Der Krimi und seine Fans in Polen

Die polnische Kriminalliteratur erlebt im Moment ihre erfolgreichsten Zeiten. Das letzte Jahrzehnt könnte man sogar „Die goldene Dekade des polnischen Krimis“ nennen, wenn man den Ausdruck The Golden Age paraphrasiert und sich auf die klassischen Detektiverzählungen in England bezieht.
Entwicklung der polnischen Krimiliteratur
Diese Meinung wird von zwei Erinnerungen gestützt. Zum einen erinnere ich mich, als ich Ende des 20. Jahrhunderts bei der Wochenzeitschrift Polityka zu arbeiten begann. Schüchtern schlug ich Rezensionen der damals neu erschienenen Kriminalromane und Thriller sowie Interviews mit deren Autoren vor, unsicher, wie die Redakteure reagieren würden.Einige Jahre später waren auf den Fluren schon Gespräche über gelesene Krimis (zum Beispiel Henning Mankell) zu hören. Die Redaktion selbst verlangte nach Krimitexten. Und endlich erhielt im Jahr 2005 im Bereich Literatur der Kriminalautor Marek Krajewski eine der angesehensten Kulturauszeichnungen in Polen – den „Paszport“ der Wochenzeitschrift Polityka. Das war nach Andrzej Sapkowski, dem lebenden Klassiker der polnischen Fantasyliteratur, der zweite Schriftsteller aus dem Bereich Unterhaltungsliteratur, dem diese Auszeichnung verliehen wurde.
Und die zweite Erinnerung ist mit meiner Schriftstellerlaufbahn verbunden: Als im Jahr 2008 meine ersten beiden Romane erschienen, Allee der Selbstmörder (Co-Autor Marek Krajewski)
und 21:37, schauten mich meine im akademischen Bereich tätigen Kollegen wie ein medizinisches Mysterium an. Wozu muss denn ein Anthropologe (also ich) – fragten sie – „nicht ernstgemeinte“ Sachen schreiben?
Die Gruppe jener, die auf mein erzählerisches Geschreibe mit Mitleid schauten, war ziemlich begrenzt und mit den Jahren wurden es noch weniger. Der Unterschied besteht darin, dass früher Professoren Krimis lasen, aber darüber nicht sprachen. Heute ist es so, dass sie, selbst wenn sie die Krimis nicht gelesen haben, so reden, als ob sie davon Ahnung hätten, weil dieses Wissen zum guten Ton gehört. Und so passierte es, dass im Laufe von zehn Jahren die „blutige“ Literatur nicht mehr als Bastard angesehen wurde, sondern in den Blutkreislauf des literarischen Lebens einfloss und in die „Fan-Kultur“ eindrang.
Heute hat jeder Verlag in Polen, der etwas auf sich hält, seine Krimireihe oder -serie (ich erinnere nur an die Finstere Serie von W.A.B. oder die Serie mit der Angst des Verlages Czarne). Es gibt Internetportale, die sich auf diese Literatur spezialisiert haben (Verbrechen in der Bibliothek, Krimiportal, Klub Mord – der sich auf Polizeigeschichten konzentriert, aber auch das Portal deckare.pl – das sich mit der skandinavischen Kriminalliteratur beschäftigt). Eine prestigeträchtige und herausragende Auszeichnung ist der Preis „Großes Kaliber“ für die beste polnische Kriminalerzählung. Das Internationale Krimi-Festival (im Jahr 2009 nach Breslau verlegt), hat einen festen Platz im polnischen Literaturveranstaltungskalender. Man wagt immer häufiger, Bücher aus anderen als den skandinavischen Sprachen und dem Englischen zu übersetzen. An dieser Stelle muss auch erwähnt werden, dass der deutsche Krimi (ich erinnere nur an Jan Seghers, Thomas Kanger und meinen Favoriten in dieser Gruppe – Wolfgang Schorlau, und unter den Österreichern – Wolfgang Haas) auch seine Anhänger hat.
