Ökofeminismus


Wie könnte eine Kunst aussehen, die die Ideen des Ökofeminismus vermittelt (einer Ökosophie, die mehr mit dem Posthumanismus als mit Feminismus und Ökologie gemein hat)? Diese Frage stellte sich die Künstlerin Judith Hopf im Rahmen einer Diskussion im Vorfeld der dOCUMENTA(13) in Kassel.
In ihren eigenen Arbeiten – Filmen, Skulpturen und diversen Gemeinschaftsprojekten – geht es Judith Hopf um eine Dekonstruktion der Strukturen von Herrschaft, Autorität und festgelegten Verhaltensmustern. Die Absurdität gewisser alltäglicher Verhaltensweisen beschreibt sie am liebsten in – nicht selten schockierenden – Filmen, in denen sie selbst die Hauptrolle spielt. Sie nutzt das Überraschungsmoment, um zu veranschaulichen, wie leicht wir uns sozialen Zwängen oder den Erwartungen anderer unterwerfen. In einer scheinbar langweiligen Szenerie erscheint plötzlich eine bewegliche Statue, Passanten führen einen Veitstanz auf, und Krankenhausflure füllen sich mit zu elektronischen Rhythmen tanzenden Zombies. In ihren filmischen Arbeiten beschäftigt sich Hopf mit dem Verhältnis von Innen- und Außenwelt – mit der Integrität unseres öffentlichen Ichs, unseres Körpers und unserer äußeren Erscheinung sowie unseres Denkens. Die zentrale Frage lautet: Wodurch entsteht Identität?
Kein Wunder also, dass gerade Hopf, die als untypische politische Künstlerin gilt, in Kassel von Jakob Schillinger nach dem Wesen des Ökofeminismus und einer möglichen ökofeministischen Kunst befragt wurde. Intuitiv könnte man annehmen, dass es einfach um eine künstlerische Verbindung von Weiblichkeit und Natur geht – die Sache ist jedoch wesentlich komplizierter. Die Diskussion fand am 25. Mai 2012 im Rahmen der Vortragsreihe der Schule für Weltgewandte Begleiterinnen und Begleiter statt, in der die Themen und Fragestellungen der diesjährigen dOCUMENTA(13) umrissen werden. Der Ökofeminismus lässt sich am ehesten als eine Ökosophie beschreiben, in der es um die Identität des Einzelnen in der Gesellschaft geht – an dieser Stelle wird der Zusammenhang mit den Arbeiten von Judith Hopf bereits deutlich.
Von der Theorie zur Praxis
Der Begriff selbst wurde 1974 in Frankreich von Françoise d'Eaubonne in ihrem Buch Le féminisme ou la mort geprägt und bezog sich tatsächlich zunächst auf eine Verbindung von Ökologie und Feminismus. Schon bald darauf wurde er jedoch vom Environmentalismus vereinnahmt, der ihn in einem weiteren Kontext verwendete. Ein solcher Ökofeminismus bezieht sich sowohl auf männliches als auch auf weibliches Handeln – es ist kein im strengen Sinne feministischer Begriff, da er nicht die Situation von Frauen, sondern vielmehr eine bestimmte Sichtweise auf den Menschen und seine Geschichte beschreibt. Der Ökofeminismus argumentiert, dass der Mensch (egal welchen Geschlechts) Frauen auf eine ähnliche Weise behandelt wie die Natur. Aus dieser Denkweise ging wiederum eine Bewegung hervor, deren Anhänger die Ansicht vertreten, dass die Unterdrückung der Frau denselben Ursprung hat wie die Zerstörung der Umwelt.
Während es also im Feminismus um die Unterdrückung der Frau geht, so geht es im Ökofeminismus um die Unterdrückung der Natur, die jedoch gleichfalls als eine erweiterte Sphäre des Weiblichen begriffen wird. Der Mann als Stereotyp will sowohl die Natur als auch die Frau dominieren, sie unterwerfen und zu einer Ware machen. Die bekanntesten Autorinnen des Ökofeminismus, Cathleen und Colleen McGuire vertreten die Auffassung, dass das beherrschende Paradigma des patriarchalischen Systems auf dem Dualismus von „dominierend“ und „dominiert“ beruht und die folgende Hierarchie bildet: Gott, Mann, Frau, Kinder, Tiere, Umwelt.
Ökofeministische Untersuchungen befassen sich also unter anderem mit dem Zusammenhang zwischen dem Sexismus, der Unterdrückung der Natur (z. B. in Form von Tierquälerei oder Tierversuchen), dem Rassismus und sämtlichen anderen Formen von Diskriminierung und sozialer Ungerechtigkeit. Die Anhänger der ökofeministischen Bewegung fordern wiederum eine Rückkehr zur Natur oder zum Leben in kleinen Gemeinschaften. Der bekannteste Vertreter des Ökofeminismus (notabene ein Mann) Arne Næss ist der Ansicht, ein erfolgreicher Umweltschutz müsse auf vier Säulen basieren: der Tiefenökologie, dem Ökofeminismus, dem Bioregionalismus und der Ökopsychologie, die davon ausgeht, dass die volle Entfaltung des individuellen Potenzials zu einem Verständnis der gegenseitigen Abhängigkeit des Individuums und seiner Umwelt und dadurch auch zu einem tieferen Verständnis seiner selbst führt.
Ein solcher Meta-Feminismus, der eine alternative, umfassendere Methode zum Verständnis der Welt anbietet, der auf Spiritualität basiert und darüber hinaus Kritik am Anthropozentrismus, Rassismus, Imperialismus, an der Trennung in soziale Klassen und Altersgruppen sowie an allen anderen Formen der Unterdrückung übt, ist ein idealer Nährboden für die Kunst. Nicht nur für Judith Hopf.
Publizistin
Copyright: Goethe-Institut Polen
Juni 2012








