Artikel über Lettland

Was für Sitten!


Von Matthias Kolb

Schwulenhasser in Osteuropa bewerfen Teilnehmer des Christopher Street Day mit Dreck

Voller Stolz reckt der Junge sein Pappschild in die Höhe. Er ist erst acht Jahre alt und läuft schon bei einer Demo mit. Neben ihm marschieren seine Mutter und seine kleine Schwester. Überall in der Altstadt von Riga kleben Sticker, auch auf dem Plakat des kleinen Jungen. Darauf steht: »Homosexualität ist unmoralisch«, darunter prangt ein rotes Verbotsschild mit zwei Strichmännchen beim stilisierten Analverkehr.

Der Junge demonstriert mit rund 200 anderen gegen die »Gay Pride«-Parade in der lettischen Hauptstadt. Sie fand am 3. Juni unter hohen Sicherheitsbedingungen statt; auf jeden der 500 Teilnehmer kamen zwei Polizisten, und so blieb es weitgehend friedlich. Ein Jahr zuvor hatten radikale Gegner und Nationalisten Eier, Steine und Beutel voller Exkremente auf die Schwulen und Lesben geworfen. Szenen, die sich in ähnlicher Weise auch in Bukarest, Sofia und Moskau abspielten.

In London, Berlin und Stockholm hingegen sind die Paraden zum Christopher Street Day bunte Straßenfeste. Erinnert wird an den 28. Juni 1969: Damals kam es zu einem Aufstand, nachdem die Polizei ein Schwulenlokal in der New Yorker Christopher Street gestürmt hatte. Die Emanzipationsbewegung der Homosexuellen begann.

Die Trennlinie zwischen Westeuropa und den neuen EU-Mitgliedern zeigt sich wohl nirgends so deutlich wie beim Umgang mit Homosexualität. 2005 erklärte zum Beispiel der lettische Transportminister Ainars Šlesers, »in einem christlichen Land wie Lettland gibt es keinen Platz für Perverse«; eine Äußerung, die in Westeuropa wohl zum Rücktritt führen würde, nicht aber in Lettland.

Die Homophobie in Osteuropa offenbart ein fehlerhaftes Demokratieverständnis, in dem Meinungs- und Versammlungsfreiheit nicht für Minderheiten gelten. Hauptargument der Politiker und Kirchenvertreter: Die Mehrheit der »anständigen Bürger« wolle keinen schwulen Umzug sehen.

Für die Vorbehalte gibt es zahlreiche Gründe: In der Zeit des Kalten Krieges war das Thema tabu, in der Sowjetunion wurde Homosexualität unter Männern sogar mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft und in die Nähe von Pädophilie gerückt. Die Kirchen, egal ob katholisch, protestantisch oder orthodox, sehen in der Homosexualität eine Gefahr für die Familie. Homophobie ist vor allem bei den Modernisierungsverlierern verbreitet, also den Menschen, die von der rasanten Entwicklung nicht profitieren.

Im Gegenzug sind überall in Osteuropa Nichtregierungsorganisationen entstanden, deren Mitglieder die Situation der Schwulen und Lesben verbessern wollen. Das Büro von Mozaika in Lettland hat aus Sicherheitsgründen kein Klingelschild: Nur wer den Zugangscode kennt, kommt rein. Drinnen wartet der 40-jährige Maris Sants, er besucht kein Café in der Altstadt von Riga mehr: Zu oft haben ihn Radikale, die ihn erkannten, bespuckt und bedroht. Sants merkte schon mit zwölf, dass er schwul ist also »krank und verrückt«, wie seine Mutter sagte. Zunächst hielt er alles geheim, wurde evangelischer Pastor, heiratete und zeugte drei Töchter. Schließlich outete er sich in der Familie und feierte heimlich Gottesdienste für Schwule. 2002 wurde er verraten, die Kirche schloss ihn aus. Heute arbeitet er als Psychotherapeut. An den Wochenenden fährt er mit seinem Freund aufs Land, wo ihn keiner kennt. Viele Homosexuelle ziehen sich in versteckte Landhäuser zurück.

Regelmäßige Paraden seien ein wichtiger Schritt hin zur Normalisierung, glauben die Aktivisten. Irgendwann würden die Gegner den Protest aufgeben, sagt Tomasz Szypula von der polnischen Kampagne gegen Homophobie. »Polen hat kein Problem mit Schwulen, sondern ein Problem mit Sexualität im Allgemeinen«, sagt er. Es gebe zu wenig Aufklärung auch für Heterosexuelle.

In Slowenien und Tschechien wurden gleichgeschlechtliche Partnerschaften mittlerweile legalisiert, in Estland und Lettland werden die Verbände immerhin in den Ministerien empfangen. Davon kann in Polen, aber auch in Russland, Serbien und Rumänien keine Rede sein. Der Pole Szypula fragt sich manchmal selbst, weshalb er sich regelmäßig mit Eiern bewerfen und als pervers beschimpfen lässt, statt anonym zu bleiben. Aber er sagt, er kämpfe für ein höheres Ziel als die Rechte der Homosexuellen: »Es geht darum, dass unsere Gesellschaft toleranter wird und demokratischer.«

Text: Die Zeit, 28.Juni 2007, S. 18

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