Sonderzeichen vom polnischen Krimimarkt
Unabhängig von der förderlichen Dynamik des Marktes (sie wird auch durch die jährlich wachsende Anzahl der Debüts bestätigt), hat der polnische Krimi zwei bestimmte Merkmale.Um das erste zu charakterisieren, kehren wir zum Preis „Großes Kaliber“ zurück. Seine Geschichte reicht zurück bis in die Anfänge des 21. Jahrhunderts und zu den Aktivitäten der Gesellschaft der Thriller- und Krimi-Fans Eine Leiche im Keller. Diese muntere Gesellschaft setzt sich aus – was überraschend erscheinen mag – bekannten, polnischen, moderne Poeten (u.a. Marcin Baran, Piotr Bratkowski, Marcin Świetlicki) zusammen, welche ihre Liebe zum Kriminalroman in einem poetischen Band „Tribut an Chandler“, der noch im letzten Jahrhundert herausgegeben wurde, mit den Lesern teilen. Ohne diese und viele andere Personen, ohne das Polnische Buchinstitut und, selbstverständlich, ohne den spiritus movens dieses Unternehmens – Irek Grin, würde das Krimi-Festival nicht existieren.
Kurz gesagt: Der Krimi gehört in Polen zur „Fan-Kultur“. An einer Hand - und das ist eine Holzfällerhand - kann man die Krimiautoren, welche vom Schreiben „blutiger“ Bücher angemessen leben können, abzählen. Für die erdrückende Mehrheit ist Schreiben nur ein Abenteuer und Zusatz zu einer anderen beruflichen Aktivität. Zu dieser illustren Gruppe gehören Journalisten und Informatiker, Lehrer, Akademiker und auch ein Vorstandsdirektor eines Straßen- und Brückenbauunternehmens.
Polnische Krimiautoren haben ihre Tätigkeiten nicht institutionalisiert und keine Klubs und Kooperationen gegründet, wie sie für den englischsprachigen Markt typisch sind.
Es gibt in Polen kein Äquivalent des berühmten, britischen Detective Club oder der mächtigen Institution, wie sie die Mistery Writers of America in den Vereinigten Staaten ist. Das literarische Leben um die Krimis spielt sich spontan ab und – ich erlaube mir hier eine private Meinung – das soll auch so bleiben.
Neben der großen Zahl der Fans, ist das zweite Merkmal die Reichweite des polnischen Krimis und seine damit verbundene lokale Auswirkung. Zwar werden einheimische Autoren in andere Sprachen übersetzt (die Romane von Marek Krajewski in fast 20 Sprachen), aber die Auswirkungen dieser Literatur weltweit sind nur spurenhaft. Wir warten immer noch auf den Funken, der ein „kriminales Feuer“ entfacht und dazu führt, dass Krimis aus Polen (aber auch aus anderen mittel- und osteuropäischen Ländern, diese Anmerkung bezieht sich auf die gesamte Region) ihre Fans in vielen Ländern finden.
Die Stärke der polnischen, blutigen Geschichten ist ihre Mehrdimensionalität und Vielfältigkeit. Wir haben Autoren, wie Marek Krajewski, Marcin Wroński, Tadeusz Cegielski oder Paweł Jaszczuk, die sich auf Geschichten spezialisieren, die in der Vergangenheit spielen. Immer stärker wird der Trend, dass ein Krimi nicht nur Rätsel aufgibt, sondern auch eine Vivisektion der Gegenwart durchführt (erwähnenswert sind hier Zygmunt Miłoszewski sowie Tomasz Konatkowski). Und außerdem gibt es Autoren wie Marcin Świetlicki, für die der Kriminalroman ein Vorwand für das Spiel mit den Regeln dieses Literaturtyps und zum Testen seiner Grenzen ist. Polnische Autoren (ich hoffe, dass das kein frommer Wunsch von ihnen ist) sind immer noch auf dem erfolgreichen Weg nach oben, sie haben einen guten Grund, um weiter zu schreiben und eine „Lizenz zum Töten“. Das nächste Jahrzehnt kann also immer noch der Kriminalliteratur angehören, was man den Fans (ich gehöre zu ihnen) nur wünschen kann.
Professor für Kulturanthropologie, Krimiautor. Er veröffentlichte unter anderem „Die blutigen Hundert. Die 100 wichtigsten Kriminalgeschichten“ (zusammen mit Wojciech Burszta) „Ein Ethnologe in der Stadt der Sünde. Ein Kriminalroman als anthropologisches Zeugnis“ sowie die Romane „Allee der Selbstmörder“ und „Friedhofsrosen“ (beide Co-Autor Marek Krajewski), „21:37“, „Gutenachtlied für Mörder“. Für „21:37“ erhielt er den Preis „Großes Kaliber“ für den besten polnischen Krimi und Thriller im Jahr 2008.
Übersetzung: Bettina Lexow
Copyright: Goethe-Institut Polen
November 2011











