2011

„Einfach nur Dr. Lisa“

Сopyright: http://doctor-liza.livejournal.comJeder kranke Mensch hat das Recht, ohne Schmerzen und Demütigungen zu sterben. Diese Wahrheit hat die Notfallärztin Elizaveta Glinka für ihr ganzes Leben verinnerlicht, seitdem sie einmal in einem amerikanischen Hospiz gewesen ist. Seit mehr als zwanzig Jahren arbeitet die Medizinerin mit Todkranken; viele von ihnen sind wegen Krebsleiden in Behandlung. Für ihre Moskauer Patienten ist Dr. Lisa wie ein letztes Band, das sie noch mit dem Leben verbindet.

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Die winzige Frau mit den riesengroßen Augen und der tiefen Stimme ist ehrlich, offen und sehr stark. Sie wird angerufen, wenn sonst keine Hilfe mehr zu erwarten ist. Schon flitzt sie zu den Kranken – und das ganz und gar kostenlos. Elizaveta Glinka wird einfach nur „Dr. Lisa“ genannt. Sie hat in Moskau die Stiftung „Spravedlivaja pomoshh“ („Faire Hilfe“) ins Leben gerufen. Von allem, was sie tut, berichtet die Ärztin in ihrer LiveJournal-Seite. Diese wird von tausenden Menschen gelesen, denen noch nicht alles egal ist.

Menschenwürdig sterben

In Russland gibt es leider wenige Hospize, und die dortigen Aufnahmeverfahren sind –so drückt Dr. Lisa das zumindest aus – „wie an der Fakultät für angewandte Mathematik“. Experten schätzen, dass noch Tausende Hospize gebaut werden müssten, um alle diejenigen zu versorgen, die darauf angewiesen sind. Die unzähligen E-Mails, die in der Stiftung eintreffen, beginnen weitaus öfter mit einem verzweifelten „Helfen Sie mir!“ als mit dem üblichen „Guten Tag“. Und das Telefon klingelt bis zum Abwinken. Elizaveta Glinka beantwortet die Anrufe klar, schnell und zweckgebunden, und dabei ist sie immer maximal aufmerksam und konzentriert. „Wir gehen rund um die Uhr ans Telefon und schaffen trotzdem nichts!“, jammert sie.

Сopyright: http://doctor-liza.livejournal.com/Das Problem ist, dass es eben nur eine Dr. Lisa in Moskau gibt – und von denen, die sie so nötig brauchen, viel zu viele. Es muss also nach dem Prinzip der Feldlazaretts-Chirurgie gearbeitet werden. Dr. Lisa fährt mit ihrem Team zu den Menschen, die es am nötigsten haben. Zu denen der Krankenwagen nicht mehr kommt, die nicht ins Krankenhaus aufgenommen werden und kein Geld für kostenpflichtige Ärzte aufbringen können. Zu denen, die solche Schmerzen haben, dass es überhaupt nicht mehr auszuhalten ist.
Die Ärztin hastet durch die Moskauer Staus, um Leiden zu erleichtern und Leben zu verlängern – manchen um ein Jahr, anderen um eine Stunde. Es kommt auch vor, dass sie es nicht rechtzeitig schafft. Die hoffnungslos Kranken leiden manchmal nicht lange, doch jeder Augenblick ist die Hölle.

