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„Menschen zu hassen ist für mich wirklich kein Familienwert“ – ein Interview mit Birutė Sabatauskaitė

Birutė Sabatauskaitė | Foto: Vytautas Valentinavičius
Birutė Sabatauskaitė | Foto: Vytautas Valentinavičius
Sie haben Menschenrechte zu ihrem Beruf gemacht: Die Aktivisten des litauischen Zentrums für Menschenrechte machen sich seit Langem für LGBTQI-Rechte stark. Auch Birutė Sabatauskaitė arbeitet seit Jahren als Anwältin für diese Organisation. Im Interview berichtet sie über das Leben der Aktivisten in Litauen, über die Jugendlichen im Land und ihre Hoffnungen für die nächste Baltic Pride Parade.

Wie werden LGBTQI-Aktivisten in Litauen wahrgenommen?

Es kommt sehr darauf an, wer die Aktivisten sind und aus wessen Perspektive sie betrachtet werden. Ich glaube, homosexuelle Aktivisten werden sehr negativ gesehen. Sie befinden sich oft sogar in lebensgefährlichen Situationen. Frauen sind beinahe unsichtbar, auch in der LGBT-Gemeinschaft. Viele glauben immer noch, eine Frau sollte von einem Mann abhängig sein.

Ich bin eher Menschenrechtsaktivistin als eine LGBTQI-Aktivistin. Das schützt mich sicher auch ein wenig. Wenn wir über Menschenrechte reden, dann gehören auch die Geschlechteridentität und sexuelle Orientierung zu den unveräußerlichen Rechten des Einzelnen. Die Baltic Pride hat ihren Teil getan, um öffentliche Diskussionen anzukurbeln und zu zeigen, dass LGBTQI-Aktivisten eine sehr vielseitige Gruppierung sind: Homosexuelle, Heterosexuelle, Eltern, Frauen, Männer, Transsexuelle und viele mehr.

Ich engagiere mich seit Jahren freiwillig mit Menschen aus aller Welt dafür, Methoden für Gespräche mit Kindern über Geschlechter, Geschlechteridentität und sexuelle Orientierung zu entwickeln. Ich erinnere mich an ein Mädchen aus England, das mich fragte: „Warum können sich die Leute nicht einfach damit abfinden, dass einige Menschen schwul sind, anstatt sie zu hassen und zu beschimpfen?“. Es gibt diese Schauergeschichte, dass Kinder homosexuell werden, wenn man mit ihnen über die verschiedenen sexuellen Orientierungen redet. Das Thema wird immer noch völlig übergangen. Jeder, der versucht hat, Geschlechteridentitäten zu thematisieren, wurde von den Verteidigern der „traditionellen“ Familienwerte angegriffen, was auch immer das sein soll. Menschen zu hassen ist für mich wirklich kein Familienwert.

Homophobie ist ein großes Problem in Litauen. Dabei wird den Minderheiten auch vieles vorgeworfen, u.a. dass die Organisationen zerstritten sind und, dass das EU Geld für Menschenrechte sehr stark umkämpft wird. Wie sehen Sie das Problem?

Das litauische Zentrum für Menschenrechte steht in Kontakt mit vielen Organisationen, die sich für LGBTQI-Rechte einsetzen: mit der litauischen „Gay League“, der „Tolerant Youth Association“ und dem „House of Diversity and Education“. Natürlich gibt es immer Streitigkeiten zwischen den verschiedenen Organisationen, aber das ist nicht nur in Litauen ein Problem. Aktivisten haben auch verschiedene Meinungen über die Prioritäten: einige sind liberaler, andere sind sozialdemokratisch. Da ist es normal, dass man sich bezüglich einiger Belange uneinig ist. Natürlich würde uns Kooperation wesentlich weiter bringen, aber manchmal brauchen wir die Zeit, um eine gemeinsame Basis zu finden.

Sie arbeiten für das litauische Zentrum für Menschenrechte. Wie sieht ihre Arbeit im Bezug auf LGBTQI aus? Gibt es irgendwelche aktuellen Projekte oder Initiativen?

Wir haben keine bestimmten Projekte für das kommende Jahr geplant; wir werden hauptsächlich als Anwälte aktiv werden, zusammen mit anderen Organisationen, wie der „Human Rights Coalition“. Aber das Filmfestival „Ad hoc: Inconvenient films“ wird nächstes Jahr wieder stattfinden, wo auch einige Filme die Themen Anti-Diskriminierung und LGBTQI behandeln. Sie werden in ganz Litauen gezeigt, auch in den kleinen Städten. Außerdem werden wir weiterhin Material für neue Gerichtsverfahren oder Gesetzesentwürfe sammeln. Einige der aktuellen Parlamentsmitglieder haben schon jetzt Gesetzesentwürfe eingereicht, zum Beispiel um Geschlechtsumwandlungen zu verbieten. Stattdessen sollten sie ein Gesetz zur Reglamentierung von Geschlechtsumwandlung verabschieden

Der LGBTQI-Bewegung und ihren Unterstützern wird oft vorgeworfen, dass sie nicht wirklich für ihre Rechte kämpfen und den Status als „Opfer“ beinahe genießen. Was sollten und können die Minderheiten selbst mehr tun?

Das ist wirklich lächerlich. Jeder kann behaupten, dass es manche Leute gibt, die ihre Arbeit nur wegen des Geldes machen. Aber glauben Sie mir, nur weil man „loud and proud“ ist heißt das nicht, dass die Arbeit für LGBTQI-Rechte geschätzt wird. Natürlich gibt es immer Menschen, die alles für Geld tun, aber es gibt nur wenige davon in den nichtstaatlichen Organisationen.

