Grimmless
Spuren einer unendlichen Wiederkehr

Es ist untergegangen: Es war einmal ein Land in Form eines Schuhs
Alles beginnt mit Grimm. Mit Grimm. Ohne Grimm. Die Brüder Grimm bedeuten in der Gedankenwelt des gesamten Sonnensystems das Märchen. Das Märchen schlechthin. Das Märchen als Volkskunst, als Populär-Kultur. Immer wieder kehrt dabei die Definition als „POP“ zurück. Heute wohlgemerkt ohne jeden Hinweis auf trendige Moden. Vielmehr als Weltkulturgut. Stoff, der die Seele eines Volks enthüllt. Als Thermometer, das sich bei ethisch-ästhetischer Annäherung in ein Stethoskop zur Diagnostik der Lage von uns Überlebenden der Halbinsel auf dem goldenen Stiefel verwandelt.Das Märchen als Übergang von der Kindheit zum Erwachsensein. Als Stahllunge, die Erwachsene auch im quälendsten Alltag die geschärften Krallen einer jeden Stiefmutter ertragen lässt. Märchen für Großeltern und Enkel, für jeden einzelnen mit seinen Wünschen, Erwartungen und Frustrationen, die sich jederzeit in handfeste Bedürfnisse verwandeln. Aber nicht immer.
Warum werden unsere Tage nicht von den Brüdern Grimm verfasst? Sie haben kein Happyend. Es gibt keinen bösen Zauber und keine einfachen Unterscheidungen mehr: die Guten auf der einen, die Bösen auf der anderen Seite. Jetzt sind wir da. Gebrochen. Auf den Kopf gestellt. Erbarmungslos. Grimmless. Ohne Grimm eben.
Kein Aschenputtel, kein böser Wolf. Die neuen Hänsel und Gretel, die schüchternen Pif Paf Poltries, die arroganten Hasen und die mutigen Zwerge: ein Strom von Archetypen, die uns jeden Tag im Bus begegnen. Sie verkörpern Figuren und Welten, die sich plötzlich aus dem Nebel der Beliebigkeit abheben, die unsere Zeit charakterisiert. Sie sind beunruhigend wie Gespenster, deren physische und geistige Identität uns scherzhaft synkopiert in ihren Bann zieht, genau so wie die obsessive Techno-Musik, die uns aus vorbei rasenden Autos anspringt.
5 junge Performance-Künstler und 2 Jugendliche (Giuseppe Sartori und Andrea Pizzalis) schwören allein mit ihren emotionalen und physischen Motoren ein Goldenes Zeitalter herauf, eine zeitgenössischen Parallelwelt. Sie treibt uns an, damit wir den Topf voller wertvoller Münzen am Fuß des Regenbogens finden, indem wir den Blick vom Boden heben, den wir als Bezugspunkt einer Existenz ohne Höhepunkte begreifen. Menschliche Materie, die durch das Begehren verwandelt, mit einem Schuss Ironie und Schrecken, und mit der märchenhaften Überhöhung, die Bereitschaft zum Spiel und staunende Distanz zugleich erfordert.
Tradition gegen Globalierung (und umgekehrt)
Grimmless ist ein politisches Projekt über die Phantasie, ein Code für die Analyse der Gegenwart. Als geheime Renaissance, die die Unterscheidung in gut und böse aufhebt, um das Unwohlsein einer von kleinen Befriedigungen geprägten besiegten Existenz ohne Werte aufzuspüren.Halsstarrige Ablehnung der wirtschaftlichen Palliativmedizin in Form des terrestrischen Digitalfernsehens bewaffnet den eigenen märchenhaften Zorn gegen die Windmühlen des Einfachen. Erobern wir uns das Phantasy-Land als ethischen Schild im Felsen, mit dem wir die Pfeile eines verfälschten Alltags abhalten! Mit unserer persönlichen direkten und rauen Grammatik. Mit unserem arhythmischen und stotternden Herzen. Mit unseren Maßstäben aus den Märchen, zu denen uns die anderen zwingen. Mit unseren Augen, die die Ersatzstoffe deformieren und aufheben.
Ein New Realism, in dem die Brosamen wie beim kleinen Däumling uns vielleicht aus dem Gewirr der Leere führen. Aus dem unschuldigen Schnee, der fällt und alles, all die lebendige Glut mit Kühle bedeckt, mit gütigem samtigen Schweigen.
