Arno Münster

Arno Muenster , Amiens/Paris
Theologie und Politik bei Ernst Bloch

Trotz aller theoretischen Differenzen, die grundsaetzlich zwischen einer messianisch-utopisch ausgerichteten Philosophie des „aufrechten Gangs" und der „konkreten Utopie" (Bloch) und einem vom Zivilisations- und Geschichtspessimismus gepraegten „Marxismus der Melancholie" (Benjamin) bestehen, kreuzen sich die Denksysteme beider Philosophen in einem wichtigen Punkt: der Wiederaufwertung des religioesen Bewusstseins und der expliziten Hereinnahme theologischer und religioeser Denkmotive und Begriffe in den Reflexionszusammenhang kritisch-materialistischen Denkens. Auch wenn die eigentlich religioes-theologische Schicht im Denken beider Philosophen tiefe Wurzeln in der Messias-Erwartung des Judentums hat, besteht das Spezifikum von Ernst Blochs Vision gerade darin, die vom Urchristentum und plebejisch-revolutionaeren Stroemungen im Protestantismus zur Zeit der Reformation (s. Blochs „Thomas Muentzer als Theologie der Revolution" (1921) ausgehenden Impulse einer Befreiungstheologie mit ihrer prinzipiellen Querstaendigkeit zur Legitimation des Kapitalismus aus der protestantisch-lutherischen Lehre von der „goettlichen Gnade" und der „Freiheit des Christenmenschen" in diese messianische Vision der Welterloesung und -ueberwindung mit einzubeziehen. So finden in Blochs Religionsphilosophie Reflexionen ueber die Auszugsgestalten Yachwes in der Religion des Exodus und des Reichs (s. „Atheismus im Christentum", 1968) ihre quasi logische Ergaenzung in genuinen religionsphilosophischen Untersuchungen, die - im Gegensatz zur offiziellen „Kreuzestheologie" - gerade die tendenziell „atheistischen" Elemente in diesen von der Kirche offiziell als „ketzerisch" verdammten radikal-religioesen Bewegungen hervorhebt. Fazit: „Auf dem Schwert Florian Geyers, des grossen Kaempfers aus dem Bauernkrieg, soll eingeritzt gewesen sein: nulla crux, nulla corona; das waeren auch die Stichworte eines sich endlich unentfremdeten Christentums, und das noch weiterhin dringende, so unausgeschoepft Emanzipatorische darin gibt ebenso das Stichwort eines seiner tiefen Dimensionen einmal bewusst gewordenen Marxismus".

Bloch (Ernst): Geist der Utopie (1923), GA Bd. 3, Frankfurt, Suhrkamp, 1963.
Bloch (Ernst):Thomas Munezer als Theologe der Revolution, GA Bd. 2, Frankf., Suhrkamp, 1972.
Bloch (Ernst): Atheismus im Christentum (Zur Religion des Exodus und des Reichs), GA Bd. 14, Frankfurt, Suhrkamp, 1968.
Bloch (Ernst): Das Prinzip Hoffnung, Bd. I-III,insbes. Bd. III, Kap. 52,S. 1323 ff. („Biblische Auferstehung und Apokalypse"), GA Bd.5 (1-3),Frankfurt, Suhrkamp, 1959.
Bloch (Ernst): „Vom Sinn der Bibel. Religion oder Aberglaube?" (Gespräch m. Bernd Stappert), in: Traub/Wieser (Hsg.): Gespräche mit Ernst Bloch, Suhrkamp, Frankf.,1975, S. 176-190.
Muenster (Arno): Utopie, Messianismus und Apokalypse im Fruehwerk von Ernst Bloch, Suhrkamp, Frankfurt, 1982.
Muenster (Arno): Ernst Blochs Religionsphilosophie im Spannungsfeld von juedischem Messianismus, ketzerischem Christentum und materialistischem Atheismus, in: „VorSchein" Nr.22/23, Philo-Verlag, Berlin, 2003, S. 48-64.
Muenster (Arno): Ernst Blochs „konkrete Utopie". Eine politische Biographie, Philo-Verlag, Berlin, 2003 (440 S.)