Carolyn Christov-Bakargiev und die Documenta 13
In Kassel laufen die Vorbereitungen zur Documenta, die 2012 in ihrer 13. Auflage unter der Regie von Carolyn Christov-Bakargiev stattfindet, bereits auf Hochtouren. Am 3. Dezember 2008 wurde Christov-Bakargiev (geboren 1958 in New Jersey) zur künstlerischen Leiterin der Documenta 13 berufen, die vom 9. Juni bis zum 16. September 2012 in Kassel zu sehen sein wird. Sie wird nach Catherine David die zweite weibliche Kuratorin der Documenta sein. Die Tochter eines Bulgaren und einer Italienerin hat zuvor als Kuratorin am PS1, einem Ableger des Museum of Modern Art, in New York gearbeitet und ist heute Direktorin des Kunstmuseums Museo di Arte Contemporanea im Castello di Rivoli in Turin. Im Jahr 2008 leitete die Kunsthistorikerin, deren Spezialgebiet die Arte Povera ist, die Sydney-Biennale.
Visuelles Erscheinungsbild
Die italienische Grafikdesign-Agentur Leftloft, die das visuelle Erscheinungsbild der Ausstellung gestaltet, hat auch den Schriftzug „Documenta 13“ entwickelt. Dabei handelt es sich nicht um ein „traditionelles Logo“, denn die Schriftart kann bei den verschiedenen Medien wie Pressemitteilung, Website oder Briefkopf variieren. Dazu erklärt Christov-Bakargiev: „Die Documenta hat seit ihrem Beginn in den 1950er-Jahren in den meisten Fällen ein kleines d anstatt eines großen Ds verwendet. Während dies in ihren Anfängen eine radikale demokratische Geste und eine Entscheidung des Designs war, ist heute die Nicht-Großschreibung von Wörtern ein Beispiel für eine von vielen unbeabsichtigten Gesten der digitalen Welt, die Nachrichten über Netzwerke und rund um den Globus schickt. Die normalen Schreibregeln umzudrehen, indem man das restliche Wort in Großbuchstaben schreibt, erfordert aktives Engagement, Aufmerksamkeit und einen gewissen Mehraufwand an der Tastatur. Leftloft’s Entwicklung ist interessant und bringt in ihrer Verbindung zum frühen modernen Grafikdesign des zwanzigsten Jahrhunderts symbolische Bedeutung mit sich.“Erste Werke
Einmalig in der Geschichte der Documenta ist die Präsentation des ersten Kunstwerkes zwei Jahre vor dem eigentlichen Beginn der Ausstellung. Schon im Juni 2010 wurde die Arbeit Idee di Pietra (Ansichten eines Steins) des italienischen Künstlers Giuseppe Penone, der bereits an drei Documenta-Ausstellungen teilgenommen hat, in der Kasseler Karlsaue installiert. Er ließ dort einen etwa neun Meter hohen Bronzebaum in die Erde setzen, in dessen oberen Ästen ein großer Stein liegt. Neben diesem rätselhaften Denkmal wächst ein kleiner echter Baum empor. Nach Darstellung der Documenta-Leiterin werden sich in dieser Skulptur „Natur und Kultur verbinden“. Außerdem zeigt dieses Werk, dass die Arte Povera, die sich in den 1960er-Jahren in Italien entwickelte – mit ihrem prominenten Protagonisten Penone – eine wichtige Basis der Documenta 13 bildet.AND AND AND ist eine Künstlerinitiative, die die Zeit bis zur Documenta 13 im Jahr 2012 nutzen wird, um gemeinsam mit anderen Künstlern, Künstlerinnen und Kulturschaffenden aus der ganzen Welt die Rolle von Kunst und Kultur in der heutigen Zeit zu untersuchen. Die so entstehende Serie künstlerischer Interventionen und Ereignisse ist Teil der Documenta 13. Sie leistet eine Bestandsaufnahme unterschiedlichster zeitgenössischer Positionen und bietet verschiedene Anknüpfungspunkte für eine Auseinandersetzung. Bis Ende Dezember 2010 fanden weltweit bereits sechs Veranstaltungen von AND AND AND statt.
100 Notizen – 100 Gedanken
Im Vorfeld der Documenta 13 hat Carolyn Christov-Bakargiev außerdem eine Publikationsreihe unter dem Titel 100 Notizen – 100 Gedanken beim Hatje-Cantz-Verlag in Auftrag gegeben. Von Faksimiles handschriftlicher Notizen über Essays, transkribierten Gesprächen bis zu Künstlerbüchern reicht die Vielfalt der Formate. Mit Beiträgen von Autoren aus unterschiedlichsten Disziplinen wie Kunst, Naturwissenschaft, Philosophie und Psychologie, Anthropologie, Ökonomie und Politikwissenschaft, Literatur- und Sprachwissenschaft sowie Dichtung bildet die Serie einen Ort innerhalb der Documenta 13, an dem untersucht wird, wie das Denken als Quelle menschlicher Vorstellungen von der Welt fungiert.Anders als feststehende Aussagen sind Gedanken immer Variationen. Dies ist der Hintergrund, vor dem die Notizbücher entstehen. Darunter befindet sich auch der Brief an einen Freund von Carolyn Christov-Bakagiev, in dem sie einen Einblick in ihren Arbeitsprozess gibt und einige Schlüsselfragen der Documenta 13 umreißt: „Was kann diese Ausstellung heute sein angesichts der Heterogenität des von ihr angesprochenen Publikums und der historischen Entwicklung von Gruppenausstellungen zu einem nichtkommerziellen Ort der intensiven Versammlung?“ – Die von Leftloft gestalteten Notizbücher erscheinen ab März 2011 in drei verschiedenen Formaten in Englisch und Deutsch.
Mit der Öffnung der Grenzen zwischen den Disziplinen und Wissensfeldern und der Betonung von prozessualen Fragen entsteht die Documenta 13, die die künstlerische Leiterin zusammen mit einer Reihe von „Agenten“, Beratern und Künstlern plant, aus einem Denken in miteinander verschränkten Ontologien anstatt aus der Verfolgung eines klar definierten kuratorischen Konzeptes. Im Oktober 2009 hielt Carolyn Christov-Bakargiev in San Francisco einen Vortrag über die Documenta 13 und gab darin der Ausstellung das Motto „Der Tanz war sehr frenetisch, aufbrüllend, gerasselt, klingelnd, verdreht, rollend und dauerte (für) lange Zeit“. Eine poetische, erzählerisch-bildhafte Haltung als Herangehensweise, die für 2012 eine spannende Ausstellung verspricht.
Bettina Becker
ist Kulturwissenschaftlerin. Sie arbeitet als Dozentin und Autorin in Kassel.
ist Kulturwissenschaftlerin. Sie arbeitet als Dozentin und Autorin in Kassel.
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Februar 2011
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