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Neue Energien – neue Raumordnungskonflikte

© colourbox.com© colourbox.comDie Umstellung von fossilen auf regenerative Energieträger führt nicht nur zu einer Neuausrichtung des überkommenen Verhältnisses zwischen Raum und Energie, sondern auch zwischen Stadt und Land. Dies und das daraus resultierende Konfliktpotenzial beleuchtet die Studie „Genügend Raum für den Ausbau Erneuerbarer Energien?“, die das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) Mitte November 2010 vorgelegt hat.

Die schöne neue grüne Welt, die die selbst auferlegte Energiewende zum Schutz des Klimas verheißt, wird das Bild unserer über Jahrhunderte gewachsenen Kulturlandschaft nachhaltig verändern. Davon, dass die Techniken zur Regenerativenergiegewinnung nicht unbedingt einen ästhetischen Gewinn bedeuten, zeugen nicht nur das im gleißenden Sonnenlicht schillerende Kristallblau und Tiefschwarz der Photovoltaikanlagen und Sonnenkollektoren. Unter diesen sind im Zuge der staatlichen Subventionierung in den letzten Jahren die traditionell mit Ziegel- oder Schieferschindeln gedeckten Dächer unserer Städte und Dörfer bis hinaus in die letzten Einöden und hinauf in die höchsten Almhütten zu einem guten Teil verschwunden.

Technik statt Idylle

© colourbox.comEinen Vorgeschmack bieten auch die Windkraftanlagen, die optisch längst nicht mehr nur die flachen Weiten der Nord- und Ostseeküste bestimmen, sondern bis weit hinein ins Binnenland jeden noch so unscheinbaren zugigen Höhenrücken säumen. Mit ihren gewaltigen Dimensionen und rotierenden Flügeln haben sie im ländlichen Raum schon vielerorts den Kirchtürmen den Rang als landschaftsprägende Elemente abgelaufen. Und selbst wenn die Windparks zum Großteil offshore außer Sichtweite hinter den Horizont verlagert würden – was bis auf Weiteres Zukunftsmusik ist –, würden uns tausende Kilometer zusätzlicher Trassen jener gigantischen „Stahlchristbäume“ nicht erspart bleiben, die als Tragegestelle notwendig wären, um den auf dem Meer gewonnenen Strom durch Hunderte armdicker Hochspannungsleitungen in alle Winkel der Republik transportieren zu können.

Das Integrierte Energie- und Klimaprogramms (IEKP) der Bundesregierung strebt bis 2020 eine Verdoppelung des Anteils der regenerativ gewonnenen Energie am Verbrauch an. Das BBSR sieht die Raumplanung dadurch vor die Herausforderung gestellt, „weiteren Flächenkonkurrenzen mit den Belangen des Naturschutzes, des Tourismus und der Kulturlandschaft entgegenzuwirken“. Mit den Wasserkraftwerken, die sich entlang der Flüsse Isar, Inn, Main, Donau, Rhein und Mosel gruppieren, hatte sich die Bevölkerung ja noch anfreunden können. Seit jedoch immer mehr wirtschaftlich gebeutelte Landwirte ihr Auskommen als private Windmüller und Solarstromproduzenten suchen – und dies auch zu einem lukrativen Geschäft für Investoren wird –, zeichnen sich zunehmend Konflikte ab. Zumal die Aussicht auf Realitäten wie in Teilen von Nord- und Ostdeutschland, wo ganze Landstriche von Monokulturen aus nachwachsenden Rohstoffen wie Raps oder Mais und riesigen Stallungen zur Intensivviehhaltung beherrscht werden, für viele Einheimische wie Erholungssuchende wenig Idyllisches hat.

Land als Energieversorger der Stadt

© colourbox.comWeitere für die Raumordnung relevante Fragestellungen ergeben sich laut der Studie aus dem zunehmenden räumlichen Auseinanderfallen von Stromerzeugung und Stromnachfrage. So sind laut BBSR 70 Prozent der installierten konventionellen Kraftwerksleistung im städtischen Bereich lokalisiert, auf den in Deutschland 80 Prozent des Energieverbrauchs entfallen. Dies wird sich infolge der unvermeidlichen Verlagerung der Energieproduktion aufs Land, die sich bei konventionellen Kraftwerken mit Ausnahme der Braunkohleverfeuerung bisher in Grenzen gehalten hat, ändern.

Schon heute stammen zwei Drittel der elektrischen Leistung aus Wind- und Bioenergieanlagen aus dem ländlichen Raum. Der Betrieb von Biogas- und Biomasseanlagen wäre natürlich auch stadtnah vorstellbar und wird auf der Basis biogener Abfälle aus Gärten, Parks und Haushalten sicherlich auch eine zunehmende Rolle spielen. Doch schon allein mit Blick auf die Transportwege liegt die Präferenz aus ökonomischen wie ökologischen Gründen eindeutig auf einer Installation auf dem Land, wo für einen permanenten Nachschub an Betriebsstoffen und Fäkalien aus der Pflanzenproduktion und Nutztierhaltung gesorgt ist.

Um die Städte und Kommunen in die Pflicht zu nehmen, einen Teil ihres Strom- und Wärmebedarfs selbst zu produzieren, verweist das BBSR auf eine Studie im Rahmen des Forschungsprogramms Experimenteller Wohnungs- und Städtebau (ExWoSt). Diese macht auf ungenutzte Potenziale im Bereich der Solar- und Geothermienutzung aufmerksam und zählt dabei – zumindest temporär – städtische Freiflächen wie Brach- und Konversionsflächen, Baulücken und Reserveflächen ebenso zu den energetischen Nutzflächen wie Dächer und Fassaden sowie, zur Gewinnung von Erdwärme, den Untergrund.

Datendefizite

Um den weiteren Ausbau der Regenerativenergien möglichst raumverträglich und konfliktarm gestalten zu können, erachtet die BBSR-Studie die realistische Beurteilung der Potentiale für besonders wichtig. Doch hier sehen die Experten vor allem aufgrund fehlender beziehungsweise unzugänglicher Daten Defizite. „Dies erschwert es den Regionen wie Kommunen, sich einer ergebnisoffenen Analyse und einem Diskurs zur Erreichung der bundes- wie landespolitisch gesetzten Ziele zu stellen“, lautet ihr Resümee. Ansonsten empfehlen sie dringend, dem Wandel von großen zentralen zu kleinen, verteilten Energieerzeugungseinheiten seitens der Stadt- und Raumentwicklung und der Raumwissenschaften Rechnung zu tragen.

Roland Detsch
arbeitet als Freier Redakteur, Journalist und Autor in Landshut und München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Januar 2011

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