Eine Summe aus vielen Zeichen


Leftloft ist mehr als nur eine Designagentur. Im Grunde ist sie ein Thinktank, der Ideen für visuelle Innovationen hervorbringt. Und sie steht hinter der visuellen Identität der dOCUMENTA (13)
Andrea Braccaloni ist ein stattlicher, dunkelhaariger Mann, er lebt und arbeitet in Mailand. Seine Internetseite Dribbble.com bietet das typische Portfolio eines talentierten Illustrators und Typografen: hübsche Zeichnungen von marinierten Birnen, die für einen Kochbuchverlag entstanden, oder auch Infografiken zu den CO2-Emissionen verschiedener Verkehrsmittel. Gewöhnliche, kommerzielle Aufträge. Daneben arbeitet Andrea Braccaloni gemeinsam mit Francesco Cavalli und Bruno Genovese an einer radikalen Erneuerung der zeitgenössischen Design-Sprache: am neuen Layout der Tageszeitung Corriere della Sera und am Look der legendären Moleskine-Taschenkalender.
Diese drei Designer, die gemeinsam das italienische Label Leftloft bilden, sind auch für die kompromisslose, nüchterne und auf vorbildliche Weise der Tradition verhaftete visuelle Identität der nächsten Kasseler documenta verantwortlich.
– Die wahre Identität der documenta – äußerten die Grafiker in einem Interview – kann als die Summe von vielen unterschiedlichen Zeichen und Bedeutungen beschrieben werden, eher als ein Prozess denn eine festgeschriebene Wirklichkeit.
Auf eben dieser Idee beruht die von den italienischen Designern entwickelte visuelle Identität der Ausstellung. Seit 50 Jahren wird der Name „documenta” mit Kleinbuchstaben geschrieben – als eine bewusste designerische Entscheidung aber auch als ein Ausdruck des demokratischen Charakters der Veranstaltung. Die Designer von Leftloft haben gemeinsam mit der Kuratorin der documenta Carolyn Christov-Bakargiev ein neues Konzept entwickelt: den Schriftzug dOCUMENTA (13), der sich klar von dem allgemeinen, von den neuen Medien ausgehenden Trend der Kleinschreibung bekannter Wörter, Begriffe und Redewendungen abgrenzt. Die Designer selbst bezeichnen ihren Entwurf hintergründig als Nicht-Logo. Und tatsächlich präsentiert sich das Design der Leftloft-Visionäre weniger als ein konkretes Zeichen denn als eine universelle Regel. Auf der Internetseite Leftloft.com wird deutlich, wie dieses Nicht-Logo funktioniert:
Die Designer haben nichts gegen die Verwendung unterschiedlicher Schriftarten und Schriftgrößen.
„Wir wollten nicht riskieren, den Charakter der documenta durch die Vorgabe einer bestimmten, festgelegten visuellen Identität zu verändern. Aus diesem Grund haben wir uns dafür entschieden, nicht einfach überall ein und dasselbe Zeichen anzubringen, sondern stattdessen eine visuelle Syntax zu entwickeln.“

In der Praxis bedeutet dies, dass der Ausstellungsname auf den diversen documenta-Materialien in unterschiedlichen Schriftarten erscheinen wird. Diese Schriftarten werden sich deutlich voneinander unterscheiden, ebenso wie die Position des Schriftzugs auf den Materialien: Auf Briefumschlägen wird sich der Schriftzug dOCUMENTA (13) am linken Rand befinden, auf Briefbögen wird er vertikal ausgerichtet sein. Auf der offiziellen Internetseite der documenta erscheint der Ausstellungsname gleich in drei unterschiedlichen Schriftarten.
Weniger fortschrittliche Designer, die an feste Designregeln und Corporate Design Manuals gewöhnt sind, würden hier sicherlich die Köpfe schütteln.
Dieses Spiel mit der visuellen Politik und Identität der documenta, zu dem die Leftloft-Designer die Besucher der Ausstellung einladen, erinnert ein wenig an die konstruktivistischen Experimente mit unterschiedlichen Schriftarten. Beim polnischen Publikum wecken sie möglicherweise Assoziationen mit der Konkreten Poesie von Stanisław Dróżdż:
im Ausstellungsraum präsentierten Worten, aus deren Form und Anordnung im Raum neue Bedeutungen entstehen.
„Bei der Entscheidung für die Zusammenarbeit mit Leftloft war für uns auch die Geschichte der Gruppe und ihre signifikante, symbolische Verbindung zum frühen modernen Grafikdesign des zwanzigsten Jahrhunderts von Bedeutung“ erklärte Carolyn Christov-Bakargiev. Braccaloni, Cavalli und Genovese studierten gemeinsam an der Politecnico di Milano. Durch ihren Professor Giovanni Anceschi wurden sie in die Geheimnisse der visuellen Kommunikation eingeführt. Anceschi war ein Designer und Kunsttheoretiker, der sich in den 60er-Jahren mit Kinetischer Kunst beschäftigte und später eine Theorie der Funktionalität von Zeichen in der Kommunikation entwickelte.
Publizistin, Kunstkritikerin
Übersetzung: Heinz Rosenau
Copyright: Goethe-Institut Polen
Januar 2012