Eine Vertraute unter lauter Ausgestoßenen

Der Mittwoch ist für das Team von „Faire Hilfe“ der „Bahnhofstag“ – oder, wie Dr. Lisa es nennt, „eine zusätzliche Belastung“. Bei jedem Wetter fahren die Hilfeleistenden raus zum Pawelezker Bahnhof, wo sie von Obdachlosen und Bedürftigen erwartet werden. Zuerst werden heiße Getränke und die wichtigsten Sachen ausgegeben – Kleidung und Schuhe, Fertigsuppen, Seife, Shampoo und Medikamente (vieles davon bringen engagierte Moskauer in die Stiftung). Danach wird medizinische Hilfe geleistet: Durch Verletzungen und Schlägereien entstandene Wunden werden versorgt und Wehwehchen behandelt. Diejenigen, die hier herkommen, haben sich schon daran gewöhnt, dass die Leute sie nicht mögen. Vor allem die Vorübergehenden nicht, und die Miliz. Aber Dr. Lisa vertrauen sie wie die Kinder – denn sie kann nicht nur heilen, sondern hat auch gelernt, ihre Klientel zu verstehen. Sie hat ihr beigebracht, die Kinder vorzulassen, keinen Müll herum zu schmeißen und „Danke“ zu sagen. Dr. Lisa liebt ihre Patienten, und die lohnen es ihr damit, dass sie das gleiche Gefühl zurückbekommt.
Сopyright: http://doctor-liza.livejournal.com/Im Rahmen ihrer Möglichkeiten versucht sie, auch andere Probleme zu lösen: Papiere wieder zu beschaffen, jemanden nach Hause zu schicken, Verwandte aufzutreiben. Manche begräbt sie auch. Und dann erscheint ein neuer Eintrag im Blog.
„Ich kannte sie seit meinem allerersten Arbeitstag auf dem Pawelezker Bahnhof. Heute sah mich einer der Obdachlosen, der an der Warteschlange für das Essen vorbeiging, auf eine solche Weise an, dass es mir dämmerte: Es war passiert. Das, wovor ich Angst habe, obwohl ich weiß, dass es nicht aufzuhalten ist. „Wer? – Sag es mir.“ „Lisa, Tanka ist gestorben. Am Freitag. Meine Tanka. Klug, lieb, einfach und ehrlich. Erst vor ein paar Tagen war sie aus dem Krankenhaus entlassen worden. Vor zwei Jahren hatten wir sie aus einem Schneehaufen ausgegraben. Sie hat überlebt. Und nicht einen Mittwoch ausgelassen. Sie hat mir beigebracht, auf dem Bahnhof zu überleben. Mir hat sie es vermittelt, es aber selber nicht gekonnt. Verzeih mir, Tanja.“

Zu lieben ist schwieriger, als zu hassen

Ein Paradox besteht darin, dass einige von denen, die genug zu essen haben und mit allem versorgt sind, Lisa nicht mögen. Und zwar nicht nur die Beamten, die sie mit ihrer Detailversessenheit nervt. Es gibt auch solche, die es ihr übel heimzahlen, dass ihr die Armen nicht gleichgültig sind. Mal wird ihr Auto demoliert, mal werden die Kabel im Büro durchgeschnitten. Und dabei wissen die Übeltäter wahrscheinlich sogar, dass diese Minuten, die das Team aufgrund solcher Unannehmlichkeiten verliert, Menschenleben sind. Auch die, die der Stiftung Geld geben, werden nicht sonderlich gemocht. Viele verstehen einfach nicht, warum man das tun sollte. Und Dr. Lisa macht es traurig, dass sie sich in Interviews so oft verteidigen muss.

Сopyright: http://doctor-liza.livejournal.com/Aber Elizaveta Glinka machen auch noch andere Dinge Sorgen. Schließlich fällt noch mehr Hass auf diejenigen zurück, die sie rettet. Dabei sind sie doch kein „Abfall der Gesellschaft“, sondern lebendige Menschen, denen es jetzt schlecht geht – und Dr. Lisa kann einfach nicht verstehen, wie man Schwächeren gegenüber dermaßen gleichgültig sein kann.

Sie sagt, dass sie sich nicht an den Tod gewöhnen kann. Dr. Lisa leidet mit jedem Menschen mit, der stirbt, ohne am Ende Schmerzmittel oder ein gutes Wort bekommen zu haben. Am Vergebenssonntag (dem letzten Tag der „Butterwoche“ vor Beginn der Fastenzeit, an dem man sich nach russischem Brauch gegenseitig alle Verfehlungen vergibt, Anm. d. Übers.) schreibt sie:
„Ich bitte alle diejenigen, die ich gekränkt habe – mit Worten, Taten, Strenge, Gleichgültigkeit und Unaufmerksamkeit – heute um Vergebung. Alle die, denen ich Schmerzen zugefügt, nicht geholfen und die ich mit meinen Worten oder Gedanken verurteilt habe, vor denen ich mich versündigt habe – alle die bitte ich um Versöhnung.“

Ksenija Aleksandrova, 28 Freie Journalistin

Übersetzung: Anna Brixa

Copyright: To4ka-Treff

Juni 2011

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