am nächsten Tag reiste ich nach Chonburi, wo Schad vor ihrer Performancelesung Un-folding Process mit einem Dutzend Studierender einen Workshop abhalten sollte. Die Teilnehmer waren sehr jung und extrem interessiert an Schads Vorschlägen zu den Methoden der Embryologie im Osten. Ihr phänomenologisches Konzept des Körpers, der mit anderen Körpern im Raum eine Verbindung eingeht, war für die Teilnehmer offenbar mal etwas anderes als eine neue Tanztechnik oder einen choreografischen Ansatz zu erlernen. Wie sie mir sagte, hat sie das Theater als Ort für den Workshop ausgewählt, um dieses „schon mal aufzuwärmen.“

Chonburi ist einer der bei den Bewohnern Bangkoks für einen Kurzurlaub sehr beliebten Vororte. Das College liegt nur fünf Autominuten vom weißen Sandstrand entfernt, der mit Bungalows, Cafés und Essenständen viele Touristen anspricht. Die Performancelesung fand nachmittags statt, und man konnte darin eine Ahnung jener Ideen bekommen, aus denen auch die Arbeiten wie Unturtled („der Schildkröte den Panzer abnehmen“) bis hin zu Der Bau entstanden, die Schad im Lauf der Jahre mit Goldring erarbeitet hat.

Hin und wieder unterbrach Schad ihren Vortrag, der dem Publikum vorher auch als Übersetzung in Thai vorgelegt wurde, und demonstrierte einige Choreografiebeispiele aus dieser Serie. Mit ihrer einfachen, fast nackten Bühnensituation schuf die Performancelesung einen sehr intimen Raum. Kuratieren ist immer eine riskante Angelegenheit, und so war es richtig, dass Chompee einfach seiner Neugier gefolgt ist und verschiedene Partner und Präsentatoren zusammengebracht hat, etwa das Goethe-Institut, die Japan Foundation, die beiden Universitäten und das Geschäftshotel.

Ich kann Chompees Begeisterung darüber, eine zunächst vage Idee in die Tat umgesetzt zu, also nur allzu gut nachvollziehen. Schließlich ist es keine leichte Aufgabe, als selbständiger Kurator in einem Umfeld tätig zu sein, in der diese Praxis noch lange nicht an der Tagesordnung steht. Primatstädte wie Bangkok und Jakarta, wo der Kapitalismus die Ausdehnung des städtischen Raums bestimmt, brauchen dringend auch solche organischen Bewegungen, die einen Raum für neue Themen schaffen.

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