Umwelt

Perspektiven einer ökologischen Stadtentwicklung

Rot markierte Fahrradaufstellfläche  in Hannover.
Cop: picture-alliance / dpaPlanen für den Klimawandel, Bauen in Zeiten steigender Energiepreise, umweltverträgliches Wohnen mit kurzen Wegen zur Arbeit – die Notwendigkeit einer ökologischen Stadtentwicklung ist heute unbestritten.

Doch die Umsetzung in der Praxis ist komplex und kompliziert. Denn wer dauerhaft gesunde Lebens- und Arbeitsbedingungen sicherstellen will, muss alle wesentlichen Bausteine dafür in Einklang bringen. Und das heißt: energieeffizientes Bauen mit umweltverträglichen Baustoffen verbinden, schonend mit Wasser umgehen, die vorhandene Vegetation schützen, Begrünungskonzepte umsetzen, Abfälle vermeiden und die Prinzipien einer umweltfreundlichen Verkehrsplanung beachten.
Keine leichte Aufgabe, denn diese Bausteine stehen in vielfältigen Wechselwirkungen zueinander, sie bedingen und beeinflussen sich – und manchmal widersprechen sie sich sogar.
Nicht zuletzt spielen auch die Kosten für Bau, Betrieb und Unterhalt von Gebäuden und städtischer Infrastruktur eine entscheidende Rolle in diesem Koordinatensystem.

Gemeinsamer Nenner

Niedrigenergiehaus
Cop: picture alliance / Picture PressJens Libbe, Experte für Umwelt und Verkehr beim Deutschen Institut für Urbanistik (Difu), betont: „Bei aller Komplexität gibt es einen gemeinsamen Nenner für eine ökologisch orientierte Stadtentwicklung, und das ist der Erhalt kompakter Strukturen. Denn wer Urbanität fördert, also innerstädtisch für Nutzungsmischungen und eine attraktive Infrastruktur für Wohnen, Arbeiten und Freizeit sorgt, vermeidet umweltschädliche Verkehrsströme und Suburbanisierungsprozesse.“

So begleitet das Difu zum Beispiel das Programm Refina (Forschung für die Reduzierung der Flächeninanspruchnahme und ein nachhaltiges Flächenmanagement), das als Teil der Nationalen Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung durchgeführt wird. Es geht um einen effizienteren Umgang mit Grund und Boden: Bisher werden für neue Siedlungs- und Verkehrsflächen in Deutschland 120 Hektar pro Tag verbraucht, das Ziel der Refina-Strategie ist die Reduktion auf 30 Hektar bis zum Jahr 2020. Erreicht werden soll das unter anderem dadurch, dass Kommunen gemeinsame Gewerbegebiete ausweisen.

Energetische Stadtsanierung

Cop: picture-alliance / dpa/dpawebWegen der aktuellen Klima-Problematik steht derzeit die energetische Stadtsanierung ganz oben auf der Agenda der Planer und Architekten. Zahlreiche Projekte zur effizienten Wärmedämmung von Häusern, zur Gebäudeklimatisierung und nur Nutzung alternativer Energieformen wie Photovoltaik und Erdwärme sind im Praxistest. Niedrigenergiehäuser und Solarsiedlungen werden gebaut, Perspektiven einer dezentralen und emissionsfreien Energienutzung erprobt.

Dabei können die Akteure auf Erfahrungen aus stadtökologischen Modellvorhaben von Anfang der 1990er-Jahre zurückgreifen. In Berlin-Hellersdorf etwa wurde ein Plattenbau mit knapp 200 Wohnungen unter ökologischen Gesichtspunkten beispielhaft modernisiert. Der Wärmebedarf reduzierte sich durch Fassadendämmung und neue Fenster, der Wasserverbrauch ging durch Regenwassernutzung und Wassersparinstallationen zurück, das Mikroklima konnte durch neues Grün an Fassaden und auf Freiflächen verbessert werden.

Dezentrale und flexible Lösungen

Viele Projektansätze von damals haben sich inzwischen vom Experiment zum Standard entwickelt. Dennoch gibt es in der ökologischen Stadtplanung keine Lösungen nach „Schema F“ – dafür sind die Rahmenbedingungen in den einzelnen Quartieren viel zu unterschiedlich.

Der Grundstein für eine nachhaltige Stadtentwicklung ist Detailarbeit vor Ort: der quartiersspezifische Umgang mit Energie, Wasser, Freiflächen und Baustoffen. Doch dieser Grundstein muss eingebettet sein in ein städtebaulich überzeugendes Konzept und eine schlüssige Gesamtplanung, die ökologische, soziale und ökonomische Ziele berücksichtigt.

So müssen die Planer auch auf die demografischen Veränderungen in Deutschland reagieren. Wie lässt sich zum Beispiel in Regionen mit dramatischen Bevölkerungsverlusten die Verkehrsinfrastruktur aufrechterhalten? Die Lösungen sind dezentral und flexibel: Bürgerbus-Initiativen, Vereine mit ehrenamtlichen Busfahrern, die das ausgedünnte Netz ergänzen und für Mobilität sorgen, auch da, wo der öffentliche Personennahverkehr nicht (mehr) hinkommt.

Verhalten der Bewohner spielt entscheidende Rolle

Und wie geht man in Städten, die wegen ihrer dichten Bebauung „Wärmeinseln“ sind, mit den spürbaren Folgen des Klimawandels, mit steigenden Temperaturen und Extremwetterlagen um? Abschließende Antworten darauf gibt es noch nicht. Doch so viel steht für Jens Libbe vom Difu fest: „Diese Veränderungen sind von Menschen gemacht, also kann der Mensch auch die Folgen beeinflussen.“ Ökologische Stadtplanung sei ein Prozess, der nicht auf das technische Know-how von Planern, Architekten, Ingenieuren und Wissenschaftlern zu reduzieren sei: „Es geht um eine interdisziplinäre Zusammenarbeit, in der auch das Verhalten der Bewohner und Nutzer eine entscheidende Rolle spielt.“ Jeder Einzelne muss erkennen, dass er mit seinem Verhalten auf die Lebensbedingungen seines Viertels Einfluss nimmt.
Elisabeth Schwiontek
ist freie Journalistin in Berlin.

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Mai 2008

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