Gleiches Land, andere Kultur

Zur Geschichte der polnischen Minderheitenbevölkerung in Litauen

Vilnius. 1860.  Neuer Markt – Hl. Jurgis und  Hl. Rapolas Kirchen | Foto: Abdonas Korzonas | Quelle: Wikimedia Commons
Vilnius. 1860.  Neuer Markt – Hl. Jurgis und  Hl. Rapolas Kirchen | Foto: Abdonas Korzonas | Quelle: Wikimedia Commons
Das Vilniusser Gebiet, auch Vilnija genannt, ist ein ethnisches und kulturelles Randgebiet, ein Territorium, in dem verschiedene Ethnien aufeinandertreffen.

Das führte zur kulturellen Durchdringung sowie zur Konkurrenz unter den Kulturen auf unterschiedlichsten Ebenen. Daher existieren im öffentlichen Unterbewusstsein starke Klischees bei der Identifikation der anderen Seite. Der Streit um Vilnius in der Zwischenkriegszeit hat diese Klischees eindeutig negativ gefärbt. Durch die Veränderungen nach dem Zweiten Weltkrieg und die Sowjetisierung wurden diese negativen Farbtöne „konserviert“. Auch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der wiedererlangten Unabhängigkeit Litauens bestehen diese Ängste und Klischees weiterhin fort.

Polnisch-litauische Beziehungen historisch begründet

Vilnius und das umliegende Gebiet bildeten über Jahrhunderte den Kern des Großfürstentums Litauen. Ab 1569 gründeten das Großfürstentum Litauen und das Königreich Polen den Unionsstaat Polen-Litauen. Erst nach dem Ersten Weltkrieg wurde Vilnius mit dem Vilniusser Gebiet zu einem Teil Polens [...] und gehörte dann bis zum Anfang des Zweiten Weltkrieges zum polnischen Staat.

Die sowjetische Okkupation und der mangelnde Dialog zwischen Litauern und Polen führten dazu, dass dieser Antagonismus sich noch heute auf die Beziehung zwischen der litauischen Mehrheit und der polnischen Minderheit im heutigen Litauen auswirkt. [...] Misstrauen und sogar Hass breiteten sich aus. Zu Polen gehörte das Vilniusser Gebiet bis zum Anfang des Zweiten Weltkrieges.

Im Krieg verlor Polen einen großen Teil seiner Gebiete im Osten. Ein Teil des Vilniusser Gebiets fiel an Sowjetlitauen. Die sowjetische Regierung erlaubte den Polen, nach Polen auszureisen und sich dort niederzulassen. In zwei Repatriierungswellen verließen etwa 200.000 Polen Litauen, die Hälfte davon bildeten Einwohner von Vilnius (fast die gesamte Intelligenz). Gleichzeitig aber versuchten die Behörden, die Ausreise der Landbevölkerung nach Polen zu verhindern, da sie um die Hauptstadt eine Situation „Land ohne Volk“ fürchteten.

Polnische Minderheitenbevölkerung in Litauen

Nach der Repatriierung waren im Vilniusser Gebiet noch etwa 180.000 Polen übrig geblieben. Ihre Zahl in Vilnius und um die Stadt herum wuchs in der Sowjetzeit, da Polen aus den weißrussischen Gebieten des Vilniusser Umlandes hinzuzogen (1939 wurde das Vilniusser Gebiet zwischen Litauen und Weißrussland aufgeteilt).

Bis 1960 tolerierte die Regierung das Polentum im Vilniusser Gebiet als Gegengewicht zu den litauischen nationalen Ambitionen. Zum Hauptausdruck dieser Politik wurde das Netz polnischer Schulen im Vilniusser Gebiet. Nach 1960 wurden die Polen systematisch russifiziert. Ab den 1980ern verdrängte das Russische die polnische Sprache aus den polnischen Familien. Ihre polnische Identität zu bewahren, gelang den Menschen nur in dem Bewusstsein, dass sie der katholischen und nicht der orthodoxen Kirche angehörten. [...]

Autonomiebestrebungen einer polnischen Minderheit

Bei der Analyse der Beziehungen zwischen den Polen und den Litauern wird offensichtlich, dass das Misstrauen gegenüber der Regierung schon seit Beginn der „Perestroika“, die die Sowjetunion retten sollte, existiert. Zusammen mit dem wachsenden litauischen Nationalbewusstsein und den litauischen Unabhängigkeitsbestrebungen wuchsen auch die Ängste der Polen um ihre Zukunft und vor der Dominanz der Litauer im unabhängigen Litauen. Dieses Misstrauen wurde von Moskau gefördert. Die Polen Litauens begannen, über eine Autonomie nachzudenken. Die junge litauische Regierung verstand die polnischen Bestrebungen einzig als ein Projekt Moskaus, das eine Befreiung Litauens aus dem Griff der Sowjets verhindern sollte. Die Politiker waren überzeugt, dass, wenn dieses Projekt scheitern und Litauen die Unabhängigkeit erreichen sollte, das Vilniusser Gebiet zu einem Herd der Instabilität werden könnte, ähnlich wie die Region Transnistrien in Moldawien.

Aus Furcht vor den politischen und sozialen Zielen der Polen löste die litauische Regierung 1991 die Selbstverwaltungsräte von Vilnius und Šalčininkai auf. An ihrer statt übernahmen Regierungskommissare die Verwaltung dieser Bezirke, die entschlossen gegen die politischen Aspirationen der Polen vorgingen. Nach dem ersten Schock passte sich die polnische Gemeinschaft der Situation schnell an und organisierte sich politisch. Eine politische Organisation unter dem Namen „Wahlaktion der Polen Litauens“ wurde gegründet, die sich die Vertretung der polnischen Minderheit zum Ziel setzte. Doch viele Probleme der Polen in Litauen warten nach wie vor auf ihre Lösung, wie z.B. die Namensschreibung in der Originalsprache, die Rückerstattung von Grundbesitz und die Verwendung der polnischen Sprache in Gebieten, wo diese Minderheit konzentriert ist. [...]

Polnische Kultur im heutigen Litauen

In der Nachkriegszeit erhielten die Polen ihre ethnische Kultur durch Teilnahme an Amateurkunstaktivitäten am Leben. [...] Heute zählt Litauen über 40 polnische öffentliche Organisationen[.] [...] Auf Polnisch erscheint seit 1953 die Tageszeitung Kurier Wilenski (bis zur Unabhängigkeitsbewegung Czerwony Sztandar) und andere Zeitungen, der Radiosender Znad Wilii und mehrere Informationsportale sind tätig. Es gibt in Litauen etwa 100 polnische Amateurkunstkollektive, ein polnisches Theater und ein polnisches Dramastudio. Die enormen Bevölkerungsverluste, die Migrationsströme sowie die Russifizierungs- und Sowjetisierungspolitik haben starke Spuren in der Mentalität der Bewohner des Vilniusser Gebiets hinterlassen, manche traditionellen Werte, meist mit dem katholischen Glauben verbunden, konnten aber erhalten werden. Das hat den Polen Litauens geholfen, ihr Polentum zu bewahren.
Jacek Jan Komar

Aus dem Litauischen von Daiva Petereit
Copyright: Goethe-Institut Litauen
Dezember 2012

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