Art Spaces



Klangkunst, Äste und ein Hochhaus

Medienkünstler Frank Schulte berichtet von seinem Aufenthalt in Chişinău

Im Oktober 2015 zog ich für zehn Tage in eine Künstlerresidenz nach Chişinău, um gemeinsam mit der moldawischen Künstlerin Valeria Barbas das von mir konzipierte intermediäre Projekt WÄRMEPOL zu realisieren.

WÄRMEPOL beschäftigt sich mit Wünschen. Im Stadtgebiet von Chişinău gingen wir gemeinsam auf die Jagd und baten Passanten, ihnen nahestehenden Personen etwas zu wünschen. Über 160 akustische Aufnahmen und mehr als 230 handschriftlich verfasste Gedanken auf Papier kamen zustande. Die Zusammenarbeit mit Valeria erleichterte dabei vieles: die Kommunikation, die Orientierung im Stadtraum und die Auswahl der Orte.

In der zweiten Arbeitsphase wurden die Audioaufnahmen editiert und anschließend in zwei Audiokompositionen eingebracht. Im Stadtgebiet wählten wir zwei Orte für die Installation aus.

In der „Galeria Podzemka“ wurde eine intermediäre, begehbare Installation in einem alten Kellergewölbe untergebracht. Dieser unterirdische Ort fungierte dabei als „Ideen Generator“ oder auch als „Raum der unausgesprochenen Gedanken“. In einer mehrtägigen Aktion wurden Äste gesammelt, die unter der Decke befestigt, blattlos, in den Raum hingen und in dieser Weise eher wie Wurzelwerk anmuteten. An diesem Astwerk hingen die Wunschzettel an Wollfäden, nur punktuell beleuchtet durch kleine LED-Taschenlampen. Lautsprecher gaben die hierfür konzipierte mehrkanalige Audiokomposition als 35-minütigen Loop wieder. Auch die Besucher hatten natürlich die Möglichkeit, ihre Wünsche handschriftlich in die Installation einzubringen.

Der zweite Teil des Projektes sollte als permanente Installation auf der Terrasse des 25. Stockwerkes eines Hochhauses am Stadteingang realisiert werden. Der geplante „sky transmitter“ sollte unsere Audiokomposition der gesprochene Wunschbotschaften mittels eines eigens eingerichteten UKW-Radiosenders permanent und für jedermann in Himmel und Stadtraum schicken. Die Sendeanlage sollte in einem geodätischen Gewächshaus ihren Platz finden, einem Ort für Besucher und Anwohner, um gemeinsam Pflanzen zu pflegen. Das Konzept rückte den Ort als soziale Plastik in den Mittelpunkt, um den Austauschs, das zufällige Treffen und die kontemplativen Weitsicht auf den Stadtraum zu ermöglichen. Leider kam es nicht dazu: Ein Anwohner legte während des Aufbaus vehementen Widerspruch ob der Nutzungsrechte des Standortes ein. Dies ließ sich in der Kürze der Zeit leider nicht mehr aus dem Wege räumen. Aber die Möglichkeit, das Projekt nach der Klärung des Sachverhalts fertigzustellen, bleibt auf jeden Fall bestehen.

Was ich aus Chişinău mitgenommen habe ist das Gefühl, dass trotz der logistischen und organisatorischen Hindernisse, die lokale Antizipation der Arbeit und der hohe Einsatz aller Beteiligten absolut, auch emotional, überzeugend waren. Ich bin wirklich dankbar, vor Ort gewesen zu sein.