Ja, es gibt Menschen, die sich selbst in eine Opferrolle begeben: Wenn man Teil einer Gemeinschaft ist, die seit so vielen Jahren unterdrückt wird, kann das jedem passieren.

In den vergangenen Jahren waren wir damit beschäftigt, die homophobe Gesetzesentwürfe zu stoppen. Das nimmt viel Zeit in Anspruch. Jedes Mal, wenn es den Menschen gelingt, für ihr Recht auf eine Familie zu kämpfen, sieht es nur wie ein kleiner Schritt aus, weil der Status quo seit vielen Jahren derselbe ist. Der Entwurf für das Partnerschaftsgesetz hat noch keine Früchte getragen. Die Anzahl unserer Unterstützer hängt vom Parlament ab und von den Gesetzen, die es versucht durchzusetzen. Wir müssen uns dem politischen Umfeld anpassen.

Die Jugend in Litauen ändert sich. Wie ist die Jugend in das Thema LGBTQI-Rechte und auch in Ihre Organisation involviert?

Wir haben heute mehr Handlungsbereitschaft als vor 5 Jahren. LGBTQI ist sichtbar geworden, die Menschen reden darüber. Dennoch glaube ich nicht, dass es keinen großen Schritt nach vorne gab; die Jugendlichen werden immer noch von ihren Eltern und der Schule beeinflusst. Wir müssen akzeptieren, dass LGBTQI-Menschen unsere Eltern sein können, unsere Verwandten, unsere Brüder, unsere Schwestern. In der Schule sind Geschlechteridentität und Sexualität immer noch ein Tabu; in Litauen existieren nur die beiden biologischen Geschlechter in der öffentlichen Diskussion.

Wir können natürlich weiterhin die Realität ignorieren, aber die Schikane wird weiter gehen und statistisch gesehen werden viele Teanager psychologische Probleme haben, wenn sie weiterhin ihre Sexualität selbst herausfinden werden und Angst haben müssen, die Wahrheit vor ihren Liebsten zu sagen und sich zu outen. Einige werden vielleicht sogar Selbstmord begehen. So will ich mir die Zukunft nicht vorstellen.

Junge Leute gehen zu den Filmvorführungen von „Ad Hoc: Inconvenient films“, bei denen das Leben von LGBTQI-Menschen dargestellt wird. Als wir vor zwei Jahren den Film „Two Mothers“ zeigten, wollten einige Einrichtungen den Film nicht zeigen, weil es viele Proteste gab. Natürlich haben wir den Film trotzdem gezeigt. Danach bedankten sich überraschenderweise viele ältere Leute für unseren Mut.

Und wenn wir über die Jugendlichen sprechen, dann stellen wir fest, dass sie mehr Unterstützungsgruppen, die auch in Kleinstädten arbeiten, brauchen. Das würde ihnen das Gefühl geben, Teil einer Gemeinschaft zu sein und ihnen helfen, diejenigen zu unterstützen, die noch nicht geoutet sind und nicht wissen, wie sie mit ihrer Situation umgehen sollen.

Wie einflussreich sehen Sie Ihre Organisation in Litauen?

Das ist schwer einzuschätzen. Wir sind nicht die wichtigste Organisation, die sich für die LGBTQI-Rechte einsetzt. Im Laufe der zwei Jahre nach der Vilnius Pride Parade, die von der litauischen „Gay League“ organisiert wurde, gab es viele negative Reaktionen in den Medien; aber die Menschen haben endlich über das Thema geredet, was eine sehr positive Entwicklung ist! Deshalb beschäftigen sich auch Politiker viel öfter mit dem Thema.

Wir organisieren verschiedene Veranstaltungen und betreiben Aufklärungsarbeit. Einmal haben wir eine Diskussion über Transsexualität veranstaltet. Ich bin mir sicher, dass der Großteil des Publikums noch nie einen Transsexuellen gesehen oder gehört hatte und sicher dieses Bild einer glitzernden Drag Queen im Kopf hatte, anstatt in ihnen die Menschen zu sehen, die sie sind. Die Menschen wollen Informationen haben, nur so kann man die Einstellung und Gesetze beeinflussen. Wir Aktivisten werden von den Menschen dort draußen inspiriert: mutige Lehrer, die mit ihren Schülern über die gleichgeschlechtliche Familie reden, auch wenn ihre Karrieren bedroht sind. Kinos, die attackiert werden und sich gegen das inoffizielle Verbot von Filmen seitens der Stadtverwaltung wehren. Der Mut derer, die auf der Pride Parade mit marschieren, LGBTQI-Aktivisten, die seit Jahren für die Sache eintreten, selbst wenn sie persönlich bedroht werden.

Meiner Meinung nach, brauchen wir mehr Menschen, die „out and proud“ sind. Vielleicht werden bei der nächsten Baltic Pride mehr von uns gemeinsam für Solidarität und Menschenrechte demonstrieren, egal ob man sich als LGBTQI ansieht oder nicht.

Birutė Sabatauskaitė ist Anwältin für das litauische Zentrum für Menschenrechte. Sie ist seit 2002 Mitglied des internationalen Trainer-Netzwerks und Trainerin für inoffizielle Menschenrechtserziehung über Themen wie Antirassismus, Geschlechtergleichheit, Intersektionalität, LGBTQI Themen, Migration und Antidiskriminierung. Neben ihrer Arbeit im litauischen Zentrum für Menschenrechte ist sie außerdem für die „Lithuanian Young Falcon Union“ tätig und arbeitet dort mit Kindern aus Roma-Familien.
Das Interview führte Lisa-Maria Röhling.
Sie ist Studentin an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Copyright: Goethe-Institut Litauen
November 2012
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