Koma: Erkundigung eines todesähnlichen Zustands
Ein Berg aus Kristalllüstern, Überreste eines glänzenden Lebens, liegt unbeerdigt am Boden. Wie Tiere im Todeskampf, die schwach durch den dichten Nebel einer unsicheren und formbaren Gegenwart durchscheinen. Das ist das erste Bild der Performance. Das ist unser Bild. Das sind wir. Wir sind die Helden dieser Geschichte. Körper im Koma, die in einer von anderen imaginierten Dimension schweben. Wir glauben, man zwingt uns, das Märchen anzuhören, das uns ein Feuer speiender Staat vorgibt. Und vergessen darüber, dass uns eine von anderen erzählte Wirklichkeit umgibt. Nicht die Realität.Das war unser Ausgangspunkt bei der Arbeit an den Märchen der Brüder Grimm. Die Frage, wo Künstlichkeit beginnt und wie weit wir ihr unterliegen oder gegen sie ankämpfen. Mit einem Rollkoffer und einem Zauberstab bewaffnet, die aus unseren Rippen geschnitten sind, stellen wir uns der Dunkelheit des Waldes, unentschieden, ob wir den Versuchungen des Großen Lichts nachgeben sollen: eine Mauer aus intensiver und warmer Anpassung, die uns verführt und uns ruft, uns zwingt, durch sie hindurch zu gehen. Oder ob wir jeder Spur nachgehen sollen, jeder Gelegenheit, um den Weg aufzuspüren, der uns hinaus ins Freie führt. Dorthin, wo man die persönlichen Spuren wiederfindet. Hinaus aus dem Wirrwarr der Zweige, wieder auferstanden aus einem weiteren Tod, der uns überrascht hat und uns dabei an unsere Fehlbarkeit aber vor allem die Möglichkeit erinnert, uns nach jeder Niederlage wiederaufzurichten.
Die Märchenwelt zerbricht unter dem unbarmherzigen Licht einer Wirklichkeit, die sich unablässig bemüht, den Weg zum Schatz der verlorenen Kindheit wiederzuentdecken. Der Zauber, der uns in dem Glauben an ein nicht existierendes Reich gewiegt hat. In der Hoffnung auf einen Prinzen, der doch nie auftauchen wird. Auf eine Wiedergeburt, die noch nicht in Sicht ist.
Die Brüder Grimm haben es uns bereits damals mit der Grausamkeit der vom Volk weitergegebenen Erzählungen gelehrt: Sterben ist nötig, um ein höheres Stadium zu erreichen. Mit rauem Stil, wenn auch im Triumph der Illusion, sehr weit weg von den beruhigenden Tönen eines Walt Disney, der uns geschwätzige Hausfrauen als Heldinnen sowie tanzende und singende Mäuse vor Augen führt, die Abendkleider nähen. Das Leben ist hart und im Widerstand gegen die Tage immer größer zu werden, bleibt unsere einzige Ressource.
Die einzig brauchbare Wunderkraft, die einzig wahre Magie besteht im Widerstand gegen den Gesang der Sirenen. Ziellos lassen wir uns von den Formen des kollektiven Wohlseins schmeicheln, ohne gewahr zu werden, dass wir uns im Mittelpunkt eines weiteren Märchens befinden. Die Wirklichkeit ist anderswo und jeder der fünf Performer, die sich hartnäckig und ohne Scham bei ihren wahren Namen rufen, zeigt die Realität als heilige Reliquie, als Opfer für eine unbequeme aber erlösende Wahrheit. Brutal und unerbittlich lassen sich die fünf Hauptfiguren auf dieses Abenteuer ein und weisen uns jederzeit darauf hin, dass sie uns genau das zeigen, was sie wollen. Dass jede Vision, jedes Gefühl ein Gebilde des menschlichen Verstandes ist. Sie zeigen uns den Willen zu glauben, dass die Phantasie trotz der sie umgebenden Wüste eine Supermacht ist, mit der wir unsere Würde zurückerobern können.
Vielleicht ohne Happyend wie Andrea, der wie Hänsel und Gretel eine Schachtel Marzipan findet, die das Ende einer Existenz auf der Suche nach einer weniger formalen Gefühlswelt als der im häuslichen Leben erfahrenen anzeigt. Mit der Plastik des Einfamilienhauses, in dem er umgekommen ist, und das sehr an die Häuser von Barbie und an Talk-Shows erinnert, in denen der Schmerz der anderen für die Quote pornographisch ausgebeutet wird. Indem Andrea die Geschichte des Mordes an seiner Person zurück verfolgt, findet er einen Sinn für sein Leben.
Andere überziehen ihr Leben lieber mit einer Glasierung aus Gleichgültigkeit. Wie Giuseppe, der sich wie Dornröschen der Trägheit hingibt, einer verantwortungslosen Schläfrigkeit. Ein Reich des Schlafs, in dem es einfacher ist, sich in nichts aufzulösen und vergessen zu werden. Dagegen kann der Lärm der Außenwelt nichts ausrichten, die vor seinem Mut zum Schweigen erschrickt. Wir lassen uns alle gern einschläfern, deshalb versuchen wir, mit einem ungeheuren leeren Krach Leute wie Joseph aufzuwecken, die in der Überzeugung, dass Gleichgültigkeit am besten vor Niederlagen schützt, in einen Dornröschenschlaf fallen.
Man kann ihm nur recht geben, angesichts der Tatsache dass der Versuch, etwas mit anderen zu teilen, verlacht und stigmatisiert wird, wenn er nicht auf einem System der Nicht-Werte fußt. Wie im Fall von Valentina, einem Aschenputtel, das im Wunsch nach der Zuneigung der anderen auf ihre Rechte verzichtet und dabei die eigene Identität auf dem Altar der Beliebigkeit opfert, ohne jedoch trotz äußerster Anstrengung in der globalen Umarmung aufgehoben zu sein, die sie sich so sehr wünscht. Das Rudel in Form der Stiefschwestern durchschaut die Künstlichkeit ihrer Haltung und stößt gewaltsam jeden Fremdkörper aus.
Die Annäherung, Überlagerung und Überwindung der Märchen der Brüder Grimm geschieht durch das völlige Vertrauen der Performer, ihre individuelle Erfahrung aus Frustrationen, Hoffnungen, Verbitterung und erreichten Zielen einzusetzen, um einen märchenhaften Prototypus herauszukristallisieren, den sie in ihrem Innern aufspüren.
So trifft Anna G. durch eine Improvisation über das Verhältnis zu ihrer eigenen Mutter und ihre kindlichen Wünsche auf Rotkäppchen, das sich im Wald verirrt hat. Dabei entdeckt sie, dass es möglicherweise besser ist, sich von den Wünschen der Kindheit zu trennen, um wieder Raum zum Atmen atmen zu haben und das wenige oder viele, das uns das Leben bietet, einfach zu genießen. An das urtümliche Opfer gebunden, das uns im Moment des Sterbens kristallisiert, sind wir bislang aber nicht in der Lage, es auszukosten. Die Motorsäge, die die Tänzerin im Ballettkostüm, mit der wir uns gern identifizieren, in Stücke zerschneidet, ist der Ballast, der uns Heißluftballons ermöglicht, sich in der Luft zu halten.
Wir können uns unmöglich den Hexereien entziehen, denen das Leben uns unterwirft, aber vielleicht gelingt es durch eine Verzauberung unserer selbst, wie Anna T. mit ihrem Schneewittchen die Zerstreutheit einer Familie, die uns kalt wie Schnee werden lässt, in einen Blick und ein unschuldiges Herz zu verwandeln. Blick und unschuldiges Herz können dazu beitragen, dass wir in dem metaphorischen Häuschen am Ende der Welt mit sieben möglicherweise kleinen aber uns sehr geneigten Mitbewohnern Verständnis und Respekt wiederfinden, die uns besser auf die ständigen Tode vorbereiten, die uns auf dem langen Weg aus dem Wald heraus noch erwarten. Und die Äpfel, auf denen wir auf den Abgrund zurollen, schmerzen weniger, wenn unsere besten Freunde sie unter unseren Rücken legen.
Dann kommt wie bei allen Wundern die Stunde, in welcher die weißen Rösser wieder zu Giftzwergen voller Flöhe werden und die glitzernden Kutschen wieder die Form von Kürbissen annehmen. Man muss nur den Stecker ziehen, der die Welt von Grimmless erleuchtet, um uns wieder in Dunkelheit zu hüllen. Wie die schwachen Lichter eingepackter Kristallleuchter nach dem Großen Ball am Boden bleibt jedoch jene Flamme, die sich trotz allem nicht löschen lässt. Die Hoffnung, das Dunkel des Gewissens zu riskieren.
Nach den Schneestürmen, den Unmengen flüssigen Goldes und den Hunderten von Äpfeln, die in den letzten anderthalb Jahren auf der Halbinsel bei Wiederaufführungen verwendet wurden, sind wir gespannt, ob das Wesen der Brüder Grimm in eine italienische Vision von ricci/forte verwandelt ins Herz der Deutschen vordringt, wenn die Performance Grimmless Italien bei der nächsten Ausgabe der Biennale New Plays from Europe im Juni in Wiesbaden vertritt.
Möglicherweise wird unter einem nordeuropäischen Himmel erst dann klar, dass vom Blut der Erfahrung genährte Märchen universal sind und es ihnen noch immer gelingt, uns etwas über uns zu sagen, trotz der vielen vergangenen Jahre und der geographischen Entfernungen.
ricci/forte
GRIMMLESS
mit: Anna Gualdo, Andrea Pizzalis, Anna Terio, Giuseppe Sartori, Valentina Beotti; Choreographie: Marco Angelilli; Technik: Stefano Carusio; Regie-Assistenz: Elisa Menchicchi; Regie: Stefano Ricci. Eine Produktion ricci/forte mit Unterstützung des Teatro Pubblico Pugliese.
Übersetzung ins Deutsche:
Bettina Gabbe
GRIMMLESS
mit: Anna Gualdo, Andrea Pizzalis, Anna Terio, Giuseppe Sartori, Valentina Beotti; Choreographie: Marco Angelilli; Technik: Stefano Carusio; Regie-Assistenz: Elisa Menchicchi; Regie: Stefano Ricci. Eine Produktion ricci/forte mit Unterstützung des Teatro Pubblico Pugliese.
Übersetzung ins Deutsche:
Bettina Gabbe








